Buchbesprechung: Caryl Lewis „Wenn die Bienen schweigen“

Buchbesprechung: Caryl Lewis „Wenn die Bienen schweigen“

Cover: Caryl Lewis „Wenn die Bienen schweigen“Lesealter 13+(dtv 2026, 300 Seiten)

Caryl Lewis stammt aus Wales und ist selbst Imkerin – von daher interessiert sie schon lange für Bienen. Im Nachwort zu „Wenn die Bienen schweigen“ schildert sie, dass es den Bienenvölkern schon seit vielen Jahren nicht gut geht, dass es in China bereits Gegenden gibt, wo die Pflanzen künstlich bestäubt werden müssen, weil der Anteil der Wildbienen massiv zurückgegangen ist. Diese Entwicklung hat sie in ihrem Jugendroman auf die Spitze getrieben und durchgespielt, wie sich das Leben und eine Gesellschaft verändern könnte, wenn alle Bienen verschwunden sind.

Inhalt:

Mit 11 Jahren musste Jess, wie alle Mädchen in diesem Alter, ihre Familie verlassen und wurde in ein Camp gebracht. Dort leben 500 Mädchen, und bewaffnete Wächter sorgen dafür, dass sie sich an alle Regeln halten. Die Mädchen sind in großen Schlafsälen untergebracht und werden von Frauen (zynischerweise Mütter genannt) kontrolliert und zur Arbeit angehalten. Jess hat zwar in Cass eine gute Freundin gefunden, gleichzeitig wird sie aber von Charmian und ihren Mitstreiterinnen schikaniert.

Tagsüber müssen die meisten Mädchen mit Pinseln die Obstbäume bestäuben. Die Arbeit ist wegen der Hitze – weil das Klima völlig außer Rand und Band ist – extrem anstrengend. Immer zu zweit müssen die Mädchen auf Leitern in die Bäume klettern. Nur einige Mädchen arbeiten in einer Werkstatt, wo Pinsel für die Bestäubung aus Mädchenhaaren hergestellt werden. Auch Jess wird hier irgendwann eingesetzt. Doch die Zeit im Camp ist für alle begrenzt: Sobald die Mädchen ihre Periode haben, müssen sie das Camp verlassen und werden zwangsweise mit einem Mann verheiratet, um Kinder zu bekommen.

Jess, der anders als den meisten Mädchen als Kind von ihrer Mutter das Lesen beigebracht wurde, die außerdem gut zeichnen kann, hält es im Camp nur schwer aus. Doch dann gibt es für sie einen Lichtblick: Der einzig freundliche Wächter besorgt ihr heimlich Farben, und nachts malt sie in einer gefährlichen Aktion mit entwendeten Pinseln auf die Camp-Mauer eine offene Tür – als Symbol dafür, dass es jenseits der Camp-Mauern noch ein anderes Leben gibt. Das sorgt im Camp für Aufruhr. Während die Mädchen so etwas wie Hoffnung auf ein anderes Leben schöpfen, sieht sich die Camp-Leitung bedroht und reagiert rigide.

Bewertung:

Was man mit „Wenn die Bienen schweigen“ in der Hand hält, ist eine waschechte Dystopie, die Versatzstücke anderer Vorlagen vereint. Mich hat die Camp-Atmosphäre hier und da an Louis Sachars „Löcher“ und die bedrückende Stimmung an die ersten Folgen der Serie „The Handmaid’s Tale“ erinnert. Hintergrund der Geschichte ist, dass ausgehend von einer Klimakatastrophe und dem Sterben der Bienen das Leben beschwerlicher geworden ist. Die Hitze macht allen zu schaffen, und vor allem die Ernährung sicherzustellen, ist ein Problem. Wo und wann das Buch spielt, erfährt man übrigens nicht. Die naheliegende Stadt, in der Jess mit ihrer Mutter und ihrem Bruder früher gelebt hat, trägt im Buch keinen Namen.

Doch nicht nur das Klima hat sich verschlimmert, auch die Gesellschaft hat sich in eine negative Richtung entwickelt. Statt Freiheit herrschen undemokratische Strukturen vor. Bücher sind verpönt, der Lebensweg von Jungen wie Mädchen ist vorbestimmt. Statt ins Camp werden Jungen wie Jess‘ Bruder Shey zwangsweise zum Militär einberufen. So etwas wie ein freies Leben gibt es nicht mehr, und alle Repressionen finden unter dem Deckmantel des Dienstes für die Gemeinschaft statt.

