Buchbesprechung: Kobai Halstenberg „Wie Treibholz auf Asphalt“

(Fischer Sauerländer 2026, 296 Seiten)
Dass ich Sachbücher bespreche, kommt ab und zu vor – in den letzten Jahren waren es aber oft vor allem Graphic Novels, die sich mit einem Sachthema beschäftigt haben. Auf „Wie Treibholz auf Asphalt“ bin ich über die E-Mail einer Literaturagentur aufmerksam geworden; und manchmal hab ich den Drang, meine Wohlfühlzone zu verlassen – auch literarisch. Ein Buch, das von jungen Menschen, die auf der Straße leben, berichtet, gehört eindeutig dazu.
14 junge Menschen im Alter zwischen 18 und 26 Jahren hat Kobai Halstenberg aus ihrem Leben erzählen lassen – darunter, wenn ich richtig gezählt habe, 6 junge Frauen. Was berichtet wurde, hat die Autorin in Ich-Form zusammengefasst – sprachlich, so scheint mir, etwas geglättet, aber doch so, dass es noch nach erzählten Berichten klingt. Und ja, ein Wohlfühlbuch ist es nicht, das man da liest, denn die Geschichten haben es in sich und erzählen alle von Leben, die – um es letztendlich beschönigend auszudrücken – anders gelaufen sind, als die 14 jungen Menschen sich das gewünscht hatten und haben.
Wer „Wie Treibholz auf Asphalt“ liest, erfährt sehr viel – vor allem wird einem klar, wie es zu Obdach- oder Wohnungslosigkeit kommt. Das ist ja kein selbstbestimmter Entschluss, sondern fast immer ein Hineinschlittern in eine schwierige Situation. In vielem ähneln sich hier die 14 Lebensläufe, manches ist aber auch verschieden. Was man jedoch fast immer findet, sind schwierige Familienverhältnisse, in denen die jungen Menschen aufgewachsen sind: Kinder und Jugendliche haben die Trennung der Eltern nicht verkraftet, wurden von Eltern getrennt, manchmal wurden sie hin und her geschoben, kamen in Pflegefamilien oder Heime. Jedenfalls waren die Beziehungen zu den Eltern meist nicht stabil. Auch psychisch kranke Eltern (u. a. eine schizophene und eine bipolare Mutter) tauchen mehrmals auf. Vertrauenspersonen, die sich liebevoll um die Kinder und Jugendlichen gekümmert haben, gab es in ihrer Kindheit und Jugend meist nicht.
Auch anderes fällt einem als Leser/in auf: Sehr oft wird von Mobbing in der Schule berichtet – auch hier herrschen negative Erfahrungen, allerdings mit Gleichaltrigen, vor. Mich hat es, ehrlich gesagt, etwas geschockt, dass Schulen nach wie vor so wenig gegen Mobbing unternehmen – Sensibilisierung und Antimobbingprogrammen zum Trotz. Sehr häufig fällt außerdem das Stichwort ADHS – meist nur als Verdachtsdiagnose, aber fast immer unbehandelt. Das könnte man als Bestätigung dafür ansehen, was Fachleute aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie immer wieder betonen: dass ein unbehandeltes ADHS unter anderem die Wahrscheinlichkeit für gefährliches Risikoverhalten und Drogenkonsum deutlich erhöht, dass außerdem soziale Verbindungen erschwert werden.
Vielleicht tue ich, wenn ich die typischen Wege hier ein wenig zusammenzufassen versuche, den Betroffenen unrecht; aber ein gewisses Muster, wie man als Jugendlicher in die Wohnungs- oder Obdachlosigkeit gerät, findet sich in den 14 Fällen immer wieder: Zu Hause keine verlässlichen Bezugspersonen, in der Schule eine untragbare Situation, Anschluss wird dann bei anderen Jugendlichen, die meist selbst auf der Straße leben, gefunden … Hier gibt es spätestens erste Kontakte zu Alkohol, Cannabis, aber im weiteren Verlauf meist auch zu härteren Drogen. Und gab es anfangs manchmal noch eine Wohnung, die Schule oder einen Ausbildungsplatz, so brechen diese Stützen – auch wegen der Drogen – weg … Doch es bleibt: Der Ausgangspunkt sind meist schwierige Familienverhältnisse und oftmals eine Disposition zu Verhaltensauffälligkeiten.
