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Buchbesprechung: Erin Entrada Kelly „Jetzt ist die beste Zeit von allen“

Cover: Erin Entrada Kelly „Jetzt ist die beste Zeit von allen“Lesealter 11+(dtv, Reihe Hanser 2026, 279 Seiten)

Nach recht vielen Büchern für ältere Jugendliche, die ich in den letzten Monaten besprochen habe, hatte ich mal wieder Lust, ein Buch für Jüngere zu lesen. Umso erfreuter war ich, als sich Kellys Buch (der Waschzettel auf der Buchrückseite verrät nichts davon) als Zeitreisen-Geschichte entpuppt hat. Zeitreisen kennt man aus Filmen und Büchern, in den letzten Jahren ist mir da aber nichts mehr untergekommen. Von daher: Gut, dass Erin Entrada Kelly sich an das Thema herangewagt hat; denn auch wenn ich mir nicht vorstellen kann, dass Zeitreisen einmal möglich sein werden: Es ist einfach ein tolles Gedankenspiel.

Inhalt:

Michael ist ein sorgenvoller Junge, und im Jahr 1999 hat er vor allem vor einer Sache Angst: dass durch das Jahr-2000-Problem alle Computersysteme verrückt spielen und das Leben der Menschen in Chaos gestürzt wird. Um sich zu wappnen, hat er in letzter Zeit heimlich unter seinem Bett Lebensmittel und anderes gehortet. Seine Mutter, mit der er alleine in einer Siedlung in Delaware lebt, weiß nichts davon, vor allem auch nicht, dass er manche Sachen davon im Supermarkt geklaut hat.

Weil seine Mutter mehrere Jobs hat, um die kleine Familie über Wasser zu halten, und deswegen so oft nicht zu Hause ist, kommt Gibby, ein älteres Mädchen, um auf Michael aufzupassen. Außerdem gibt es noch Mr. Mosley, einen Nachbarn, der sich um Michael kümmert. Michael und Mr. Mosley treffen eines Tages in der Siedlung einen seltsamen Jungen, der ziemlich orientierungslos wirkt und im Kontakt auch seltsame Fragen stellt. Michael findet den Jungen unheimlich.

Später ist auch Gibby in Kontakt mit dem Jungen, und er verrät Michael und ihr, dass er Ridge heißt. Es dauert etwas, bis Ridge ihnen schließlich etwas völlig Unerwartetes offenbart: dass er aus der Zukunft kommt. Weder Michael noch Gibby können das glauben; doch Ridge liefert ihnen quasi einen Beweis, weil er für den nächsten Tag ein schweres Erdbeben voraussagt, das dann wirklich eintritt …

Bewertung:

Es ist gut, wenn ein Buchrücken nicht zu viel von der Geschichte vorwegnimmt. Dass die Zeitreisen-Geschichte hier nicht erwähnt wird, ist allerdings ungewöhnlich – denn sie macht das Buch aus. Wenn da nur von einem ungewöhnlichen Jungen die Rede ist, mit dem irgendetwas nicht zu stimmen scheint, fehlt vielleicht doch etwas Leseanreiz.

Erin Entrada Kelly erzählt in „Jetzt ist die beste Zeit von allen“ (Übersetzung: Beate Schäfer; amerikanischer Originaltitel: „The First State of Being“) eine rührige Geschichte über einen angstvollen 12-jährigen Jungen, der fürchtet, dass das Leben zum Jahreswechsel wegen des Y2k-Problems (Wikipedia-Artikel) in eine große Krise geraten wird. Auch sonst ist Michael eher zurückhaltend, hat keine gleichaltrigen Freunde, und er ist ein wenig verschossen in seine „Babysitterin“ Gibby, verhält sich ihr gegenüber aber oft unbeholfen.

