Buchbesprechung: Eva Kranenburg „Falls jemand fragt, wer wir waren“

Buchbesprechung: Eva Kranenburg „Falls jemand fragt, wer wir waren“

Lesealter 15+(hanserblau-Verlag 2026, 285 Seiten)

Eva Kranenburgs neuer Roman ist nicht explizit als Jugendroman erschienen – aber da er eine jugendliche Hauptfigur hat, könnte er vielleicht ja auch für Jugendliche geeignet sein. Das war zu prüfen. Für mich war nach Eva Kranenburgs grandiosem Debüt „Freunde“ zumindest klar, dass ich auch ihr zweites Buch lesen wollte. Der Roman spielt in Halle zu Zeiten der DDR, und zwar im Jahr 1953 – einem ereignisreichen Jahr, in dem es am 17. Juni 1953 zu einem Volksaufstand (siehe Wikipedia-Artikel) kam, der dann von der Sowjetarmee niedergeschlagen wurde.

Inhalt:

Tilla lebt allein mit ihrem vom Krieg versehrten Vater in Halle in einer kleinen Wohnung. Wegen seiner Erfahrungen als Gefangener in einem Konzentrationslager unterstützt der Vater die DDR und tritt für den Sozialismus ein. Was genau ihr Vater arbeitet, weiß Tilla nicht – es ist irgendein Job im Büro. Auch Tilla fühlt sich der DDR verpflichtet und dadurch entzweit sich ihre Freundschaft mit Lotte, die in die Kirche geht und an Gott glaubt. Lotte wendet sich von der linientreuen Tilla ab.

Als Tilla während des Trauermarsches anlässlich des Tods Stalins merkt, dass sie ihre Periode bekommt und das Blut schon das Bein hinabzurinnen beginnt, flüchtet sie ins Gebüsch einer verlassenen Villa. Dort trifft sie auf ein Mädchen, das ihr in der Situation hilft und von einer Wäscheleine eine Unterhose klaut. Tilla ist von dem Mädchen irritiert, aber auch fasziniert; es ist so ganz anders als alle Mädchen, die sie bisher kennengelernt hat, hat etwas Wildes an sich. In den nächsten Wochen trifft sich Tilla jedenfalls oft mit Rena, wie das Mädchen heißt; sie werden beste Freundinnen, auch wenn Rena wenig von ihrem Leben erzählt.

Doch dann ist Rena eines Tages spurlos verschwunden. Tilla sucht nach ihr, geht zu dem Haus, in dem Rena angeblich wohnt. Doch dort ist niemand – anscheinend hat Rena bezüglich ihrer Herkunft gelogen. Auch an ihrem gemeinsamen geheimen Ort, einem verlassenen Waggon auf einer Wiese, gibt es keine Spur von Rena. Doch Tilla will nicht aufgeben und sucht weiter – später unterstützt von Roman, der schon einige Zeit in Tilla verliebt ist. Tilla weiß jedoch nicht so recht, was sie von Roman halten soll …

Bewertung:

„Falls jemand fragt, wer wir waren“ ist ein etwas ungewöhnlicher Titel, unter dem man sich erstmal nicht allzu viel vorstellen kann. Doch wenn man das Buch ausgelesen aus der Hand legt, hat man viel über das DDR-Schicksalsjahr 1953 erfahren – auf unterschiedlichen Ebenen: Was und wie die Menschen dachten, was sie beschäftigt hat, wie die Stimmung in der noch recht jungen DDR war, dass in diesem Jahr Weichen für später gestellt worden waren. Die DDR war von Anfang an kein freies Land, nach sozialistischem Vorbild wurde ein Bespitzelungssystem aufgebaut. Gab es zwischenzeitlich Hoffnung, dass die Menschen in der DDR mehr Freiheiten erlangen könnten, so wurde diese Hoffnung durch den 17. Juni 1953 zerstört.

Eva Kranenburgs Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt. Da ist einmal der März 1953, der Monat, in dem der russische Diktator Stalin gestorben ist. Es ist der Monat, in dem Tilla Rena kennenlernt. Die Rückblenden auf die Geschehnisse im März verlieren sich im Buch später jedoch, wenn der Freundschaftsbeginn auserzählt ist. Die zweite Zeitebene spielt nur zwei bis drei Monate später: Rena ist verschwunden, Tilla sucht nach ihrer Freundin und gerät dabei in die politischen und geschichtlichen Wirren des Jahres 1953. Es kommt zu den Arbeiteraufständen: Arbeiter wehren sich dagegen, dass die Normen für die Produktion zu hoch sind; die Menschen schöpfen Hoffnung, dass politische Gefangene freikommen. Doch die Stimmung kippt, weil am 17. Juni 1953, als die Aufstände immer heftiger werden und sogar Gefängnisse gestürmt werden, sowjetische Panzer vorfahren und DDR-Polizisten auf Aufständische schießen. Brachial wird der Aufstand niedergeschlagen.

