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Buchbesprechung: Tobias Elsäßer „Matria“

Cover: Tobias Elsäßer „Matria“Lesealter 14+(Thienemann-Verlag 2026, 237 Seiten)

Leben wir eigentlich in einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind? Die Antwort heißt für mich: nein. Man muss nur, um nur ein Beispiel zu nennen, auf die nach wie vor vorhandenen Gehaltsunterschiede schauen. In manchen Bereichen habe ich sogar den Eindruck, dass es Rückschritte und sich verfestigende Rollenbilder gibt – auch wenn das selbstverständlich nicht alle Menschen betrifft … Tobias Elsäßer hat das Thema auch beschäftigt, und seine Zukunftsroman spielt ein interessantes Szenario durch, in dem Frauen sich zusammengetan haben und zum Schutz in eigenen Siedlungen leben.

Inhalt:

Matria – so heißt eine abgeschottete Gesellschaft in Spanien, in der Frauen sich zum Schutz vor männlicher Gewalt, Kriegen und Unterdrückung zusammengeschlossen haben. Die Siedlung muss nach außen verteidigt werden, weswegen sie von großen Mauern umgeben ist. Nicht jede Frau kann dort aufgenommen werden, dafür reicht der Platz nicht. Männer sind nicht gänzlich ausgeschlossen, aber machen einen eher geringen Teil der Bevölkerung in Matria aus. Es sind vor allem Jungen, die mit ihren Müttern dort ein neues Leben beginnen.

Einer von ihnen ist der 15-jährige Elias. Einerseits schätzt er die Sicherheit, in der er lebt, andererseits fühlt er sich beobachtet und kontrolliert. Irgendwann im Jugendalter werden die Jungen in eine Camp gebracht, wo sie verschiedene Prüfungen ablegen müssen – niemand weiß Genaueres. Auch, ob man danach aus der Matria verbannt werden kann und wie häufig das vorkommt, weiß niemand. Jedenfalls macht Elias sich Sorgen, dass ihm das passieren könnte, insbesondere weil das Verliebtsein in Aleika in ihm Sehnsüchte, Triebe und Wünsche weckt, die er nicht gut kontrollieren kann.

Dann wird Elias eines Nachts fürs Camp abgeholt. In einem Van wird er mit anderen Jungen in die Berge gebracht, und auf der Fahrt wird der Konvoi von Rebellen angegriffen – doch sie kommen davon, ohne dass etwas Schlimmes passiert. Im Camp selbst werden die Neuankömmlinge erst mal mit gutem Essen verwöhnt und bekommen einen Mentor oder eine Mentorin zugewiesen. Irgendwann wird ihnen eine Liste von Prüfungen vorgelegt, die sie ablegen müssen – mit seltsamen Begriffen wie Kampf, Spiegel, Wurzel und Echo …

Bewertung:

Ein interessantes Thema hat sich Tobias Elsäßer für seine Zukunfsvision gewählt – ob man sie eine Dystopie oder eine Utopie nennen kann, ist nicht klar. Tobias Elsäßer spricht im Nachwort von einer Femtopie. Das finde ich aber einen etwas sperrigen und zudem für die meisten Menschen nicht verständlichen Begriff … Apropos Nachwort: Ich finde es nicht nur sympathisch, sondern bewundernswert, wie offen Tobias Elsäßer seine schlimmen persönlich-familiären Erfahrungen (der Inhalt sei den Buchleser/inne/n vorbehalten) benennt und sie als einen wichtigen Grund für das Thema dieses Buch anführt.

Dass Frauen eine Gated Community in Form einer großen Siedlung gründen, weil sie in einer Welt mit Konflikten, Gewalt und Kriegen anders leben wollen, ist durchaus nachvollziehbar. Dass hierfür hohe Abgrenzungsmauern und auch Waffen notwendig sind, kann man ebenfalls nachvollziehen. Und dass es eine Einreise- beziehungsweise Aufnahmekontrolle gibt, ist sachlogisch. Eine zentrale Frage taucht in einer solchen Gemeinschaft aber auf: Wie wird mit Jungen und Männern umgegangen? Um der Frage nachzugehen, hat Tobias Elsäßer passend einen 15-jährigen Jungen als Ich-Erzähler gewählt.

