Buchbesprechung: Ulla Schuh „Ich in 100 Teilen“

Buchbesprechung: Ulla Schuh „Ich in 100 Teilen“

Cover: Ulla Schuh „Ich in 100 Teilen“Lesealter 14+(Beltz & Gelberg 2026, 144 Seiten)

Es gibt in Deutschland einige Preise für Kinder- und Jugendbücher; der Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg ist davon einer der renommiertesten – ein Preis für Erstlingswerke und unveröffentlichte Manuskripte. Schon einige Autor/inn/en, die heute zu den bekannten gehören, haben ihn verliehen bekommen: Nils Mohl, Julya Rabinowich oder Gabi Kreslehner. Ulla Schuh hat mir ihrem Manuskript 2024 den Preis gewonnen, und nun ist es als Jugendbuch bei Beltz & Gelberg erschienen.

Inhalt:

Rike fühlt sich in ihrem Leben oft fremd. Selbst in ihrer Familie kennt sie das Gefühl. Während ihre Schwester Larissa sportlich ist, ist Rike das Gegenteil. Und während ihr Vater die Schwester zu den Handballspielen fährt und auch sonst viel unterstützt, hat Rike das Gefühl, dass sie nur in der zweiten Reihe steht. Und nun zieht auch noch ihre beste Freundin Lena in eine andere Stadt.

Auf den frei werdenden Platz im Klassenzimmer wird dann Nico, der neu an die Schule kommt, gesetzt. Schon bald stellt sich heraus, dass Rike und Nico sich gut verstehen. Dass Nico eigentlich einen anderen Namen hat, bekommt Rike nur zufällig mit: Auf dem Zettel eines Lehrers steht „Fabienne (Nico) Schneider“. Larissa, Rikes Schwester, die ihn in der Schule gesehen hat, hat dagegen sofort kapiert, dass Nico eigentlich als Mädchen geboren wurde.

Irgendwann erzählt Nico Rike davon, dass er sich schon länger als Junge fühlt, dass er auch deswegen die Schule gewechselt hat, weil sein Transsein an der alten Schule nicht akzeptiert wurde. Rike und Nico verbindet jedenfalls das Gefühl, dass sie anders sind, und irgendwann hat Nico die verrückte Idee, dass Rike ja gar nicht das leibliche Kind ihrer Eltern sein könnte – weil sie sich in der Familie so außen vor fühlt. Der Idee gehen sie detektivisch nach …

Bewertung:

„Ich in 100 Teilen“ ist ein von vorne bis hinten durchkomponiertes Buch, sehr sprachbewusst geschrieben. Was man vor sich hat, ist kein durchgängiger Fließtext, sondern sind Kapitel in versähnlichen Abschnitten – nicht gereimt, nicht wirklich Gedicht, aber sehr bewusst gesetzt. Das ist kein neues Konzept, aber eines, das mir schon immer, sofern es gut umgesetzt ist, gefallen hat.

Die 144 Seiten des Buchs lesen sich jedenfalls schnell. Ich hatte sie in drei Zügen und insgesamt wohl nicht mehr als einer Stunde durch. Und was die besondere Komposition des Buchs angeht, so betrifft diese nicht nur den Schreibstil, sondern das gesamte Buch. Es sind 100 Kapitel, aus denen das Buch besteht, manche nur ein paar Wörter lang, die längsten drei bis vier Seiten. Ich-Erzählerin ist Rike, die das alles im Rahmen eines schulischen Schreibwerkshops in ein Notizbuch geschrieben hat – das Cover mit dem aufgedruckten Gummiband deutet das an. (Cool wäre es natürlich gewesen, wenn das Buch von einem echten Gummiband zusammengehalten würde – doch das wäre in der Herstellung sicher zu teuer gewesen.)

