
(Rotfuchs-Verlag 2026, 220 Seiten)
Marion Brunet ist laut Rotfuchs-Verlag eine „preisgekrönte französische Autorin“. Anscheinend haben ihre Bücher, obwohl die Schriftstellerin letztes Jahr sogar mit dem Astrid Lindgren Memorial Award ausgezeichnet wurde, noch nicht den Weg ins Deutsche gefunden – jedenfalls habe ich keine übersetzten Bücher von ihr gefunden. In der Verlagsvorschau von Rotfuchs hat mich der zusammengefasste Buchinhalt angesprochen, und so ist das Buch schließlich auf meinem Lesestapel gelandet. Was man da vor sich hat, ist – das sei schon mal verraten – zweifellos ein Thriller für jugendliche Leser/innen.
Inhalt:
Unzertrennliche Freunde sind Emma, Clarence, Sam und Élise, und da sie an der Küste leben, verbindet sie ein gemeinsames Hobby: das Segeln. Je älter sie werden, desto mehr trauen sie sich zu, und Clarence ist eindeutig so etwas wie der unbenannte Anführer der vier. Als jedoch Clarences Vater eine neue Freundin hat, die ihren Sohn Victor mitbringt, und Victor nach und nach Teil der Gruppe wird, kommt es zunehmend zu Konflikten. Es ist vor allem Clarence, der Victor gegenüber immer kritischer eingestellt ist und ihn oft kritisiert oder vor den anderen niedermacht.
Als das Abitur geschrieben ist, brechen sie zu fünft zu einer Segelreise nach Irland auf. Von Élises Großeltern bekommen sie ein Segelschiff, die Céladon, geliehen. Doch je länger die Reise dauert, desto mehr spitzt sich der Konflikt zwischen Clarence und Victor zu. Dazu trägt auch bei, dass Emma, die seit Jahren in Clarence verliebt und ihm hinterhergelaufen ist, sich zunehmend wegen dessen dominanter Art von ihm abwendet und sich zu Victor hingezogen fühlt. Vor einem Pub in Irland kommt es sogar zu einer Prügelei zwischen Clarence und Victor.
Als sie erfahren, dass auf der Rückreise ein Sturm aufziehen soll, ist es Clarence, der sie drängt, sofort loszusegeln, um noch vor dem Sturm die heimatliche Küste zu erreichen. Doch bald merken sie, dass sie nicht schnell genug vorankommen und befinden sich mitten in einer lebensbedrohlichen Situation. Doch schon vorher passiert etwas, das sie schockiert: Emma, Sam, Élise und Victor fischen den toten Clarence aus dem Wasser.
Bewertung:
Das Grundszenario – fünf Jungendliche geraten alleine auf einem Segelboot in einen Sturm – verspricht von der Anlage her schon mal große Spannung. Doch Marion Brunet legt in „Zwischen Ebbe und Wut“ (Übersetzung: Maren Partzsch und Carolin Farbmacher; französischer Originaltitel: „Plein gris“) noch einen drauf, weil Clarence von den anderen tot aus dem Wasser gezogen wird, und es ist für einen als Leser/in unklar, wie es dazu kam. Ein Unfall? Suizid? Oder doch etwas, was mit den Spannungen zwischen Victor und Clarence zu tun hat? Auf Französisch ist der Jugendroman übrigens schon 2021 erschienen, und was das Wortspiel im deutschen Titel angeht, so finde ich es, ehrlich gesagt, etwas platt.
Ich-Erzählerin ist Emma, wobei man im ersten Kapitel zunächst im Dunkeln darüber gelassen wird, wer erzählt und ob der Erzähler ein Junge oder ein Mädchen ist. Emma ist eine gut gewählte Figur, weil sie alles genau beobachtet und mit den verschiedenen Figuren auf unterschiedliche Art und Weise verbandelt ist. Vor allem mit Clarence verbindet sie eine lange Freundschaft, die von Emmas Seite aus schon lange mehr ist. Doch Clarence erwidert die Verliebtheitsgefühle nicht.
