Die Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 – ein persönlicher Bericht von der Preisverleihung

Die Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 – ein persönlicher Bericht von der Preisverleihung

Plakat Deutscher Jugendliteraturpreis 2026 | Bild: Antje DammIm Zug nach Frankfurt frage ich mich jedes Jahr, was bei der Preisverleihung des Deutschen Jugend­literatur­preises dieses Mal das vorherrschende Thema sein könnte. Für das Jahr 2026 habe ich auf Künstliche Intelligenz und ihre Bedrohung für das Bücherlesen sowie auf die kürzlich vorgestellten, nicht gerade positiven PISA-Ergebnisse für Deutschland getippt. Um es vorwegzunehmen, aber noch nicht alles zu verraten: Nur eines der beiden Themen wurde an dem Abend mehrfach erwähnt …

Im Zug sitzend fühlte ich mich diesmal, ehrlich gesagt, innerlich etwas müde, wenn ich daran dachte, dass die Preisverleihung im Congress Center der Frankfurter Messe – dieses Jahr am 9. Oktober – wie gewohnt ihren Lauf nehmen würde. Und in der Tat war der Ablauf, von Kleinigkeiten abgesehen, identisch mit dem der letzten Jahre. Gottseidank gab es dann aber doch zumindest zwei Momente, die mich wach haben werden lassen. Aber auch dazu erst weiter unten mehr …

Der Saal war diesmal zurückhaltender bestuhlt – an den Flanken waren Flächen, die früher genutzt worden waren, frei gelassen. Und es gab in den Stuhlreihen immer wieder ein paar nicht besetzte Plätze. Ist das Interesse an der Preisverleihung gesunken? Vielleicht sogar insgesamt an der Buchmesse? Die Besucherzahlen, die am Ende der Messe sicher verkündet werden, werden es aufklären. Was die einzelnen nicht besetzten Stühle angeht, so mögen sie der ersten Herbsterkältungswelle, die sich gerade in Deutschland ausbreitet, geschuldet sein.

Bevor mehrere Gongs den Beginn einläuteten, konnte man schon mal die Bühnengestaltung in Augenschein nehmen. Das Quaderdesign der letzten Jahre (besonders schön hier zu sehen) hatte ausgedient. Vor geriffelten beleuchteten Dekorationselementen standen am Boden drehbare LED-Scheinwerfer, die neben Leuchtstoffröhren die Hintergrundelemente in verschiedenen Farben in Szene setzen konnten. Als dann die Eingangstüren des Saals Harmonie geschlossen waren, kam Vivian Perkovic auf die Bühne und begrüßte die anwesenden Gäste mit einer kleinen Anekdote aus ihrem Leben. Öhrstöpsel eines Manns waren durch einen Kellergitterrost gefallen, und erst nach mehreren Versuchen, bei denen einige hinzugekommene Nachbarn zusammengeholfen hatten, gelang die Bergung. Sie nehme solche positiven Geschichten deutlicher als früher wahr, meinte Vivian Perkovic – vielleicht als Kontrapunkt zu Wahlergebnissen, Krisen und Kriegen, angesichts derer man sich manchmal am liebsten unterm Tisch wegducken würde. Wie das Kind auf dem diesjährigen Jugendliteraturpreisplakat von Antje Damm.

Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 | Foto: Ulf Cronenberg
Die Literanauten-Preisträger erzählen Moderatorin Vivian Perkovic von ihren besten Leseerfahrungen … | Foto: Ulf Cronenberg, Würzburg

Eigentlich sollte nach der kurzen Vorstellung der assistierenden Literanauten-Kinder dann Prof. Dr. Jan Standke, Vorsitzender des Dachverbandes Jugendliteratur (ja, der Arbeitskreis Jugendliteratur wurde umbenannt), die anwesenden Gäste begrüßen – doch er war erkrankt. Also wurde die Aufgabe an Prof. Dr. Julia Abel übertragen, ihres Amtes als Stellvertreterin zu walten. In ihrer Begrüßung ging es dann zum ersten und nicht letzten Mal an diesem Abend um die PISA-Ergebnisse. Es wurde erwähnt, dass darin ein Drittel der 15-Jährigen nicht das grundlegende Lesekompetenzniveau erreicht hätten und dass in Deutschland die Leistungen besonders von der sozialen Herkunft abhingen. Julia Abel plädierte dafür, dass Jugendlichen durchaus anspruchsvolle Bücher wie die ausgezeichneten zugemutet werden könnten – insbesondere, weil sie brisante Themen wie Flucht, Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung aufgreifen. Verlässliche Strukturen für die Leseförderung wurden gefordert. Es war einer dieser Murmeltier-Momente der Preisverleihung. Applaus garantiert, obwohl jedes Jahr mehrfach vorgebacht.

