Buchbesprechung: Daniela Dröscher „Mädchen allein zu zweit“

Buchbesprechung: Daniela Dröscher „Mädchen allein zu zweit“

Cover: Daniela Dröscher „Mädchen allein zu zweit“Lesealter 14+(Beltz & Gelberg 2026, 187 Seiten)

Das Cover von Daniela Dröschers „Mädchen allein zu zweit“ finde ich schon sehr cool. Dynamisch wird eine Szene mit zwei Mädchen dargestellt, die bestens – das kann ich nach dem Lesen des Buchs sagen – zu dem Jugendroman passt. Ich kann mir vorstellen, dass es bei Leserinnen, die nach Lesestoff suchen, gut ankommt. Daniela Dröscher ist durchaus eine bekannte Autorin, hat bisher allerdings keine Bücher für Kinder und Jugendliche geschrieben – „Mädchen allein zu zweit“ ist ihr Debüt im Kinder- und Jugendbuchbereich.

Inhalt:

Issa und Grace sind beste Freundinnen und gehen gemeinsam als externe Schülerinnen in ein Internat, das sonst vor allem von Jugendlichen reicher Eltern besucht wird. Sowohl Issas als auch Grace‘ alleinerziehende Mutter haben dagegen mit Geldmangel zu kämpfen. Und in Issas Familie gibt es noch ein anderes Problem, das vieles dominiert: Ihre jüngere Schwester Livvie spricht so gut wie nichts, und das hat keine organischen Ursachen.

Grace hat dagegen seit kurzem andere Sorgen: Ihre Brüste sind in den letzten Wochen so gewachsen, dass es richtig weh tut. Sie zieht sich deswegen zunehmend zurück und geht nicht in die Schule. Die einzige Mitschülerin, die eingeweiht ist, ist Issa. Grace‘ Mutter weiß zwar auch Bescheid, will Grace aber nicht unterstützen, sondern vertraut darauf, dass die Schmerzen mit der Zeit weggehen werden. Grace hält es jedoch nicht mehr aus.

So macht sich Grace begleitet von Issa auf nach Frankfurt und besucht dort die Praxis eines medizinischen Spezialisten. Doch der will sie, weil sie erst 15 Jahre ist, gar nicht untersuchen. Den beiden Mädchen gelingt es jedoch, ihn doch von der Notwendigkeit einer Untersuchung zu überzeugen. Allerdings weigert der Arzt sich dann dennoch, Grace zu operieren, weil die Brüste 100 Gramm zu wenig wiegen. Zudem gibt es sowieso das Problem, wie die Operation bezahlt werden soll. Die Krankenkasse würde das nicht übernehmen, und Grace und ihrer Mutter fehlt das Geld.

Bewertung:

Ehrlich gesagt, habe ich mich in dem Buch streckenweise als männlicher Leser ein wenig unwohl gefühlt. Es ist fast etwas voyeristisch, wenn man liest, wie Grace unter ihren zu großen Brüsten leidet und Schmerzen hat – für ein Jugendbuch ist das schon ein sehr ungewöhnliches Thema. Und es nimmt am Anfang recht viel Raum ein, tritt später dann aber ein wenig in den Hintergrund.

Das zweite vorherrschende Thema des Buchs ist, dass Issa sich zu einem Klassenkameraden, der von allen nur SIR genannt wird, hingezogen fühlt. SIR hat eine reiche und dominante Mutter, die auch noch dem Elternbeirat der Schule vorsteht und ganz und gar nicht will, dass ihr Sohn etwas mit Issa, die aus prekären Verhältnissen kommt, zu tun hat. SIRs Mutter hält da den Daumen drauf, ja, sie überwacht ihren Sohn mehr oder weniger in allem, was er tut. Von Issa hat SIRs Mutter wegen ihres arroganten Auftretens den Spitznamen Cruella bekommen – weil sie Issa an die gleichnamige Figur aus dem Film „101 Dalmatiner“ erinnert. Für Issa ist Cruella die Verkörperung einer reichen, schnöseligen Frau, die ihre Macht genießt und alles kontrollieren will.