Clarence ist eine schillernde Figur, und je weiter man im Buch kommt, desto mehr bekommt man mit, dass er einen toxischen Charakter hat. Einerseits bewundern ihn die vier Freunde, sie akzeptieren auch, dass er meist den Ton angibt. Doch durch das Hineintreten von Victor in die Vierergruppe werden zunehmend Clarences schlechte Seiten hervorgeholt. Er entpuppt sich als narzisstischer Charakter, der es nicht mag, wenn andere seine Ansichten nicht teilen, sie sich zu anderen Menschen hinzugezogen fühlen oder sich gar gegen ihn stellen.
Es zählt zu den Stärken des Buchs, dass Mariaon Brunet diese Psychodynamik in den Mittelpunkt stellt, und was wäre besser dazu geeignet, als eine Situation, in der fünf Jugendliche auf einem Boot voll und ganz aufeinander angewiesen sind. Auf einem Boot muss man einander vertrauen, man kann sich auf engem Raum nicht aus dem Weg gehen und Konflikte haben immer das Potenzial, gerade in Stresssituationen, zu eskalieren. Und so kommt es auch. Man ahnt, als der Sturm aufzieht, dass alles auf einen Kampf zwischen Leben und Tod hinausläuft.
Gut gefallen hat mir auch, wie die Geschichte präsentiert wird. Neben etwa der Hälfte der Buchkapitel, die in der erzählten Gegenwart auf dem Segelboot spielen, gibt es Kapitel, in denen Emma zurückschaut. Da wird unter anderem berichtet, wie Victor in die Gruppe kommt und wie sich die Dynamik in der Gruppe verändert. Ein Schwerpunkt liegt darauf, dass auch die Figur von Clarence genauer beleuchtet wird.
Am problematischsten fand ich den Einstieg ins Buch, und das hängt damit zusammen, dass Marion Brunet sehr viel Fachwörter aus dem Boots- und Segelbereich verwendet – die meisten Leser/innen dürften nicht wissen, was sich hinter Befehlen wie „Birg den Spi!“ verbirgt. Mir ging das in jedem Fall so. Als Nicht-Kundiger kann man sich manche Dinge nicht so ganz vorstellen, und mir hat das den Einstieg ins Buch erschwert. Und wer am Schluss darauf hofft, dass der Tod von Clarence aufgeklärt wird, der wird nicht enttäuscht, sondern vielmehr mit einer ungewöhnlichen Auflösung überrascht. Gut so.
Fazit:
4-einhalb von 5 Punkten. Bis auf den etwas harmlos wirkenden Einstieg entfaltet „Zwischen Ebbe und Wut“ sehr gekonnt große Spannung auf psychologischer wie auf der Handlungsebene. Dass durch rückblickende Kapitel die Spannung immer wieder etwas heruntergefahren wird, hat mich nicht gestört. Im Gegenteil. Man erfährt so Dinge, die für den weiteren Verlauf der Gruppendynamik wichtig sind, und fiebert dem nächsten Kapitel entgegen, in dem der Kampf gegen den Sturm weitergeht. Dass Marion Brunet eine gewiefte Erzählerin ist, merkt man.
Ich bin stets interessiert an psychologischen Charakterstudien, und Marion Brunets Jugendroman hat diesbezüglich viel zu bieten. Im Mittelpunkt steht hier Clarence, vor dem Emma von ihrem Opa – ohne dass sie es gleich verstanden hat – gewarnt wurde: Vor dem solle sie sich in Acht nehmen. Letztendlich ist Clarence kein Jugendlicher, der positive Beziehungen aufbauen kann; vielmehr manipuliert er Menschen und nutzt sein Charisma dafür. Emma bemerkt das recht spät. Für mich ist es einer der großen Pluspunkte des Romans, wie skizziert wird, dass man von Charisma, hinter dem sich aber eine toxische Persönlichkeit versteckt, geblendet werden kann; raffiniert ist das gemacht. Wer sich wie ich für so etwas interessiert, findet neben all der Spannung in „Zwischen Ebbe und Wut“ einen dichten und gelungenen Roman.
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(Ulf Cronenberg, 01.07.2026)
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