Anschließend wurden zwei der sonst üblichen Grußworte durch ein kurzes Bühneninterview ersetzt. Als neuer Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels stellte sich Sebastian Guggolz dem Publikum vor, und am Ende nach drei Wünschen für den Büchermarkt und die Leseförderung gefragt, nannte er Unterstützung, Geld und Dauerhaftigkeit. Auch hier grüßte einmal mehr das Murmeltier. Im zweiten Interview verabschiedete sich Jürgen Boos nach 20 Jahren als Direktor der Frankfurter Buchmesse und antwortete auf die Frage, was er mit der nun zur Verfügung stehenden Zeit machen würde: Er wolle sie dazu nutzen, wie in jungen Jahren die Bibliothek von vorne nach hinten durchzulesen. Ja, das war in den Interviews alles nett formuliert vorgetragen, aber mehr eben auch nicht.

Nicht nur Jan Standke war verhindert, auch die vorab angekündigte Bundesfamilienministerin Karin Prien wurde, weil in Berlin unabkömmlich, vertreten – und zwar durch ihre Staatssekretärin Dr. Petra Bahr. In den fast 20 Jahren, die ich die Preisverleihungszeremonie inzwischen besuche, habe ich einige Politikerinnen und Politiker kommen und gehen sehen; aber – und damit sei der erste Höhepunkt des Abends benannt – so sympathisch und sachkundig in Sachen Kinder- und Jugendliteratur war davon noch niemand auf der Bühne gestanden. Petra Bahrs Grußwort war vielleicht etwas lang, aber es war beherzt und persönlich vorgetragen. Petra Bahr berichtete davon, was und wie sie selbst als Kind gelesen hatte, welche Bücher sie vorgelesen hatte; sie erzählte von ihrer Großmutter, die am liebsten „in der Stadtbücherei“ lebte und als Frau mit einem nicht einfachem Leben sagte: „Bücher machen dich frei“ … Andere bemerkenswerte Sätze folgten, darunter: „Die Lust am Lesen sei der entscheidende Trigger für Lesekompetenz“. Ja, da hat Petra Bahr wohl recht. Und mal ehrlich: Das, was man als Schüler/in an einem Gymnasium bis zum Abitur gelesen hat bzw. lesen musste, taugt insbesondere in den letzten Schuljahren meist nicht zum lesefördernden Trigger.

Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 | Foto: Ulf Cronenberg
Staatssekretärin Dr. Petra Bahr bei ihrem Grußwort | Foto: Ulf Cronenberg

Auch später, als die ausgezeichneten Autorinnen, Illustratorinnen und Übersetzerinnen (ja, es waren tatsächlich diesmal nur Frauen!) auf der Bühne Rede und Antwort standen, machte Petra Bahr eine gute Figur – weil man merkte, dass sie die Preisbücher kannte und intelligente Fragen stellte. Wer ein bisschen die Vita von Petra Bahr recherchiert – ich kannte die Staatssekretärin bisher nicht –, dürfte sich nicht wundern: Früher war sie Regionalbischöfin und von 2020 bis 2025 Mitglied im Deutschen Ethikrat. Es macht wohl doch einen Unterschied, wenn man nicht lebenslang nur Politik betreibt …

Und dann ging es los mit der Bekanntgabe der Preisträger/innen. Wie schon seit einigen Jahren wurden die jeweils sechs nominierten Bücher mit animierten Buchausschnitten und der gewohnten sonoren männlichen Sprecherstimme vorgestellt. Jedes Buch bekam ein paar Sätze zugesprochen, um dessen Inhalt vorzustellen; und wie schon mehrmals von mir bemängelt, wurde es hier und da mit der Fachsprache etwas übertrieben. Meine Lieblingsformulierung in diesem Jahr: „Anthropomorphisierte Kleintiere frieren in ihren Behausungen.“ Man will mit diesen Vorstellungstexten wohl wirklich nur das studiert-intellektuelle Fachpublikum ansprechen.

