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Buchbesprechung: Agi Ofner „Problemwölfe“

Cover: Agi Ofner „Problemwölfe“Lesealter 14+(Tyrolia-Verlag 2025, 188 Seiten)

„Problemwölfe“ hat im Jahr 2025 den Buchcover Award gewonnen – ich finde, völlig zurecht. Nicht nur das geniale Cover, sondern auch die Vignetten von Wölfen im Buch hat Agi Ofner selbst gezeichnet. Und wer dann noch in das Buch hineinschaut, findet – und ich hatte schon immer ein Faible dafür –, dass es auch sehr ansprechend gesetzt ist. Die Seitenzahlen befinden sich z. B. nicht an der üblichen Stelle; und die Person, aus deren Blickwinkel berichtet wird, wird immer zu Beginn eines Abschnitts mit anderer Schrift vorangestellt. Mir gefällt das sehr.

Inhalt:

Ein Dorf in den Alpen ist völlig entzweit, weil vor einiger Zeit ein Wolf gesichtet wurde. Manche Menschen haben Angst, trauen sich mit ihren Kindern nicht mehr in den Wald (geschweige denn, dass sie sie alleine dort hingehen lassen), manche fürchten den Wolf, weil er zum Beispiel Schafe in den Herden reißen könnte. Andere dagegen halten die Befürchtungen für völlig übertrieben, möchten, dass der Wolf Schutz genießt und als Teil der Natur angesehen wird.

Marlene organisiert regelmäßig Demos und setzt sich vehement für den Wolf ein. Außerdem kämpft sie dagegen, dass etwas oberhalb des Dorfes auf einer Alm ein neues Hotel gebaut wird – der zunehmende Tourismus würde der Natur und damit auch dem Wolf schaden. Und nun plant Marlene eine große Aktion, mit der sie endgültig erreichen will, dass ihren Anliegen Gehör geschenkt wird. Doch bevor sie sich für die Aktion auf den Weg zur Wiese, auf der das Hotel gebaut werden soll, macht, passiert ein Ungeschick. Auf der Demo vorher verstaucht sie sich den Knöchel und kann kaum noch laufen. Schuld ist der Hund eines Mitschülers: Jonas.

Doch Marlene will sich nicht von der Aktion abbringen lassen, und sie lässt sich von Jonas und Saskia-Mattea, die Marlene wegen des Knöchels geholfen hat, auf dem Weg zur Hotelwiese begleiten. Kurz vor der Ankunft schickt sie die beiden allerdings wieder weg. Sie will die Aktion alleine durchziehen. Doch nicht nur, dass der Knöchel schlimmer wehtut als gedacht und sie sich kaum noch bewegen kann, ist ein Problem, sondern auch, dass ein Schneesturm heraufzieht. Zwar hat sie ein Zelt dabei, doch das bietet kaum Schutz vor dem heftigen Sturm.

Bewertung:

Der Geschichte vorangestellt ist die Definition des Wortes Pluralismus aus dem Duden, der dann folgender Satz folgt: „Oder: Ein Wolf taucht auf und spaltet einen Ort“. Agi Ofner will mit ihrem Buch – das wird an einigen Stellen deutlich – auch ein bisschen Demokratie vermitteln, indem z. B. den fünf Teilen des Buchs immer eine Vielzahl von fiktiven Bevölkerungsstimmen zum Wolf vorangestellt sind. Hier wird gezeigt, was Pluralismus ist; und auch wenn das vielleicht erst mal anders wirkt, letztendlich steht das pädagogische Moment des Romans nicht im Vordergrund. Und das ist auch gut so.

Man braucht ein bisschen Zeit, bis man in die Geschichte hineinfindet – und zwar auf zwei Ebenen: zum einen, um die Situation mit dem Wolf zu erfassen, zum anderen, um sich auch an den Erzählstil zu gewöhnen. „Problemwölfe“ wird konsequent mehrperspektivisch erzählt – auf einzelnen Seiten folgt man bis zu vier der fünf Protagonist/inn/en, die Perspektive wechselt hier dann alle paar Zeilen; manchmal steht aber auch eine Person über mehrere Seiten hinweg im Mittelpunkt. Es ist eine eigensinnige Form des personalen Erzählens, die hier gewählt wird, weil man immer wieder auch in die Gefühle der Figuren hineinblicken kann.

