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Buchbesprechung: Eva Kranenburg „Freunde“

Cover: Eva Kranenburg „Freunde“Lesealter 14+ (Fischer-Sauerländer-Verlag 2026, 442 Seiten)

Kriege und Konflikte haben gefühlt zugenommen, so dass einem manchmal schwindlig werden kann. Mir ist bewusst, dass es eigentlich nie anders war; aber durch den Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022, durch das Hamas-Massaker während des israelischen Supernova-Festivals am 7. Oktober 2023 und wegen allem, was darauf folgte, sind Kriege und Konflikte näher an uns in Mitteleuropa herangerückt. Nicht erst seitdem gibt es viele Flüchtlinge, die Traumatisches erlebt haben. Davon, was es heißt, in Kriegszeiten aufzuwachsen, erzählt Eva Kranenburg in ihrem Buch mit dem harmlos klingenden Titel „Freunde“ …

Inhalt:

Durch den Krieg zwischen zwei Völkern wurden weite Teil der Stadt zerstört, und jetzt sollen auch noch alle Jugendlichen rekrutiert werden, um im Kampf gegen die Anderen nicht ganz vernichtet zu werden. Ren hat seine gesamte Familie verloren, und er will eigentlich leben, doch auch er muss sich zur Sammelstelle begeben, wo die Jugendlichen mit Waffen ausgerüstet und einem Kommandanten zugeordnet werden. Doch weil er zögert, welchem Kommandanten er folgen will (sie müssen sich selbst zuordnen), hat er am Ende keine Wahl und wird mit einem Mädchen und einem kleinen Jungen dem einzigen noch übriggebliebenen Kommandanten zugewiesen: Tarek.

Ren, Nata, wie das Mädchen heißt, und Tuk, der noch ein Kind ist, ziehen mit Tarek los. Doch statt sie in den Kampf zu führen, lotst Tarek die drei in den Keller eines Friedhofhauses und bringt sie alle so in Sicherheit. Sie verstecken sich, und während das Morden um sich greift und die meisten der eingezogenen Jugendlichen getötet werden, überleben die vier. In ihrem Versteck kommen sie unter und versuchen, sich durchzuschlagen.

Die Anderen gewinnen kurz darauf den Krieg, ziehen in die Stadt ein und verlangen von allen Überlebenden Gehorsam, verteilen aber auch Brot an die hungernde Stadtbevölkerung. Tarek kümmert sich um seine drei Schützlinge, die wie er selbst schlimme Sachen erlebt haben. Über ihre Erlebnisse reden können sie nicht, die Erinnerungen hochzuholen, ist zu schlimm für sie – aber die vier geben sich zumindest Halt und versuchen sich gegenseitig in der schweren Zeit zu unterstützen.

Bewertung:

Um es gleich vorwegzunehmen: Von Eva Kranenburgs Jugendbuch „Freunde“ bin ich ziemlich angetan. Es ist ein Buch, das bestens zu dem, was wir zurzeit so oft in den Nachrichten sehen und lesen oder hören, passt. Völker bekriegen sich, sind voller Hass füreinander, schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein, und die Leidtragenden sind die Menschen, darunter eben auch Kinder und Jugendliche, die in schrecklichen Verhältnissen, umgeben von Gewalt und Tod aufwachsen. So sollte es absolut nicht sein.

Ren als Erzähler hat schlimme Dinge erlebt. Dass seine Eltern, die im Widerstand gegen die Anderen gekämpft haben, tot sind, erfährt man sehr früh. Was sich allerdings im Gefängnis, in das er vor einiger Zeit verschleppt worden war, zugetragen hat, bekommt man als Leser/in erst sehr spät erzählt – und auch da ohne allzu zu heftige Details. Dass das etwas hoch Traumatisierendes gewesen sein muss, wird spätestens deutlich, wenn Ren, sobald er in die Nähe des Gefängnisses kommt, zu zittern beginnt und sich dem Gebäude nicht weiter nähern kann.

Ren leidet an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, und auch die anderen drei Hauptfiguren haben schlimme Dinge erlebt. Sie schreien nachts im Schlaf, werden von Alpträumen geplagt, und versuchen, sich trotzdem irgendwie durchs Leben zu schlagen – und das ist ohne Eltern, ohne andere Unterstützer alles andere als einfach. Es sind nicht nur die Soldaten der Anderen, von denen Gefahr ausgeht; es ist auch das Konsortium, eine mächtige Bande älterer Jugendlicher aus dem eigenen Volk, das viel Macht hat und andere Jugendliche immer wieder ausbeutet.

Noch mal zurück zu den psychischen Belastungen: Nata, in die Ren fast von der ersten Sekunde an verliebt ist, hat ebenfalls Schlimmes erlebt. Ren möchte gerne mehr darüber wissen, doch das Mädchen hält sich bedeckt und gibt nichts preis. Er erfährt lediglich, dass Nata in einem Bergdorf gewohnt hat, wo auch die Anderen gelebt haben; für Nata sind die Anderen früher ganz normale Menschen gewesen, mit denen man gut ausgekommen ist. Von daher mag Nata es nicht, wenn ständig negativ über die Anderen gesprochen wird.