Die Preise der Kritikerjury

Als bestes Bilderbuch prämiert wurde „Hier kommt ein T-Rex vor – Und das ist erst der Anfang!“ von Julie Douine (Text) und Noémie Favart (Illustration), übersetzt aus dem Französischen von Anja Kootz, erschienen im Aladin-Verlag. In dem Buch lassen ein Vater und seine Tochter ihre graue Großstadt-Lebenswelt hinter sich, indem sie ausgehend von ihrer Fantasie irgendwann ihre Stadt zu verschönern versuchen.

Ausgezeichnet als besten Kinderbuch wurde „Keine Party ist auch keine Lösung“ von Anna Maria Praßler (Text) und Theresa Strozyk (Illustration), erschienen im Klett-Kinderbuch-Verlag – ein Buch, das das Aufwachsen eines Mädchens in einem Frauenhaus thematisiert. Eigentlich darf es im Frauenhaus, dessen Standort ja geheim bleiben muss, keine Geburtstagsparty geben – doch davon will sich die Hauptfigur des Buchs nicht aufhalten lassen. Angesichts von 16.000 Kindern, die in Deutschland jährlich längere Zeit in einem Frauenhaus leben, ein wichtiges Buch.

Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 | Foto: Ulf Cronenberg
Die in der Sparte Jugendbuch nominierten Bücher … | Foto: Ulf Cronenberg

Das preisgekrönte Jugendbuch heißt in diesem Jahr „Das falsche Leben“ von Maja Nielsen (Gerstenberg-Verlag). Der Roman basiert auf der wahren Geschichte eines westdeutschen DDR-Spions, der 1979 mit seiner Familie unter einem Vorwand in die DDR reist. Doch dann darf die Familie nicht mehr aus der DDR ausreisen und muss ein „falsches Leben“ führen. Maja Nielsen bekundete im Interview auf der Bühne, zeigen zu wollen, dass auch die Familien von Stasi-Spitzeln viel zu (er)leiden hatten.

Bleibt das Sachbuch, und hier machte „Schweigen“ von Birgit Weyhe (avant-Verlag) das Rennen. In dem Sachbuch-Comic wird an zwei deutsche Frauen erinnert, denen beiden in Argentinien Schlimmes widerfahren ist. Während die 17-jährige Ellen Marx als Jüdin 1939 nach Argentinien emigriert war, studierte Elisabeth Käsemann in den 1970er Jahren in Argentinien und wurde dort nach Verhaftung und Folterung ermordet. Bei Ellen Marx ist es die Tochter, die in den 1970er Jahren während der Militärdiktatur „verschwindet“ und nie wieder auftaucht.

Interessant, aber nicht unbedingt überraschend ist, dass die Geschichten in den Preisbüchern für jüngere Leser/innen deutlich positivere Wendungen nehmen – mit Kreativität, Fantasie, Mut und Durchhaltevermögen werden schwierige Situationen gemeistert. Im Jugend- und Sachbuch geht es dagegen um Flucht, Repressionen und Diktatur – ausweglose Situationen, die die Hauptfiguren, sofern sie überleben, verarbeiten, indem sie sich später für Freiheit und Demokratie einsetzen. Dass die Bücher prämiert wurden, ist von daher wohl kein Zufall: Die historischen Vorbilder (beide Bücher spielen vor gut 50 Jahren) können Mut machen, sich gegen antidemokratische Strömungen zu wenden. Und die brauchen – nicht nur in Deutschland – gerade ein klares Contra …

Der Preis der Jugendjury

Wie jedes Jahr stellte die Jugendjury szenisch ihre sechs nominierten Bücher vor. Das kreative Element waren diesmal kleine Kreidetafeln, die unterschiedlich beschriftet waren. Ein klein wenig, fand ich, fehlte der Präsentation in diesem Jahr die Lebendigkeit und Buntheit von früher; doch die Idee der szenischen Darstellung zündet nach wie vor, weil sie die Preisverleihung auflockert.

Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 | Foto: Ulf Cronenberg
Die Jugendjury präsentiert szenisch ihre nominierten Bücher … | Foto: Ulf Cronenberg

Unter den von der Jugendjury nominierten Büchern waren zwei, die auch die Kritikerjury ausgewählt hatte: „The Bitter Side of Sweet“ von Tara Sullivan (Peter-Hammer-Verlag) und „Badjens“ von Delphine Minoui (Orlanda-Verlag, übersetzt aus dem Französischen von Astrid Bührle-Gallet). Es war das zweitgenannte Buch, das dann von der Jugendjury prämiert wurde. Die Autorin mit iranischen Wurzeln schildert in „Badjens“ das fiktive Schicksal eines Mädchens, das sich dem iranischen Regime widersetzt, indem es auf einer Demonstration ihr Kopftuch verbrennt.

