Buchbesprechung: Alison McGhee „Daisys 111 Glückszahlen“

(dtv Reihe Hanser 2026, 228 Seiten)
Inzwischen sind es doch schon einige Bücher, die ich von Alison McGhee besprochen habe – dabei hatte mir das erste Buch, das ich von ihr gelesen habe, gar nicht so gut gefallen, und ich habe es auch nicht zu Ende gelesen … Doch seit „Wie man eine Raumkapsel verlässt“, das doppelt für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, bin ich ein großer Fan der Amerikanerin. Alison McGhee geht schwierigen Themen wie Tod, Gewalt und Mobbing nicht aus dem Weg, schafft es aber trotzdem, ihre Bücher hoffnungsvoll sein zu lassen.
Inhalt:
10 Jahre ist Daisy alt, und sie lebt mit ihrer Mutter allein in einer kleinen Wohnung. Weil ihre Mutter nachts arbeitet, kümmert sich abends Lulu, eine Nachbarin, um Daisy, die eine große Leidenschaft für Zahlen hat. 111 ist ihre Glückszahl. Und das Zählen (auch leise mit den Fingern hinter ihrem Rücken) ist etwas, was ihr Halt in schwierigen Situationen, von denen sie in ihrem Leben bereits viele erlebt hat, gibt. Auch gegenwärtig ist vieles nicht einfach. Da sind zum Beispiel Tad und Sophie, die sich nicht nur über Daisy lustig machen, sondern sie schikanieren. „Trauerkloß“ nennen sie das Mädchen seit einiger Zeit und machen Witze, weil Daisy in sich gekehrt ist und wenig spricht.
Doch es gibt auch Gutes in Daisys Leben. Um Tad und Sophie zu entgehen, flüchtet Daisy schon seit vielen Jahren in den Pausen in die Schulbücherei. Marimba, die Bibliothekarin, ist jemand, die ihr immer zur Seite steht. Außerdem gibt es da noch Kralle, eine scheue Katze, die sich im Gebüsch versteckt und fast nie zu sehen ist. Daisys Plan ist es, Kralle mit Thunfischdosen langsam an sie zu gewöhnen; sie hofft, dass Kralle eines Tages bei ihnen leben kann. Und schließlich ist da noch Austin, ein neuer Schüler in ihrer Klasse, der Daisy so nimmt, wie sie ist, und sich von Tad und Sophie nicht beeindrucken lässt.
Bewertung:
Alison McGhee scheint wie ihre Hauptfigur Daisy ein Faible für Zahlen zu haben – „Daisys 111 Glückszahlen“ (Übersetzung: Birgitt Kollmann; amerikanischer Originaltitel: „Weird, Sad and Silent“) ist nicht das erste Buch, in dem das Motiv der Zahlen vorkommt; auch in „Wie man eine Raumkapsel verlässt“, das streng numerisch komponiert ist (u. a. 100 Kapitel mit je 100 Wörtern), spielen Zahlen eine zentrale Rolle. Aber auch darüber hinaus ist „Daisys 111 Glückszahlen“ ein typisches Alison-McGhee-Buch – und das ist eindeutig positiv gemeint …
Daisy hat schwierige Jahre hinter sich. Ihre Mutter – das wird im Buch sehr behutsam nach und nach aufgedeckt – hatte einen Freund, der ihr gegenüber gewalttätig war. Und sie hat sich zu spät von ihm getrennt – das ist ihr im Nachhinein durchaus bewusst und tut ihr leid. Daisy trägt die schlimmen Erlebnisse mit dem Ex-Freund der Mutter weiterhin in sich, und das Zählen, schon damals ihre Bewältigungsstrategie, wendet sie nach wie vor an, wenn es ihr nicht gut geht – vor allem, wenn sie an die alten Ereignisse erinnert wird oder wenn Tad und Sophie ihr auflauern.
Das Buch hat einen zentralen Kniff: Die Situation von Daisy wird im Buch durch Kralle widergespiegelt – ein extrem scheuer Kater, den Daisy zähmen will. Auch er hat Schlimmes hinter sich: Narben, ein abgerissenes Ohr, ein abgeknickter Schwanz und ein besorgniserregender Gesamtzustand sind Zeugen davon. Wie es dazu gekommen ist, weiß Daisy nicht, aber sie will sich um Kralle kümmern. Und mit viel Geduld versucht sie, ihn anzulocken, ihn mit Thunfisch zu füttern und an sich zu gewöhnen.
