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Die Preisträger des Deutschen Jugendliteraturpreises 2019 – ein persönlicher Bericht von der Preisverleihung

Plakat Deutscher Jugendliteraturpreis 2019Warum nicht mal mit einem dicken Lob beginnen? Das Plakat für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 vom norwegischen Illustrator Øyvind Torseter ist das hübscheste und gelungenste der letzten Jahre. In der unübersichtlichen und unaufgeräumten Höhle der Jugendliteratur die besten Bücher des Jahres 2018 zu finden, das ist die Aufgabe der Jurys – nicht immer leicht. Sie haben sich wie immer bemüht. Sehr wackelig sieht auf dem Plakat das Regal in der Höhle ja schon aus … – der Deutsche Jugendliteraturpreis ist es aber nicht, wurde er gestern doch zum 63. Mal verliehen.

„Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“

Ansonsten: Wie jedes Jahr am Buchmessen-Freitag fand die Preisverleihungszeremonie um 17.30 Uhr im Congress Center der Frankfurter Messe statt – alles im gewohnten Format, um die Gewinner vorzustellen. Fernsehtauglich wie schon früher, allerdings konnte man die Verleihung in diesem Jahr erstmals live im Stream online verfolgen. Waren deswegen im Vergleich zum letzten Jahr, wo es rappelvoll war, ein paar Stühle leer geblieben?

Verleihung Deutscher Jugendliteraturpreis 2019 (Foto: Ulf Cronenberg)

Die Assistentinnen von Vivian Perkovic (Siegerinnen des Vorlesewettbewerbs) stellen ihre Lieblingsbücher vor || Foto: Ulf Cronenberg

Das „Jährlich grüßt das Murmeltier“-Gefühl stellte sich auch diesmal in vielem ein: Die Bühne war in wechselnde LED-Farben getaucht, allerdings mit neuen Formen im Hintergrund, kantiger, Scherenschnittmuster aus quadratisch-rechteckigen Formen. Die besten Vorleserinnen des Vorlesewettbewerbs brachten wieder die Briefumschläge mit Gewinnernamen und -titel; der Abend war genauso getaktet wie seit Jahren. Moderatorin Vivian Perkovic war wiederum erfrischend, auch wenn sie unkonzentrierter als die letzten Jahre wirkte. Vielleicht wird man der Veranstaltung jedoch eher gerecht, wenn man sie mit einem Jugendbuch und nicht mit dem Zeitschleifen-Film mit Bill Murray vergleicht. Es bietet sich Lauren Olivers „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ an.

Damit sei nicht gemeint, dass der Jugendliteraturpreis oder die Jugendliteratur tot sei, sondern dass man vieles auf der Veranstaltung nicht das erst Mal erlebt hat. Und so wie in Lauren Olivers gelungenem Jugendroman die Hauptfigur Sam bei jedem Wiederdurchleben des gleichen Tags sympathischer und geläuterter wird, so gab es bei der Preisverleihung in diesem Jahr einiges, was sich positiv entwickelt hat: Die Ministerin (Dr.) Franziska Giffey redete sich weniger in den Vordergrund und wirkte anpackend-liebenswert, die Grußworte waren emphatischer (möglicherweise auch empathischer) – dazu gleich mehr. Und einen Mann als Vorsitzenden der Kritikerjury – das gab es auch schon länger nicht mehr.