Im Camp hat Vater Renatus das Sagen, und auf den regelmäßigen Versammlungen spürt Jess, dass er die Macht über die Mädchen genießt (später erfährt man im Buch, dass er sie schamlos für eigene Bedürfnisse ausnutzt). Ihm unterstellt sind die so genannten Mütter, die die Mädchen vorgeblich betreuen, eigentlich aber unterstützt von den Wächter, die auch zu Gewalt greifen, wenn Mädchen sich widersetzen, überwachen. Das Camp ist ein übles und scheinheiliges Zwangssystem.

Was mich an „Wenn die Bienen schweigen“ anfangs mehrmals gestört hat, war, dass Caryl Lewis auf den ersten 50 Seiten ein bisschen zu oft darstellt, wie es zum Sterben der Bienen, zur Klimakatastrophe und zum Freiheitsentzug gekommen ist. Der Jugendroman ist hier für meinen Geschmack überpädagogisch angelegt, und das hätte es nicht gebraucht; auch jugendlichen Leser/inne/n kann man eigene Rückschlüsse zutrauen. Immerhin verlieren sich diese Verweise und Erklärungen dann im Laufe des Buchs.

Ansonsten ist die Geschichte geschickt angelegt: Die Situation im Camp wird einem gut vor Augen geführt und man kann sich als Leser/in bestens die bedrückende Stimmung im Lager vorstellen. Gut gefallen haben mir auch die Figuren, die gekonnt gewählt sind. Jess und Cass als Freundinnen sind ein gutes Gespann, beide werden aber von Charmian mit fiesen Mitteln gemobbt. Wenn später dann noch Zuri und Emily hinzukommen, außerdem Eliot, der einzig nette Wächter, der Jess heimlich die Farben besorgt, so merkt man, dass Caryl Lewis ein geschicktes Händchen für die Dramaturgie hat. Und die Figuren sind – das zeigt zum Beispiel die Figur Charmians – stimmig und vielschichtig angelegt.

Ein wenig gestört hat mich noch, dass die Geschichte zu Beginn hier und da ein bisschen zu sehr auf der Stelle tritt. Doch auch das ändert sich: Je weiter man liest, desto mehr wird Spannung aufgebaut, spitzt sich alles zu und mündet in ein teiloffenes, aber durchaus plausibles und gut gewähltes Ende. Das alles führt dazu, dass man sich „Wenn die Bienen schweigen“ durchaus gut als Vorlage für einen Spielfilm vorstellen könnte.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Ich habe etwas gebraucht, bis ich richtig mit Caryl Lewis‘ „Wenn die Bienen schweigen“ warm geworden bin, aber irgendwann nach der Hälfte hat mich das Buch dann doch gepackt und ich habe es recht schnell zu Ende gelesen. Die Geschichte ist nicht ganz neu, man wird hier und da an andere Dystopien erinnert, aber alles ist zu einem stimmigen Gesamtbild zusammengefügt. Hierzu gehört auch, dass Caryl Lewis‘ Roman letztendlich auch ein Plädoyer für Kunst und Literatur ist. Es ist das Malen, es sind die Geschichten, die sie aus ihrer Kindheit kennt, die Jess die Kraft und den Mut geben, das Camp zu hinterfragen und etwas verändern zu wollen.

Dass das Buch ein wenig zu pädagogisch beginnt, hat mir den Einstieg erschwert. Doch weil sich das verliert und Caryl Lewis dann auf ihre Geschichte vertraut, stört es zumindest nicht lange. „Wenn die Bienen schweigen“ ist keine reißerische Dystopie, hat über weite Strecken eine eher sachte Spannung, die aber gut dosiert eingesetzt wird. Dass der Roman am Ende dann schließlich ein wenig expliziter wird und die üblen Machenschaften von Vater Renatus aufdeckt, tut dem Buch aber gut. Alles in allem ist „Wenn die Bienen schweigen“ dennoch eher ein Buch für Dystopie-Einsteiger/innen als für erfahrene Genre-Fans, weil die Geschichte mit Bedacht und weniger Action als viele andere Dystopien erzählt wird. Von daher, finde ich, kann man das Buch durchaus schon Leser/innen ab 12 oder 13 Jahren empfehlen, während dtv ein Lesealter von 14 Jahren angibt.

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(Ulf Cronenberg, 28.08.2026)


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