„Daisys 111 Glückszahlen“ erzählt davon, dass es glückliche Fügungen und gute Menschen braucht, um schwere Lebenssituationen hinter sich lassen zu können. Und Daisy hat das Glück, dass sie gute Menschen findet. Es ist Lulu, die Nachbarin, die abends auf sie aufpasst, in der Schule gibt es Marimba, die Daisy in der Bibliothek einen Schutzraum bietet und stets gesprächsbereit für sie da ist. Und irgendwann kommt schließlich Austin dazu.
Auch Austin hat Päckchen zu tragen – sehr viel erfährt man darüber aber nicht, außer dass er schon häufig die Schule gewechselt hat und statt bei seinen Eltern bei den Großeltern lebt. Einmal fragt Daisy nach seinen Eltern, aber sie lässt es auf sich beruhen, als Austin der Frage ausweicht. Austin ist für Daisy jedenfalls ein Glücksfall, weil er sie zum einen so akzeptiert, wie sie ist, weil er zum anderen deutlich selbstbewusster auftritt und sich nichts gefallen lässt. Er zeigt Daisy damit Wege auf, wie sie sich besser gegen Tad und Sophie wehren kann.
Alles im Buch ist gekonnt zusammengestellt. Die – wie sollte es anders sein – 111 Kapitel des Buchs (römisch nummeriert) sind alle nur ca. eine Seite lang, wobei der Kapiteltext immer erst ein Drittel unter der Seiten-Oberkante beginnt. So reichen die Kapitel immer auf die nächste Seite. Daisy als Ich-Erzählerin ist eine Figur, die äußerst glaubwürdig wie eine 10-Jährige erzählt – Alison McGhee trifft hier einmal mehr den passenden Ton. Und was das Buch außerdem ausmacht: Immer wieder eingestreut finden sich schwarzweiße Illustrationen von Christiane Fürtges, auf denen nur Kralle, nicht aber Daisy zu sehen ist (nur das Buchcover weicht davon ab). In Verbund mit der Typografie machen sie das Buch zu einem kleinen Schmuckstück.
Fazit:
5 von 5 Punkten. Erneut bin ich von Alison McGhee und ihren Büchern begeistert. „Daisys 111 Glückszahlen“ erzählt stringent durchkomponiert davon, wie ein Mädchen, das Schlimmes erlebt hat, Heilung findet. Dem kann man sich nicht entziehen, auch weil man Daisy von der ersten Seite an ins Herz schließt und mit ihr fühlt. Die Geschichte ist behutsam, sie ist bis ins Kleinste mit den passenden Wörtern geschrieben und übersetzt – selten habe ich ein Kinderbuch gelesen, das so stimmig und rund ist.
Beeindruckt hat mich vieles – zum Beispiel, wie die Lebenssituation von Daisy mit Kralle, dem versehrten Kater, auf anderer Ebene abgebildet wird. Bewundernswert finde ich darüber hinaus, wie einfühlsam für Leser/innen ab 10 Jahren von häuslicher Gewalt, die Daisy beim Ex-Freund ihrer Mutter erlebt hat, erzählt wird. Das funktioniert in dem Buch, weil alles nur so beschrieben wird, wie Daisy als Erzählerin es selbst zulässt, und weil Daisy es schafft, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Dass hierzu verständnisvolle und sich kümmernde Erwachsene nötig sind, dass man aber auch gute Freunde benötigt (und sei es ein Kater), zeigt Alison McGhee sehr schön.
Es gäbe noch viel über das Buch zu schreiben – aber letztendlich sollte man es einfach selbst lesen. Bleibt am Ende zusammenfassend nur zu sagen: Was für ein tolles Buch!
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(Ulf Cronenberg, 08.11.2026)
P. S.:
Über die recht einheitlichen Kapitellängen habe ich mich gewundert, und in Erinnerung an „Wie man eine Raumkapsel verlässt“ habe ich bei zwei Kapiteln extra mal die Wörter gezählt. Ich wollte überprüfen, ob sie vielleicht zufällig 222 Wörter lang sind – Daisys zweite Glückszahl, die für doppeltes Glück steht. Doch ich bin in beiden Fällen auf ca. 260 Wörter gekommen. Das wäre dann vielleicht doch ein bisschen zu viel der Komposition gewesen …
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