Vorangestellt ist jedem Perspektivenwechsel fettgedruckt mit anderer Schrift der Name der Person, um die es im Folgenden geht, sowie der Ort, wo sie sich befindet – zum Beispiel: „Saskia-Mattea, am Berg“. Der Ton, den Agi Ofner bei den fünf Personen anschlägt, ist frisch und unverbraucht, ja fast ein bisschen frech – mich hat dieser im positiven Sinn eigenwillige Stil fast sogar noch mehr als die Handlung fasziniert. Einfach mal recht willkürlich in das Buch gegriffen, liest sich das so (S. 71):

Jonas, im Wald. […] Er betrachtet Saskia-Mattea von der Seite. Sie trägt schon die ganze Zeit nur einen Pullover und inzwischen ist ihr fix arschkalt. Sie kaschiert es erstaunlich gut, aber sie zittert ohne Zweifel und ihre Hand vorhin war eisig.
Was er als Nächstes tut, passiert, ohne dass er groß nachdenkt. Als wäre noch der Rest »Jonas von vor einem halben Jahr« in ihm versteckt. Er bleibt stehen, zieht erst seine Jacke, dann seinen Pullover aus.
»Hier!« Er hält Saskia-Mattea den Pullover hin.

Die Handlung im Buch umfasst einen langen und ereignisreichen Tag, der in 5 Teilen zwischen Prolog und Epilog aufspannt wird. Die fünf Figuren und ihre Situation werden zu Beginn vorgestellt, am Ende wird für alle fünf die Geschichte abgeschlossen. Bei Marlene steht da im Prolog zum Beispiel: „Marlenes Tag beginnt mit einer Lüge.“, und im Epilog heißt es dann: „Marlenes Abenteuer endet mit der Wahrheit“. So werden alle fünf Figuren (neben Marlene ihre beste Freundin Amal, ihr Ex-Freund Rudi, Jonas der in Marlene verliebt ist, und Saskia-Mattea, die Ausreißerin von einer Klassenfahrt) mit einigen Absätzen eingeführt und am Ende wieder entlassen. Kunstvoll und durchdacht komponiert.

Spannend ist „Problemwölfe“ durchaus auch; das Buch kennt mehrfach unerwartete Wendungen, die gegen Ende des Romans unter anderem auch den Wolf betreffen. Und zwischendrin geht es auch noch um Themen wie Verliebtsein oder beendete Beziehungen. Wie die fünf Hauptfiguren, die ja durchaus ganz unterschiedliche Interessen und Motive haben, miteinander ringen, wie sie aber auch immer wieder zueinander finden, spiegelt auch auf der Beziehungsebene das Pluralismusmotiv wider.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Das geniale Cover verleitet einen, auf „Problemwölfe“ einige Erwartungen zu projizieren. Ich war froh, dass die Geschichte im Buch wie auch die Erzählweise hier durchaus mithalten können. Agi Ofner hat ein stimmiges, ein tiefgründiges Buch geschrieben: Die Autorin will den Leser/inne/n bewusst machen, welchen Wert ein gesellschaftlicher Diskurs hat, wie wichtig es ist, dass man am Ende zu einem für alle tragbaren Kompromiss kommt, auch wenn es bis dahin ein anstrengender Weg ist. Doch dieses Thema steht nicht im Vordergrund. Die Story ist packend genug erzählt, so dass man nicht das Gefühl hat, hier fährt jemand den pädagogischen Zeigefinger aus. Und zugleich kann man den Wolf, der eigentlich nur an einer Stelle auftaucht, durchaus auch als eine Allegorie verstehen, die für viele andere Sachen stehen kann – für Dinge und Themen, die eine Gesellschaft spalten.

Was mir an „Problemwölfe“ gefällt, sind neben der Spannung auf der psychologischen wie auf der Handlungsebene die fünf gut gewählten Hauptfiguren, die für jugendliche Leser/innen einige Identifikationsmöglichkeiten anbieten. Der wegen des Umzugs entwurzelte Jonas trifft auf die Außenseiterin Saskia-Mattea, die extrem engagierte Marlene hat eine beste Freundin, die nicht auffallen und anecken will. Und Robert steht irgendwie als geschasster Freund von Marlene am Rande und weiß nicht so recht, wo sein Platz ist. Wie die fünf am Ende dann doch nach Irrungen und Wirrungen zusammenwachsen und zu einem Team werden, ist eine gekonnt erzählte Geschichte.

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(Ulf Cronenberg, 11.04.2026)

Lektüretipp für Lehrer!

„Problemwölfe“ kann ich mir gut als Lektüre am Ende einer 8. oder in der 9. Jahrgangsstufe vorstellen – und zwar sowohl im Fach Deutsch wie auch im Fach Ethik. Die Frage, welche Haltung man dem Wolf und dem Hotel gegenüber einnehmen soll, kann man wunderbar aufgreifen, um Diskussionen zu führen und mit Schüler/inne/n einzuüben, wie man zu einem Kompromiss kommen kann. Und im Deutschunterricht bietet es sich außerdem an, die Sprache und Erzählweise des Buchs genauer unter die Lupe zu nehmen. Kreative Schreibaufträge lassen sich zudem ohne Probleme generieren.


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