Buchbesprechung: Ursula Poznanski „Canvas“

(Loewe-Verlag 2026, 474 Seiten)
Von „Erebos 1“ zu „Erebos 2“ hat es 9 Jahre gedauert („Erebos 3“ kam dann schneller); und auf einen Folgeband von „Cryptos“ haben wir 6 Jahre gewartet … Doch nun liegt er vor und trägt den Titel „Canvas“. Ursula Poznanski weiß, dass man erfolgreiche Bücher nicht einfach liegen lässt, und ihre Geschichten eignen sich ja auch hervorragend für Fortsetzungen. Auf ein Neues geht es in „Canvas“ in eine bizarre Welt, in der die Menschen vor allem in der virtuellen Realität leben. Ein realistisches Zukunftsszenario? Das fragt man sich …
Inhalt:
Jana ist Weltendesignerin – das Team, dem sie angehört, entwirft neue Welten und pflegt erstellte Welten, in denen die Menschen sich fast die ganze Zeit ihres Lebens herumtreiben. Hierzu schlüpft man in Anzüge und Kapseln, in denen man über Schläuche mit allem Lebensnotwendigem versorgt wird. Nur einmal am Tag sollte man für eine gewisse Zeit in die Realität zurückkehren, damit der Körper nicht ganz erschlafft.
Lauritz, der ehemalige Sicherheitschef von Mastermind, der Weltenbetreiberfirma, ist schon länger nach einem Komplott in einer Welt festgesetzt, darf sie nicht verlassen. Als eines Tages ein Wissenschaftler tot aufgefunden wird, macht sich das Entwicklerteam Sorgen. Theo, der Chef von Mastermind, der die Firma allerdings nicht wirklich leitet, sondern ein schönes Leben führen will, tut das als Unfall ab, will der Sache nicht nachgehen. Doch Jana, ihr Freund Tivon und andere aus dem Designerteam glauben nicht an einen Unfall.
Auch sonst geschehen rätselhafte Dinge. Elvina aus ihrem Team, ist schon länger verschwunden, taucht irgendwann mal kurz auf, aber ist dann wieder weg. Und in manchen Welten sterben Menschen ohne Grund. Was Jana und ihre Kolleg/inn/en schon befürchtet haben, stellt sich irgendwann als Gewissenheit heraus: Lauritz ist entkommen, zugleich aber nicht auffindbar. Und was er vorhat – da tappen Jana & ihre Kolleg/inn/en im Dunkeln. Sicher ist es aber nichts Gutes …
Bewertung:
Vor allem auf den ersten 150 Seiten bin ich einmal mehr diesem grandiosen Szenario von „Cryptos“ und „Canvas“ erlegen – einer Zukunftsvision, die irgendwie faszinierend und zugleich erschreckend ist. Warum die Menschen sich in Kapseln und virtuellen Welten herumtreiben, hat seinen Grund. Die Welt ist in weiten Teilen so gut wie unbewohnbar: Wasserknappheit und Hitze machen das Leben in der Realität unerträglich. Nur ein reicher Teil der Menschheit, die so genannten Alphas, leben in wenigen, abgeschotteten grünen Oasen auch außerhalb der Virtualität. Der Rest der Menschen verbringt fast sein ganzes Leben in VR-Kapseln, und diese gaukeln den Menschen ein gutes Leben vor.
Ja, in der virtuellen Welt kann man alles haben (die Credits für Weltenpässe muss man sich aber verdienen): Spannung, Kitzel und Horror sind in Vampirwelten oder im alten Rom bei Gladiatorenkämpfen ebenso zu bekommen wie Sonne, Strand und gutes Essen in malerischen Meeresumgebungen. Doch all das ist Fake – letztendlich wird man wie bei künstlicher Ernährung über Schläuche versorgt. Für Ursula Poznanski ist das alles als Autorin natürlich eine wunderbare Spielwiese, in der man sich mit skurrilen Welten austoben kann. Zwischendrin war mir das fast ein bisschen zu viel, wenn Jana als Ich-Erzählerin ständig von einer Welt zur anderen springt.
Was mich an dieser Weltbeschreibung auch fasziniert, ist, dass man sich zu philosophischen Fragen leiten lassen kann: Ist das eigentlich ein wünschenswertes Leben, das man in der Virtualität führen kann? Welche Welten würde man selbst aufsuchen? Und welchen Sinn hätte das Leben dann eigentlich? Für mich ist es eine der Stärken der Buchidee, dass sie solche Fragen aufwirft, sofern man das Buch nicht nur als gute und spannende Unterhaltung versteht.
Das Muster hinter „Canvas“ kennt man freilich aus den Büchern von Ursula Poznanski – und das ist nicht unbedingt als Kritik gemeint: Es gibt einen Komplott, der nicht nur ein paar Figuren, sondern viele Menschen gefährdet. Jana und ihre Freunde ahnen zwar, dass der frühere Sicherheitschef Lauritz hinter allem stehen dürfte; aber wie groß die Verschwörung ist, wer alles beteiligt ist, davon wissen sie lange wenig, versuchen aber dahinter zu kommen. Als Leser/in hält man hier mit Jana, die als Ich-Erzählerin fungiert, Schritt.
Von daher ist zweifelsohne für Spannung gesorgt. Sie ist wohldosiert, baut sich nach und nach auf; und es ist eine typische Ursula-Poznanski-Spannung, die von manchem Winkelzug lebt, von Entwicklungen, die man nicht erwartet hat, die nicht abzusehen sind. Was am Ende nicht fehlen darf, ist ein großer Showdown, der sich in einer bizarren Jahrmarkt-Welt zuträgt.
Dass ein wenig das, was mich an „Cryptos“ gestört hat, auch für „Canvas“ gilt, sei angeführt: Die Figuren bleiben allesamt ein bisschen blass, man kommt ihnen als Leser/in nicht wirklich nah. Das liegt vor allem daran, dass kaum Raum für ihre Gefühle und ihr Denken bleibt, dass sie sich kaum entwickeln – sie sind mir kurz gesagt ein wenig zu stereotyp. Wer das mit Wohlwollen interpretiert, könnte Absicht dahinter vermuten: denn die beschriebene Zukunft lässt wohl kaum noch echte Gefühle zu.
Fazit:
4 von 5 Punkten. Die letzten Absätze klingen kritischer, als es der Roman verdient … „Canvas“ hält, was man sich davon verspricht: Das Buch bietet gute Unterhaltung, hält einen mit einer gekonnt aufgebauten Spannung am Lesen. Das große Plus des Jugendromans ist meiner Meinung nach jedoch dessen Grundidee des in die virtuelle Welt verlagerten Lebens. Das ist eine Idee, die Rollenspielern und Computerspielern, die sich gerne in Fantasywelten aufhalten, besonders gefallen dürfte.
Interessant ist übrigens, dass das Thema Künstliche Intelligenz in „Canvas“ gar nicht auftaucht. Seit „Cryptos“ vor sechs Jahren leben wir diesbezüglich in einer völlig anderen Welt. Es wäre interessant gewesen, das Thema KI in den Nachfolgeband mit hineinzubringen. Da wirkt „Canvas“ fast etwas oldschool. Aber vielleicht wäre „Canvas“ dadurch auch überfrachtet worden.
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(Ulf Cronenberg, 07.10.2026)
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