Grußworte

Fangen wir mit den Grußworten an. Ralf Schweikart, der Vorsitzende des Arbeitkreises Jugendliteratur, wollte übers Geld und die Finanzen reden. Das war sympathisch, denn er meinte, dass wir in Deutschland zu wenig für die Bildung und dabei auch für die Leseförderung ausgeben. Die politische Botschaft, eloquent und rhetorisch gekonnt vorgetragen, kam beim Publikum an – wahrscheinlich wurde noch nie ein/e Vorsitzende/r des AKJ so lange nach seinem Grußwort beklatscht. Zu Recht, auch wenn sich durch die Worte wohl kaum was ändern wird – dafür müsste man schon die Schule oder Arbeit schwänzen und demonstrieren …

Auch Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, war in seinem letzten Amtsjahr so gut wie nie: Er sprach über seine Lieblingsautorin Astrid Lindgren und dass Pippi Langstrumpf als Buch so wertvoll sei, weil es eine Hauptfigur zeigt, die Macht habe, sie aber nicht ausnütze. Das sei höchst schwierig und gelänge selten. Jürgen Boos dagegen, der Direktor der Frankfurter Buchmesse, sonst ein gewitzter Redner, blieb diesmal eher glanzlos und wünschte der Veranstaltung quasi nur gutes Gelingen. Die Anekdoten seiner früheren Grußworte habe ich vermisst.

Verleihung Deutscher Jugendliteraturpreis 2019 (Foto: Ulf Cronenberg)

Wenn es um Bildung und Leseförderung geht, muss man auch über Finanzielles reden, meinte Ralf Schweikart, Vorsitzender des AKJ || Foto: Ulf Cronenberg

Die Preisträger von Kritiker- und Jugendjury

Was die für den Preis ausgewählten Bücher angeht, gab es Überraschungen. Die durch die Kritikerjury prämierten Bücher in den vier Sparten sind:

  • Sachbuch: Anja Reumschüssel „Extremismus“ (Carlsen-Verlag)
  • Bilderbuch: Iris Anemone Paul „Polka für Igor“ (kunstanstifter-Verlag)
  • Kinderbuch: Erin Entrada Kelly „Vier Wünsche ans Universum“, übersetzt von Birgitt Kollmann (dtv Reihe Hanser)
  • Jugendbuch: Steven Herrick „Ich weiß, heute Nacht werde ich träumen“ (Buchbesprechung), übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn (Thienemann-Verlag)

Ein Sachbuch über Extremismus als Preistitel – das kann man als politisches Statement betrachten. Die Jury hatte ihre Entscheidung – das sei erwähnt – vor dem rechtsradikalen und antisemitischen Attentat von Halle (am 10. Oktober 2019) getroffen. Ministerin Giffey fragte die Autorin Anja Reumschüssel, was die Politik gegen den Extremismus tun könne. Das sei eine zu große Frage für diesen Abend, antwortete die Autorin, nach Insistieren der Ministerin meinte Anja Reumschüssel, dass es wichtig wäre, mehr zuzuhören, warum sich Menschen dem Extremismus zuwenden.

Dass Steven Herrick im Jugendbuch den Preis gewinnen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Es ist ein tolles Buch, aber es wurde bereits 2004 geschrieben und hat viel zeitgeschichtlichen Lokalkolorit: Der sprachlich dichte Versroman spielt in den 1960er Jahren in Australien. Literarisch kann ich die Entscheidung nachvollziehen, was das Inhaltliche angeht, finde ich die Entscheidung eher ein wenig hausbacken. Bahnbrechend innovativ ist das Buch jedenfalls nicht. Gute Versromane gab es in den letzten Jahren einige … Steven Herrick selbst war übrigens (ebenso wie die Autorin Erin Entrada Kelly, die aber eine Videobotschaft übermittelt hatte) nicht auf der Buchmesse vor Ort.

Einblick in die Juryauswahl gab im Interview auf der Bühne der neue Vorsitzende der Kritikerjury (die ansonsten übrigens nur aus Frauen besteht – gendersensible Menschen mögen aufhorchen): Prof. Dr. Jan Standke. Mit sehr dem Publikum zugewandter Gestik fasste er in aller Kürze zusammen, was man ausführlich in den Jurybegründungen für die prämierten Bücher nachlesen kann.