Das alles klingt schlimm, und man erwartet von dem Buch eine große Schwere, die sich über die gut 400 Seiten legt; doch Eva Kranenburg – und das ist wirklich bewundernswert – schafft es, auch heitere und wahrhaftige Moment in das Buch zu bringen. Es gibt immer wieder kleine Momente, in denen die vier Hauptfiguren ein Stück Glück oder kurz Geborgenheit erleben, in denen sie gemeinsam lachen; aber vor allem geben sie sich gegenseitig Halt und im Rahmen des Möglichen Nähe. Als Tarek eines Tages spurlos verschwunden ist, machen die anderen drei sich Sorgen und setzen alle Hebel im Bewegung, um ihn zu finden. Und Tareks Rettung, denn er wurde gefangen genommen, ist eine gewagte Aktion.

Was ich an „Freunde“ so schätze, ist die existenzielle Tiefe, die man immer wieder im Buch findet. Um eine Szene anzuführen: Ren macht sich irgendwann Sorgen, dass Nata eigentlich in Tarek und nicht in ihn verliebt sein könnte. Tarek merkt, dass mit Ren etwas nicht stimmt, und das Gespräch, das Tarek dann beginnt, in dem er Ren die Sorgen nehmen will, ihm überhaupt Mut machen will (ab Seite 158), handelt auch davon, was sie beide durch den Krieg verloren haben und wie man sich vielleicht manches davon wieder zurückholen kann. Solche Momente, in denen die Figuren sich aufeinander einlassen, offen und ehrlich zueinander sind, Gespräche führen, bei denen es im Hintergrund oft um Fragen nach dem Sinn des Lebens geht, gibt es im Buch immer wieder.

Im Buch wird aber auch thematisiert, wie Ren lernt, mit seinem Trauma besser zurechtzukommen, und hier spürt man, dass Eva Kranenburg als Psychotherapeutin mit Geflüchteten gearbeitet hat (und arbeitet?), und ihre Erfahrungen mit Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan fließen in das Buch ein. Einer der Schlüsselmomente ist hier ein langes nächtliches Gespräch zwischen Ren und Nata. Ren erzählt – und das fällt ihm extrem schwer –, was ihm Schlimmes widerfahren ist; und Nata berichtet davon, wie die Anderen sich gegenseitig geholfen haben, um mit solchen traumatischen Erfahrungen besser zurechtzukommen. Genau das setzen die beiden um, und so erzählt Ren seine traumatische Geschichte, Nata erzählt sie nach, als wäre sie selbst Ren, während dieser nur zuhört; dann ist wieder Ren dran, erzählt seine Erlebnisse erneut – und so geht es abwechselnd immer weiter … Durch dieses Pingpong-Erzählen und Immer-wieder-durchleben verliert das Traumatische nach und nach seinen Schrecken. Ich weiß nicht, ob es diese Methode wirklich gibt (ich vermute schon), aber dass sie wirken kann, finde ich plausibel.

Dramaturgisch hat sich Eva Kranenburg für das Buch ebenso einiges einfallen lassen. So kommt zum Beispiel mit Joshi irgendwann eine Figur ins Spiel, die Teil der Vierergruppe sein möchte, letztendlich aber einen Keil zwischen die vier treibt. Geschickt angelegt ist die Geschichte außerdem, weil sie in einem unbenannten Land, in einer unbenannten Stadt spielt. Ja, selbst das Volk der Kriegsgegner heißt immer nur „die Anderen“, bekommt keinen Namen … Als Leser/in hat man natürlich immer wieder bestimmte Kriegs- und Konfliktgebiete im Kopf (seien es der Gazastreifen oder Syrien); aber durch diese fiktive Anlage wird die Geschichte allgemeingültig und zeitlos.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Freunde“ ist ein wichtiges Buch, eines, dem man viele Leser/innen wünschen muss. Sehr einfühlsam wird einem vieles vor Augen gehalten: Wie gut wir es in Mitteleuropa haben, wie schlimm es ist, in einem Kriegsgebiet aufzuwachsen, wie wichtig es ist, dass man im Leben Menschen hat, auf die man sich verlassen kann. Man lernt jedoch auch, dass die Chance besteht, Traumatisches zu verarbeiten, auch wenn von schlimmen Erlebnissen immer etwas zurückbleibt.

Mit Ren, Nata, Tuk und Tarek hat Eva Kranenburg bewunderswerte Figuren geschaffen, die einem nahegehen, auch wenn sie so ganz anders als wir hier in Mitteleuropa aufwachsen. Letztendlich kann man sich ihnen nicht entziehen, und nach über 400 Seiten stellt man bedauernd fest, dass man allzu gerne wüsste, wie das Leben von Ren, Nata, Tuk und Tarek weitergeht. Selten ist so einfühlsam beschrieben worden, was es heißt, als Kind oder Jugendlicher traumatisiert worden zu sein und in einem Kriegsgebiet zu leben. Man wünscht das keinem Kind – aber es ist die Realität von Hunderttausenden von Kindern und Jugendlichen auf der Welt.

Dass sich die Geschichte in einer fiktiven Stadt, in einem fiktiven Land, in einem fiktiven Krieg zuträgt, macht sie universell und wird sie wenig altern lassen – eine grandiose Idee. Sehr geschickt platziert ist im Buch auch die Erkenntnis, dass die Anderen durchaus selbst vieles durchlitten haben, nicht nur Täter sind – wie das in Konflikten schließlich häufig so ist. Und so kann ich am Ende nur noch einmal den Satz wiederholen, der am Anfang meiner Bewertung in ähnlichem Wortlaut steht: Ich bin von „Freunde“ wirklich angetan!

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(Ulf Cronenberg, 30.04.2026)


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