„Falls jemand fragt, wer wir waren“ macht dieses Zeitgeschehen aus Sicht einer 17-Jährigen erfahrbar. Tilla ist wie die anderen zentralen Buchfiguren eine fiktive Figur; aber dem Buch liegen – und das merkt man – intensive Recherchen zugrunde. Eva Kranenburg gelingt es, die zwiespältige Mischung aus Aufbruch und Unterdrückung, die die Anfangsjahre der DDR begleitet und die die Menschen verändert haben, sehr gut abzubilden. Dass Tilla anfangs recht naiv und positiv auf die Sowjetunion, Stalin und die DDR schaut, wird deutlich, und das Buch lanciert in seinem Verlauf sehr geschickt und psychologisch nachvollziehbar den Wandel Tillas.

Es sind viele Momente, die Tilla zum Umdenken bringen. Da gehört dazu, dass sie irgendwann mehr über die verschwundene Rena erfährt, die in der DDR (mehr sei nicht verraten) nicht unbedingt eine geduldete Person ist. Da begegnet Tilla außerdem Jugendlichen, die sie ansprechen und mit zu dem Treffen in einer Kirchengemeinde nehmen – und dort sind die Menschen ganz anders, als Tilla das angesichts ihrer Vorurteile erwartet hat. Und schließlich spielt auch ihr Vater eine wichtige Rolle; denn Tilla entdeckt, was genau er eigentlich arbeitet.

Eva Kranenburgs Buch enthält auch eine Liebesgeschichte, und es ist erfrischend, dass diese sich keiner Klischees bedient. Tilla fühlt sich zu Roman, der früher in Moskau lebte und dessen Vater der Polizeichef von Halle ist, hingezogen; zugleich gibt es aber auch Dinge, die Tilla an Roman stören. Mir gefällt jedenfalls, wie vielschichtig diese Liebesgeschichte erzählt wird. Das ist möglich, weil Roman wie alle Figuren im Roman als komplexe Figur angelegt ist: Er hat es selbst alles andere als leicht und hat andere Seiten als die, die er nach außen hin zeigt.

Mit Tilla wird man als Leser/in in die aufwühlenden Ereignisse des 17. Juni hineingezogen – der Roman entwickelt sich auf die Aufstandsgeschehnisse hin, und man ahnt das zu Beginn nicht. (In dem Zusammenhang gefällt mir übrigens, dass der Klappentext des Buchs – leider anders als ich – nichts darüber verrät.) Dass durch das Buch, in dem die Ereignisse des Volksaufstandes aus Sicht einer 17-Jährigen erlebt werden, Geschichte lebendig wird, hat mir gefallen; doch sprachlich ist die Beschreibung des 17. Juni der Teil des Buchs, mit dem ich ein wenig gehadert habe. Die Ereignisse des Volksaufstands werden in einem gehetzten Duktus beschrieben – und das klingt immer wieder ein bisschen zu gewollt, ein wenig nach Schreibrezept, um sich überschlagende Ereignisse darzustellen. Aber wahrscheinlich bin ich der einzige Leser, der sich daran ein klein wenig gestört hat.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Falls jemand fragt, wer wir waren“ kommt anfangs eher leicht daher, entfaltet aber mit zunehmender Lesedauer eine immer größere Dringlichkeit. Die Geschichte des Buchs spitzt sich wie die Ereignisse in den Wochen bis zum 17. Juni 1953 zu. Geschickt sind die erkennbaren Krimi/Detektiv-Elemente mit den geschichtlichen Ereignissen verknüpft. Durch ihre Recherchen auf der Suche nach der verschwundenen Rena bekommt das Weltbild von Tilla Risse. Tilla entdeckt, dass der Staat, in dem sie lebt, bei weitem nicht so perfekt ist, wie sie geglaubt hat. Die DDR wird für Tilla entzaubert, zugleich werden Menschen werden demaskiert. Am Beispiel ihres Vaters, den Tilla zu Beginn eher für einen Helden hält, später aber als tragische Figur sieht, wird das besonders deutlich.

Eva Kranenburgs neuer Roman ist kein typischer Jugendroman, aber er ist ein Buch, an das Leser/innen ab 15 Jahren durchaus andocken können. Interesse für Geschichte und für Zwischenmenschliches sollte man allerdings mitbringen. Eva Kranenburg gelingt es, eines der bedeutendsten Ereignisse der DDR-Historie in eine erzählte Geschichte zu packen und damit erfahrbar zu machen. Wer vorher noch nicht viel über den Volksaufstand in der DDR wusste, mag hier nicht nur gut eingeführt werden, sondern hinterher mehr darüber wissen wollen. Der 17. Juni 1953 war ein dunkles Kapitel der DDR-Geschichte, und Eva Kranenburg hat am Beispiel Tillas bestens ausgeleuchtet, wie die Geschehnisse dieses Tages die Menschen, aber auch den Staat DDR verändert haben.

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(Ulf Cronenberg, 01.11.2026)


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