Mal abgesehen davon, dass Rike beschreibt, was passiert, seit ihre beste Freundin Lena weggezogen, dafür aber Nico in ihr Leben getreten ist, geht es in dem Buch darum, dass Rike sich selbst verstehen möchte. Und Nico hilft ihr dabei, weil er in vielem genauso wie Rike empfindet, ihr außerdem immer zur Seite steht, wenn sie es braucht. Es ist eine ganz besondere Freundschaft, die Ulla Schuh da beschreibt. Sehr vorsichtig und zart. Was das Buch dabei auszeichnet, ist, dass Rikes Gedanken sehr authentisch wirken.

Im Vordergrund steht unter anderem ein Missbehagen, das Rike in ihrer Familie empfindet, als würde sie nicht so ganz dazugehören; da ist aber auch das tief empfundene Gefühl, dass Rike mit Nico endlich jemanden gefunden hat, der sie nicht nur in vielen Dingen ermutigt, sondern in ihr Innerstes schauen kann – beides Dinge, die ihr bei ihren Eltern so oft fehlen. All das kann man als Leser/in sehr gut erspüren. Und zurückführen kann man das vor allem auf die feinfühlige und verdichtete Sprache, bei der jedes Wort sitzt, bei der Nuancierungen und Betonungen unter anderem durch Leerzeilen oder Zeilenwechsel vorgenommen werden. Und vielleicht sollte man an dieser Stelle eine Buchpassage herausgreifen und für sich sprechen lassen. In der ausgewählten Textstelle beschreibt Rike, wie sie Nico kennenlernt (S. 31):

Weißblond

Ich bin Nico, sagt er,
er schaut durchdringend,
weicht meinem Blick nicht aus,
ich fühle mich ein wenig ertappt,
als hätte ich nichts zu bieten,
was Nico interessieren könnte.
Seine weißblonden Haare
fallen ihm ins Gesicht,
die Haare auf seinen Armen
haben dieselbe Farbe.
Seine Augenbrauen
sind umgedrehte
Sonnensicheln,
irgendwie scheint alles
an Nico
licht und hell,

er riecht
bestimmt
nach
Sonnencreme.

Ulla Schuh lässt ihre Ich-Erzählerin Rike, wie man sieht, vieles mit sprachlichen Bildern wiedergeben; und die drücken Stimmungen und Gefühle aus – nicht immer präzise, sondern so, dass sie Raum lassen, dass bei jedem Leser bzw. jeder Leserin etwas anderes widerhallen kann. Das ist eine der großen Stärken des Buchs.

Gefallen hat mir auch, wie behutsam das Thema Transidentität aufgegriffen wird. Sehr leise wird es in das Buch gebracht, und wie Rike darauf reagiert, ist souverän und unbeeindruckt. Für sie ist das einfach so. Ich kann mir vorstellen, dass Trans-Jugendliche sich das oft genau so wünschen würden …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Die Lesefreude währt nicht lange, denn man hat Ulla Schuhs „Ich in 100 Teilen“ schnell ausgelesen; aber sie ist dafür intensiv, sofern man sich auf das Buch einlässt und daran Gefallen findet. Es ist ein Buch zum Wiederlesen, zum mehrmaligen Hineinschauen. Immer wieder fällt einem dann etwas auf, was man vorher noch nicht entdeckt hat: besondere Formulierungen, sprachliche Bilder oder Zusammenhänge, die man erst herstellen kann, wenn man das gesamte Buch kennt.

Der sprachbewusste Stil ist das eine, was einen für „Ich in 100 Teilen“ einnehmen kann. Aber es gibt so viel anderes, das man bewundern kann: den durchdachten Aufbau, die gut beschriebenen Hauptfiguren oder die eingearbeitete kleine Detektivgeschichte um Rikes Herkunft. So schnell das Buch gelesen ist: Das Schreiben war sicher einiges an Arbeit, die sich aber gelohnt hat. Ulla Schuh ist jedenfalls ein absolut lohnens- und lesenswertes Debüt gelungen!

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(Ulf Cronenberg, 05.09.2026)


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