Buchbesprechung: Anna Dimitrova „People Pleaser“

(Arctis-Verlag 2026, 385 Seiten)
„Kanak Kids“ war das von der Jugendjury 2025 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierte deutsche Erstlingswerk von Anna Dimitrova. Es ist allerdings an mir vorbeigegangen. Der Inhalt des zweiten Jugendbuchs der aus Bulgarien stammenden Autorin hat mich interessiert, weil die Hauptfigur ein Mädchen ist, das es nicht nur immer allen recht machen will, sondern anderen in allen Lebenslagen helfen will. Psychologisch interessant. Das Cover des Jugendromans spricht mich dagegen eher nicht an – ich finde es etwas sehr schrill. Jugendliche Leser/innen mögen das aber anders sehen …
Inhalt:
Nina holt sich alles Selbstvertrauen daraus, dass sie für ihre Freunde und Bekannten lebt und immer für sie da ist. So macht sie, die eine sehr gute Schülerin ist, zum Beispiel für einen Mitschüler die Hausaufgaben, und damit das nicht auffällt, schreibt sie in Deutsch einfach einen zweiten Aufsatz. Vor allem für ihre beste Freundin Teo, die in der Doppelhaushälfte nebenan wohnt, tut Nina alles. Und das nimmt extreme Formen an.
Weil Teo sich immer in die falschen Jungen verliebt, will Nina Teo unter anderem davor bewahren, mit Aleks, einem Schüler, der durchgefallen ist, anzubandeln. Teo ist – das hat Nina gleich bemerkt – von Aleks, der einen auf cool macht und sich ordentlich Muskeln antrainiert hat, angetan, wirft ihm schmachtende Blicke zu. Nina freundet sich aus diesem Grund mit Aleks an und will so verhindern, dass dieser sich an Teo heranmacht.
Doch das Absurdeste ist, dass Nina seit einiger Zeit eine Therapeutin hat – allerdings nicht für sich, sondern für Teos Probleme. In den Therapiesitzungen schildert sie nicht ihre eigenen Probleme, sondern immer die von Teo; Nina will dadurch Tipps bekommen, wie sie Teo helfen kann, ihre Probleme abzulegen. Und schließlich ist da noch Finn, ein Klassenkamerad, mit dem Nina einen Wettstreit hat: Wer von beiden ist besser in der Schule? Finn hat ein Auge auf Nina geworfen. Doch Nina bemerkt davon nichts, obwohl Finn der Einzige ist, der sich um Nina zu kümmern versucht.
Bewertung:
In Anna Dimitrovas „People Pleaser“ findet man recht schnell hinein. Haupterzählerin im Buch ist Nina, die munter drauflos parliert, sich ins Leben stürzt, allerdings mit Vorsicht und Bedacht, außerdem vor allem mit dem Ziel, anderen Menschen zu helfen. Doch Nina bleibt nicht die einzige Erzählerin. In mehreren Kapitel kommt auch Aleks zu Wort, und später – allerdings nur einmal – dann noch Finn.
Im Buch sind es die Figuren, die einen für sich einnehmen: Neben einigen Nebenfiguren, die aber keine tragenden Rollen spielen, stehen Teo, Ninas beste Freundin, Aleks und Finn im Mittelpunkt; außerdem kommt immer wieder Frau Tempel, Ninas Psychotherapeutin vor, die aber insgesamt eher blass bleibt, weil es ihr Job ist, vor allem Fragen zu stellen. Erst später wird dann auch Ninas Mutter wichtig.