Man findet im Buch durchaus auch Überraschendes: Ich war unter anderem mehrmals erstaunt, wie reflektiert einige der jungen Erwachsenen waren. Manche konnten sehr genau den Weg in die Obdach- oder Wohnungslosigkeit nachzeichnen und machen sich über sehr vieles Gedanken. Und einige sind zunächst aufs Gymnasium gegangen, dort aber aus verschiedenen Gründen gescheitert. Besonders aufgefallen ist mir May (18 Jahre; ab Seite 60), die ihren Lebensweg und ihre Lebenssituation sehr genau analysiert – ganz nebenbei erwähnt sie, dass sie als Jugendliche als hochbegabt eingestuft wurde. Wer nur eine Lebensgeschichte aus dem Buch lesen will, ist hier gut aufgehoben – aber danach vermutlich motiviert weiterzulesen …
Kobai Halstenberg hat den Interviewten Fragen gestellt, die nicht explizit genannt werden, aber indirekt erschlossen werden können, weil in fast allen Berichten gewisse Themen aufgegriffen werden. Dazu zählt unter anderem, was die Wohnungs- oder Obdachlosen sich von anderen Menschen wünschen. Zentral von fast allen genannt wird, dass sie wahrgenommen werden wollen. Sie erleben aber das Gegenteil: Sie werden schlimm beschimpft oder schikaniert, Vorbeigehende schauen weg und ignorieren sie, wenn sie um Geld bitten, reagieren Menschen gezielt nicht. Statt solcher Reaktionen wünschen sich die Obdach- und Wohnungslosen ein „Nein“ oder ein Wahrgenommenwerden – aus menschlichem Respekt.
Manche der 14 jungen Menschen befinden sich weiterhin in auswegslosen Situationen, andere sind auf den Sprung in ein besseres Leben; sind halbwegs drogenfrei, haben seit kurzem eine Wohnung, müssen aber weiter um eine Ausbildung oder einen Arbeitsplatz und um Stabilität kämpfen. Dass es überhaupt dazu kommen kann, liegt an verschiedenen Hilfsprojekten, die es in großen Städten gibt. Vor allem der Verein Straßenkinder in Berlin wird häufig genannt; aber auch andere Hilfsorganisationen kommen vor. Wohnungs- und Obdachlose werden dort unbürokratisch unterstützt, hier wird ihnen zugehört, hier wird ihnen geholfen – soweit es geht. Das sind Anker für Wohnungs- und Obdachlose, und auch wenn es lange dauert, gelingt mit dieser Unterstützung manchmal der Weg zurück in ein normales Leben. Doch solche Unterstützungsprojekte gibt es – auch das ist Teil der Wahrheit – eindeutig zu wenige.
Fazit:
5 von 5 Punkten. Was Kobai Halstenberg da geleistet hat, ist immens. Ein gern von vielen Menschen verdrängtes Problem wie die Wohnungs-/Obdachlosigkeit von jungen Menschen wird in „Wie Treibholz auf Asphalt“ sichtbar gemacht, es wird konkret. Die 14 Einzelschicksale haben mich immer wieder betroffen gemacht, manchmal auch geschockt; manchmal war da auch ein bisschen Wut in mir, wenn man liest, wie Jugendämter nicht reagiert oder falsch agiert haben; oder wenn geschildert wird, dass Lehrkräfte nichts gegen das Mobbing unternommen haben. Was ich allerdings beim Lesen auch verspürt habe, ist eine gewisse Scham, weil auch ich die Probleme Obdach- und Wohnungsloser weitgehend ausblende und mich unwohl fühle, wenn jemand mich um Geld bittet. Ich werde daran arbeiten, mich anders zu verhalten.
Eines der Hauptanliegen des Buchs ist es sicher, Empathie für Jugendliche und junge Menschen in prekären Lebenssituationen zu wecken. Das haben sie angesichts ihrer schweren Lebenswege verdient. Darüber hinaus ist „Wie Treibholz auf Asphalt“ für mich ein politisches Buch, denn es zeigt, dass unsere Politik versagt, wenn für Kinder und Jugendliche in schwierigen Familien- und Lebensverhältnissen oft nicht genug getan wird, während wir gleichzeitig Menschen mit unfassbarem Reichtum haben. Ja, wir brauchen eine andere Familien- und Bildungspolitik, durch die gefährdete Kinder und Jugendliche besser in den Blick genommen und betreut werden.
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(Ulf Cronenberg, 17.08.2026)
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