Elias ist ein typischer Junge in der Pubertät. Er interessiert sich für Mädchen, denkt viel an Sex – aber genau das macht ihn nervös. Angesichts des bevorstehenden Camps weiß er nicht, ob seine Sehnsüchte und Fantasien erlaubt sind. Das Camp, so geht das Gerücht um, ist eine Art Prüfung für Jungen, die darüber entscheidet, ob jemand in Matria bleiben darf. Und was genau dort passiert, kann und darf ihm niemand sagen. Was ihn außerdem verunsichert, ist, dass er nichts über seinen Vater weiß – seine Mutter hält sich diesbezüglich vollkommen bedeckt. Jedenfalls sind die beiden schon vor vielen Jahren auf der Flucht von Elias‘ Vater nach Matria gekommen.

Das Buch besteht aus fünf Teilen. Im ersten Teil wird Elias‘ Leben vorgestellt, in den Teilen zwei bis vier ist Elias auf dem Weg ins Camp bzw. befindet sich dort. Da das Camp außerhalb der Matria ist, ist der Weg dorthin gefährlich, und in der Tat wird der Konvoi von Rebellen angegriffen. Etwas kryptisch – und das ist vielleicht der Part im Buch, der mich ab und zu ein wenig ratlos zurückgelassen hat – sind die Prüfungen, die Elias ablegen muss. Am nachvollziehbarsten ist noch das Modul Kampf; insgesamt wirkt das Camp wie ein psychologisch aufgezogenes Assessmentcenter. Einiges von dem, was hier passiert, bleibt auch für den Leser undurchschaubar, was jedoch die Situation von Elias widerspiegelt.

Es gab früher Bücher von Tobias Elsäßer, in denen mir ein wenig die psychologische Tiefe in den Figuren gefehlt hat. Das hat mich bei „Matria“ nicht gestört, auch wenn es – aber das Buch ist so angelegt – vor allem Elias ist, dem man als Leser/in nahekommt; die anderen Figuren werden nur aus seiner Sicht beschrieben. Elias wird jedenfalls vielschichtig mit all seinen Widersprüchen dargestellt, und er wirkt authentisch.

Der Plot schlingert ein bisschen hin und her … Es gibt keinen eindeutigen Höhepunkt, auf den das Buch hingeschrieben ist – aber auch hier passt alles. Immer wieder findet man spannende und packende Szenen, die über das Buch verteilt sind, und das offene Ende (das nicht vorweggenommen sei) fügt sich gut in den Jugendroman ein. Es wäre spannend zu erfahren, wie das Leben von Elias weiterginge …

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Traditionelle Frauen- und Männerbilder, toxische Männlichkeit, sexuelle Gewalt, Manosphere … – wir leben in einer Welt, die trotz feministischer Strömungen in den letzten 100 Jahren zu viele Geschlechtsungerechtigkeiten und zu viel Beziehungsgewalt (meist von Männern gegen Frauen) kennt. Ich rechne es Tobias Elsäßer hoch an, dass er sich des Themas in einem Jugendroman angenommen hat – und das durchaus differenziert.

„Matria“ ist kein Buch, das eine Lösung kennt, das einseitig Partei ergreift. Die Gesellschaft in Matria wird auch nicht als fehlerlose Gemeinschaft beschrieben. Nein, „Matria“ ist ein interessantes Gedankenspiel, das, in die Zukunft verlagert, Leser/innen zum Nachdenken über unsere nach wie vor eher männerdominierte Gesellschaft und ihre Schattenseiten bringen will. Mit Elias hat Tobias Elsäßer (dass der Name der Hauptfigur aus Bestandteilen des Autornamens besteht, ist sicher kein Zufall: Elsäßer Tobias) eine sympathische Figur geschaffen, die sehr gut Zweifel und Fragen, aber auch Sehnsüchte und Wünsche eines sensiblen Jungen abbildet, der noch nach seiner Identität und Rolle als Junge/Mann sucht.

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(Ulf Cronenberg, 06.06.2026)


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