En passant – das könnte man als eine Grundthese im Buch ansehen – bekommt man vermittelt, dass Jugendliche durch ihre Familien geprägt werden. Nina hat ihr selbstaufopferndes Verhalten nicht von ungefähr: Ihre Mutter verhält sich nicht anders. Bei Aleks wiederum, den man als Leser/in im Buch als wesentlich vielschichtiger und einfühlsamer kennenlernt, als er in der Inhaltszusammenfassung oben beschrieben wird, ist es eine Mutter, die Stärke von ihrem Sohn verlangt. Aleks kommt damit nicht gut zurecht. Und während Teo bei Tante und Onkel lebt, weil ihre Eltern damit überfordert waren, sie großzuziehen, hat Finn – mehr sei nicht verraten – eine recht ungewöhnliche Familie. Der Blick in diese ganz unterschiedlichen Familienverhältnisse ist gut inszeniert und gefällt mir.
Was Nina angeht, so verstrickt sie sich im Laufe der Geschichte zunehmend und gerät in eine ziemlich verfahrene Situation, weil sie ihre Selbstaufopferung und ihr Helfenmüssen maßlos übertreibt. Ihr Verhalten wird von den anderen letztendlich als übergriffig erlebt, und das stört auf Dauer eigentlich alle Freunde massiv. Nina eckt damit so richtig an. Und natürlich muss Nina irgendwann lernen – so ist das Buch angelegt –, dass sie so nicht weitermachen kann.
Doch leider übertreibt Anna Dimitrova es hier für meinen Geschmack eindeutig. Dem Wandel von Nina sind etwas mehr als die letzten 50 Seiten des Buchs gewidmet, und es ist, finde ich, zu trivial, wie er sich vollzieht. Musste es sein, dass Nina wie geläutert wirkt und sich dann wirklich auf einmal ganz anders verhalten kann? Das ist zu schön, um wahr sein zu können, und es stört mich. Es macht ein wenig kaputt, was das Buch bis dahin ausgezeichnet hat: Der lockere Erzählstil und der augenzwinkernde Humor, der in der Geschichte steckt, werden ein Stück weit ausgehebelt, weil das Ende zu wohlgefällig ist.
Ansonsten ist Anna Dimitrova nah an ihren Figuren dran: Da gibt es einen Jungen mit Essstörung (eher ungewöhnlich in Jugendromanen), es gibt Figuren mit Prüfungsangst und nächtlichen Albträumen; und während Psychologinnen und Psychologen sonst in Bücher ja oft eher für karrikierende Figuren gut sind, wird Therapie im Roman als wichtiges Mittel angesehen, das dabei hilft, dass Jugendliche ihren Weg finden und ihre Probleme hinter sich lassen können.
Fazit:
4 von 5 Punkten. „People Pleaser“ ist ein äußerst sympathisch erzähltes Buch, das vier Jugendliche in den Blick nimmt und aufzeigt, womit sie zu kämpfen haben. Vor allem Nina mit ihrem Helfersyndrom steht im Fokus – darauf spielt auch der Buchtitel an –, doch es geht um noch einige andere Schwierigkeiten. Durch die comedy-artige Erzählweise hat man aber nicht das Gefühl, hier ein Problembuch zu lesen, sondern wird bestens unterhalten.
Leider geht das Buch auf der Zielgerade ein wenig in die falsche Richtung, wenn Ninas Helfer-Problematik allzu schnell aufgelöst wird – das ist mir zu platt. Es ist nichts gegen lernfähige Protagonisten einzuwenden, aber hier ist es zu viel und geht zu schnell. Die auch am Schluss noch vorhandene ironisierende Schreibweise mildert das ein bisschen ab, aber es hat mich trotzdem gestört. Davon abgesehen ist „People Pleaser“ jedoch ein unterhaltsames Buch, das einen zugleich ein wenig in andere Kulturkreise schauen lässt. Denn Nina und Teo stammen wie die Autorin Anna Dimitrova aus Bulgarien, und da sieht die Mädchen- und Frauensozialisation mitunter etwas anders als in Deutschland aus. Anna Dimitrova nimmt das liebevoll in den Blick und mit einer gehörigen Portion Selbstironie ihrer Protagonistin auf die Schippe.
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(Ulf Cronenberg, 29.07.2026)
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