Erzählt wird der Roman aus der Sicht von Issa. Eingestreut in das Buch sind jedoch Ausschnitte von Notizbüchern – und zwar zum einen das sogenannte „Alphabet des Gelds“. Grace als Verfasserin erläutert darin für jeden Alphabetbuchstaben ein Wort, das sie mit dem Thema Geld in Verbindung bringt. Es geht um Begriffe wie Billionäre oder Inflation, aber auch um Wörter wie Angst oder Ohnmacht, die auf den ersten Blick nicht so viel mit Geld zu tun haben, die Grace aber zum Beispiel mit dem Kapitalismus in Zusammenhang bringt. Zum anderen enthält der Roman Ausschnitte aus Livvies geheimen Tagebuch, das ein wenig Einblick in die Seelenlage von Issas jüngerer Schwester gibt.

Mir gefällt vor allem die Idee des Alphabets des Geldes, weil darin aus jugendlicher Sicht auf die Ungerechtigkeiten in den Reichtumsverhältnissen unserer Gesellschaft geblickt wird. Das ist für mich – dieses politische Statement sei mir erlaubt – ein wirklich brisantes Thema; denn ich sehe mit großer Sorge, dass die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland (und auch in anderen Ländern) zunehmend auseinander geht. Und das gefährdet unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Aber zurück zum Buch …

Was mir an „Mädchen allein zu zweit“ vor allem gefällt, ist, dass im Buch ein sehr authentisch wirkender Blick auf das Leben zweier Mädchen geworfen wird. Ein klein wenig Rotzigkeit – so möchte ich das positiv konnotiert nennen – liegt in diesem Blick verborgen; er gibt dem Buch einen eigenen Ton. Und vielleicht ist es wirklich auch die seltsame Szenerie mit den übergroßen Brüsten, die mich zwar einerseits irritiert hat, aber andererseits zugleich ihrer Unverfälschtheit wegen fasziniert hat. So bleibt festzuhalten, dass Daniela Dröscher für ihre Erzählerin und für diese Geschichte jedenfalls einen eigenen Sound gefunden.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Daniela Dröschers Jugenbuchdebüt ist kein Buch für Jungen, sondern adressiert ganz klar Mädchen – aber das ist ja auch legitim. Von daher bin ich vielleicht nicht ganz der passende Leser für diesen Jugendroman, dennoch fand ich die leicht freche Erzählweise gepaart mit recht ungewöhnlichen Motiven durchaus erfrischend. Dass ein Roman zwei Mädchen aus Familien mit wenig Geld in den Vordergrund stellt, deren Leben geschickt in Kontrast zum Leben reicher Jugendlicher stellt, hat mir gefallen. Allerdings finde ich, dass Daniela Dröscher das durchaus noch etwas zugespitzter herausarbeiten hätte können.

Issa und Grace sind zwei ungewöhnliche Figuren, die man als Leser/in ins Herz schließt; der SIR als Sohn aus reichem Haus (übrigens auch mit einer alleinerziehenden Mutter, die aber alle Macht in Händen hält) ergänzt die Figurenkonstellation geschickt. Dass SIR es trotz des vielen Gelds, das seine Mutter hat, auch nicht leicht hat und er unter seiner Mutter leidet, macht die Begegnung zwischen Issa und ihm möglich. „Mädchen allein zu zweit“ erzählt etwas anderes als viele Jugendromane, und positiv bewerte ich vor allem auch, dass man im Buch kein romantisierend beschriebenes Verliebtsein präsentiert bekommt. Klischees, an denen ich mich oft störe, kennt der Roman jedenfalls nicht.

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(Ulf Cronenberg, 15.07.2026)


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