Verleihung Deutscher Jugendliteraturpreis 2019 (Foto: Ulf Cronenberg)

Das waren die nominierten Bücher in der Sparte Jugendbuch || Foto: Ulf Cronenberg

Darüber, welches Buch die Jugendjury ausgewählt hat, war ich auch erstaunt. Ich hätte eher auf Stefanie Höflers „Der große schwarze Vogel“ gewettet, aber die Jugendjury hatte sich anders entschieden – nämlich für:

  • Neal Shusterman „Kompass ohne Norden“, illustriert von Brendan Shusterman, übersetzt von Ingo Herzke (Hanser-Verlag)

Das war überraschend, weil es ein sehr literarisches und nicht leicht zugängliches Buch ist – und weil es ein schweres Thema behandelt: die Erkrankung eines Jugendlichen an Schizophrenie. Neal Shusterman hat in dem Roman viel Autobiografisches eingearbeitet: Sein Sohn Brendan Shusterman, der die Zeichnungen zu dem Buch beigesteuert hat, war im Jugendalter selbst an einer schizoaffektiven bipolaren Störung erkrankt. Erwartet hätte ich eher, dass die Kritikerjury das Buch auswählt (denn dort war es auch nominiert) – aber nachdem das nicht so kam, war es aus meiner Sicht auch so gut. Das Buch hat den Preis zweifellos verdient (eine Buchbesprechung dazu folgt demnächst).

Verleihung Deutscher Jugendliteraturpreis 2019 (Foto: Ulf Cronenberg)

Strahlende Sieger: Brendan (links) und Neal Shusterman im Interview mit Vivian Perkovic || Foto: Ulf Cronenberg

Die Sonderpreise Illustration

Überrascht war darüber hinaus Iris Anemone Paul, die für ihr Bilderbuch „Polka für Igor“ mehrfach belohnt wurde. Nicht nur, dass die Kritikerjury es als bestes Bilderbuch ausgewählt hatte, die unabhängig tagende Jury für den Sonderpreis „Neue Talente“ (unter Vorsitz von Prof. Dr. Gabriela Scherer) vergab ihren Preis ebenfalls an die Illustratorin. Man muss sich das vorstellen: Iris Anemone Paul hatte ihr allererstes Buch an genau einen Verlag geschickt, der es sofort annahm und veröffentlichte; und nun ist sie doppelte Preisträgerin. Schneller kann man Erfolg kaum haben.

Einen letzten Preis gab es zu vergeben: den Sonderpreis „Gesamtwerk Illustration“. Hier wurde der 80-jährige Illustrator Volker Pfüller ausgezeichnet, ein Autor, der aus der DDR stammt, aber auch vor dem Mauerfall schon in West-Deutschland Bücher veröffentlicht hat. Auch diese Entscheidung war letztendlich eine Überraschung, zumindest für mich – aber wahrscheinlich war Volker Pfüller in der DDR eben präsenter als in Westdeutschland.

In einem Jahr geht es dann in die nächste Runde. Und vielleicht traut sich der AKJ ja doch mal, nach 12 Jahren mit immer nur kleineren Korrekturen, die Veranstaltung ganz anders aufzuziehen. Man muss ja die Taschenlampe nicht immer nur auf die eine Seite richten – das hat der Höhlenentdecker auf dem Plakat sicher auch nicht gemacht. Wie wäre es mit der Erforschung eine Nebenhöhle? Mein Wunsch wäre jedenfalls, den prämierten Autorinnen und Autoren sowie den Preisbüchern mehr Raum zu geben und weniger Drumrum zu bieten …

(Ulf Cronenberg, 19.10.2019)

Und hier gibt es noch die Fotos von der Preisverleihung (bitte beachtet, dass die Rechte für die Fotos bei mir als Fotografen liegen – sie dürfen nicht ungefragt verwendet werden – auch nicht in sozialen Medien):

Kommentare (2)

  1. Angela Schäfers

    Danke!

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Gern geschehen!

      Antworten

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