Was es mit Ridge auf sich hat, erfährt man nicht gleich zu Anfang des Buchs, sondern es dauert etwas, bis Michael und Gibby aus ihm herausquetschen, dass er aus dem Jahr 2188 kommt. Natürlich glauben die beiden das Ridge am Anfang nicht. Als Leser/in verliert man seine Skepsis schneller als sie, weil das Buch in anderer Schrift, nachdem das Geheimnis gelüftet ist, Texte aus der Zukunft enthält. Es sind vor allem transkribierte Gespräche, die man vorgesetzt bekommt, und zwar zwischen den drei Geschwistern von Ridge und deren Mutter, einer Wissenschaftlerin, die an einem Zeitreisegerät arbeitet. Wie die Geschwister miteinander umgehen, sich gegenseitig anmotzen, beschuldigen, die anderen Geschwister lächerlich zu machen versuchen, aber trotzdem so, dass man merkt, sie mögen sich, gehört zu den unterhaltsamen Teilen des Buchs.

Dass Ridges Reise in die Vergangenheit alles andere als geplant war, vielmehr eine Kurzschlusshandlung darstellte, deren Ausgang noch dazu ungewiss ist, gibt der Geschichte zusätzlich Spannung – man ahnt schon, dass die Rückkehr in die Zukunft nicht so ganz ohne Probleme klappen wird. Das Problem ist: Eigentlich ist das Gerät für die Zeitreise weder vollständig überprüft noch genehmigt – zu groß ist die Sorge, dass der Zeitsprung in die Vergangenheit als zu massiver Eingriff in den Zeitlauf zu ungeahnten Problemen führen könnte.

Dass Ridge sich ausgerechnet das Jahr 1999 für seinen Zeitsprung ausgesucht hat, ist eine witzige Idee – ich vermute fast, dass die Wahl von Erin Entrada Kelly für dieses Jahr etwas damit zu tun hat, wann die Autorin selbst aufgewachsen ist. Ridge hat die Entscheidung im Buch jedenfalls ganz bewusst getroffen, weil er das Leben kurz vor der Jahrtausendwende, über das er viel weiß, einfach nur cool findet. So ist es Ridges größter Wunsch, dass Michael und Gibby mit ihm eine Mall besuchen, weil es in der Zukunft keine großen Einkaufszentren mehr geben wird. Und Ridge kommt – das ist einfach witzig zu lesen – in der Mall aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Sicher nicht so ganz einfach ist es bei einem Zeitreise-Roman die ganzen technischen Hintergründe plausibel darzustellen. Erin Entrada Kelly meistert das jedoch geschickt und gekonnt. Was man darüber liest, klingt nach komplizierter zukünftiger Wissenschaft, kann man zwar nicht wirklich in allem nachvollziehen, wird aber so beschrieben, dass es auch für jüngere Leser/innen lesbar bleibt.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ich habe mich von „Jetzt ist die beste Zeit von allen“ – kurz auf den Punkt gebracht – bestens unterhalten gefühlt. Die Story ist abwechslungsreich. Sie hat traurige Momente, sie bringt einen an vielen Stellen zum Schmunzeln, sie ist abwechslungsreich, weil die Geschichte durch passende Erklärungstexte und vor allem durch die Dialoge aus der Zukunft aufgelockert wird. Unsere Zeit heute (genauer: vor 25 Jahren) mit den Augen eines mehr als 180 Jahre später lebenden Jungen zu erleben, ist eine besondere Erfahrung, und sie lässt den Leser bzw. die Leserin selbst ein wenig mit anderen Augen auf einiges heute Selbstverständliches gucken.

Dass Michael durch das, was er erlebt, nach und nach an Selbstsicherheit gewinnt, dass seine Ängste weniger werden, steht nicht im Vordergrund, gehört aber zur Geschichte dazu und gibt ihr ein wenig Tiefe. Einfach im Leben haben er und seine Mutter es nämlich nicht … Und noch etwas hat mir gefallen: Dass das Buch am Ende mit einer großen Überraschung aufwartet, die schlicht und ergreifend gut platziert ist, rundet Erin Entrada Kellys Kinderbuch ab. So bleibt am Ende, dass man „Jetzt ist die beste Zeit von allen“ mit einem guten Gefühl aus der Hand legt. 11- oder 12-Jährigen dürfte es, hoffe ich, genauso gehen wie mir.

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(Ulf Cronenberg, 17.04.2026)


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