Die Sonderpreise

Im Jahr 2026 gab es zwei Sonderpreise zu vergeben. Als Junges Talent wurde Franziska Hörner für ihren Jugendroman „Und mir bleibt der hässliche Hund“ (Thienemann-Verlag) ausgezeichnet. Das Buch erzählt von einem Jungen, der sich nach dem Unfalltod seiner Eltern und seiner Schwester ins Leben zurück zu kämpfen versucht – außer ihm ist von der Familie einzig noch der Hund der Schwester übriggeblieben. Gefragt, warum es ein hässlicher Hund sein musste, gestand die Autorin auf der Bühne schelmisch, dass dieser die Geschichte lustiger machen sollte.

Für ihr Lebenswerk als Autorin wurde schließlich Jutta Richter gewürdigt – eine Autorin, die über mehrere Jahrzehnte hinweg Gedichte und Bilderbuchtexte, realistische Kindheitsgeschichten und phantastische Erzählungen veröffentlicht hat. Und sie sorgte eindeutig für den zweiten Höhepunkt des Abends. In ihrer Dankesrede gab sie am Ende bekannt, dass sie ihren Preis teilen wolle – und zwar mit Kindern aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Ihr sei aufgefallen, dass sie dort noch nie Lesungen gehalten habe, und das wolle sie nachholen. Sie bot an, dass sich Schulen, die in den drei Bundesländern liegen und kein Geld hätten, bei ihr melden könnten. Jeder im Saal wusste, ohne dass es explizit gesagt worden war, warum Jutta Richter die drei Bundesländer gewählt hatte. Viel Applaus gab es für dieses Ansinnen, und für mich war das der staunenswerteste und bewundernswerteste Moment des Abends.

Verleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 | Foto: Ulf Cronenberg
Das Sofa war dieses Jahr eher Staffage als Sitzplatz – hier lauschen die Staatssekretärin und Jutta Richter der Laudatio auf die Autorin … | Foto: Ulf Cronenberg

Was bleibt

Auch nach der Preiszeremonie fühlte ich mich etwas müde, und mit Wehmut guckte ich ein bisschen auf Zeiten zurück, in denen ich mich besser in den Kreisen der Preisverleihung verankert gefühlt habe. Das Zusammensein im Foyer hat nicht mehr den Charme von früher; nach einem Glas Wasser, Saft, Bier oder Wein ziehen sich alle recht schnell zurück. Das war früher definitiv anders.

Was mich dann im Zug wieder belebt hat, war beim Nachdenken und ersten Niederschreiben von Eindrücken von der Preisverleihung eine Erkenntnis: Wir haben in Deutschland im öffentlichen Leben – auf Kulturseite, aber auch in der Politik – integre und bewundernswerte Menschen. Man muss sie etwas suchen, insbesondere in der Politik, aber man kann sie finden. Jutta Richter und Petra Bahr stachen in diesem Jahr heraus; aber man konnte auch unter den Ausgezeichneten, über die man allerdings zu wenig erfuhr, einige vermuten.

(Ulf Cronenberg, 11.10.2026)

Und hier gibt es weitere Fotos von der Preisverleihung:


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2 Kommentare auf “Die Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2026 – ein persönlicher Bericht von der Preisverleihung”

  • Elke
    11. Oktober 2026 am 17:44

    Sehr geehrter Herr Cronenberg,
    ich hoffe, Sie sind inzwischen wieder etwas ausgeruhter und Ihre Müdigkeit ist angesichts der vielen Literaturkundigen und -liebenden auch schon wieder verflogen. Auch wenn bei der Preisverleihung viele rasch die Szenerie wieder verlassen haben und das Zusammensein auf dieser Seite eher ein virtuelles ist, von dem man als Berichterstatter vermutlich kaum etwas spürt: Ihr Bericht hallt nach.
    Vielen herzlichen Dank dafür!
    MfG
    Elke

    • Ulf Cronenberg
      11. Oktober 2026 am 19:27

      Ganz herzlichen Dank für die nette Rückmeldung, über die ich mich freue.

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