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Buchbesprechung: Neal Shusterman „Kompass ohne Norden“

Cover: Neal Shusterman „Kompass ohne Norden“Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2018, 337 Seiten)

Es mag etwas seltsam anmuten, dass hier schon wieder ein Buch von Neal Shusterman besprochen wird – aber das hat seinen Grund. Oder genauer gesagt zwei Gründe. Zum einen war Neal Shusterman am 17.10.2019 hier in Würzburg zu einer Lesung, und weil ich die Aufgabe übernommen habe, diese zu moderieren, habe ich natürlich einige Bücher des Autors gelesen. Zum anderen wurde das Buch (ich hatte es aber wegen der Lesung schon vorher bekommen) auf der Preisverleihung für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 von der Jugendjury als bestes Buch aus dem Jahr 2018 ausgewählt.

Inhalt:

Caden ist 15 Jahre alt und geht noch zur Schule. Doch irgendwas verändert sich langsam in ihm. Es geht damit los, dass er immer wieder mal denkt, dass ein Gegenstand oder ein Mensch ihm Böses antun will. So erzählt er z. B. seinen Eltern, dass ein Mitschüler ihn töten will. Seine Eltern versuchen Caden das natürlich auszureden, indem sie fragen, wie er darauf kommt und welche Anzeichen es dafür gibt. Das hilft Caden ein bisschen, aber die Ängste bleiben trotzdem da. Auch in einem Gartenschlauch sieht er eine gefährliche Schlange.

Hinzu kommt, dass Caden zunehmend unruhig wird – er kann nicht mehr still sitzen bleiben, sondern muss sich ständig bewegen und läuft stundenlang durch die Gegend. Seine Eltern bekommen natürlich mit, dass etwas nicht stimmt, aber sind erst mal ratlos. Auch in der Schule fällt auf, dass sich bei Caden etwas verändert hat: Er kann sich nicht mehr konzentrieren, schneidet bei Prüfung schlecht ab, weil er statt die Fragen zu beantworten, Kringel auf das Aufgabenblatt zeichnet. Der Schulpsychologin gegenüber, zu der er geschickt wird, tut er so, als habe er einfach keine Lust gehabt, die Aufgaben zu lösen.

Als seine Eltern sich nicht mehr zu helfen wissen, schleppen sie Caden zu einem Psychotherapeuten, und schließlich bringen sie Caden – ohne es ihm vorher zu sagen – in eine Klinik. Dort wird Caden mit Medikamenten ruhiggestellt, und er befindet sich oft in einer Traumwelt auf einem Piratenschiff, das ein Ziel hat: Es will zum Marianengraben fahren, an die tiefste Stelle des Meeresgrundes – das Challengertief. Caden soll hinuntertauchen und einen Schatz bergen.

Bewertung:

„Kompass ohne Norden“ (Übersetzung: Ingo Herzke; amerikanischer Originaltitel: „Challenger Deep“) ist ein anspruchsvolles Buch, das man nicht eben mal so nebenbei liest. Von Anfang an gibt es zwei Erzählstränge: Der eine schildert, wie es Caden im „realen“ Leben geht, was er selbst erlebt; im anderen geht es darum, dass Caden sich auf einem Piratenschiff befindet, das auf der Reise zum Challengertief ist und von einem sonderbaren einäugigen Kapitän und anderen ungewöhnlichen Figuren bevölkert wird.

Was das Lesen am Anfang nicht so ganz einfach macht, ist, dass man nicht so recht weiß, was diese beiden Ebenen des Buchs miteinander zu tun haben, und mir ging es so, dass ich mich gut auf die reale Ebene einlassen konnte, dass ich den Erzählstrang auf dem Schiff allerdings reichlich seltsam fand. Denn hier passieren kuriose Dinge. Das Krähennest ist z. B. eine Art Bar, wo man etwas trinken kann, und der Kapitän will nicht, dass Caden sich dort aufhält. Außerdem gibt es einen Papagei, der Caden ständig Sachen einflüstert. Irgendwann wird klar, dass sowohl der Kapitän als auch der Papagei von Caden wollen, dass sie zu ihm halten und dass er irgendwann später, wenn die Zeit dafür reif ist, den jeweils anderen umbringen soll.

Was es mit den beiden Erzählsträngen auf sich hat, erfährt man erst recht spät – da muss man schon 100 Seiten im Buch gelesen haben. Aber es kommt dann der Moment – Caden ist bereits in der Klinik –, wo man bemerkt, dass Figuren aus der Klinik durch Figuren in der Schiffsgeschichte repräsentiert werden. Der Kapitän mit der Augenbinde, hinter der ein Pfirsichkern das fehlende Auge ersetzt, steht zum Beispiel als Traumfigur für den behandelnden Oberarzt mit Glasauge.

Der Augenblick, ab dem man versteht, dass die beiden Erzählstränge ineinandergreifen, war auch der Moment, ab dem mich das Buch so richtig gepackt hat. Das liegt auch daran, dass hier eine neue Figur auftaucht: Callie. Sie ist ebenfalls Patientin in der Klinik, Caden lernt sie kennen, als sie wie fast jeden Tag stundenlang bewegungslos im Aussichtsraum vor den Fenstern steht und nach draußen schaut. Callie ist schon vorher in der Piratengeschichte aufgetaucht: als weibliche Galionsfigur am Bug des Schiffs, die Caden immer wieder in ihre Arme genommen hat – denn kurioserweise ist die Galionsfigur auf dem Schiff lebendig. Mit Callie kommt eine sachte Liebesgeschichte in das Buch, und die ist einfach nur rührend, entwickelt sich allerdings irgendwann auch tragisch weiter … Mehr sei aber nicht verraten.

Was mich außerdem mit jeder Seite mehr für das Buch eingenommen hat, war, wie gut verständlich man als Leser vermittelt bekommt, was es heißt, an einer Schizophrenie zu leiden – wobei es sich bei Cadens Erkrankung genauer gesagt um eine schizoaffektive bipolare Störung handelt: Die wachsende Unruhe des Jungen, seine Wahnvorstellungen (z. B. die Ängste vor Gegenständen), die Unfähigkeit, den Alltag zu bewältigen und vieles mehr werden plastisch beschrieben. Und was einem später ebenfalls sehr genau vor Augen geführt wird, ist der ganze Nebel, den die starken Medikamente wie einen Schleier über Caden legen. Der Junge weiß oft gar nicht mehr, was er in den letzten Stunden gemacht hat.

Warum „Kompass ohne Norden“ all das so gut vermittelt, hat seinen Grund: Der Jugendroman ist fiktiv, aber er enthält einige autobiografische Züge. Neal Shustermans Sohn Brendan war selbst im Jugendalter an einer schizoaffektiven bipolaren Störung erkrankt und hat vieles von dem, was im Buch beschrieben wird, selbst mitgemacht. Von Brendan stammen auch die schwarzweißen Strichzeichnungen im Buch (im Original sind sie übrigens meist zweifarbig), und er hat sie während seiner Krankheit gemalt. So einfach diese Zeichnungen auf den ersten Blick aussehen, so ausdrucksstark sind sie, wenn man sie mit der Geschichte in Verbindung bringt.

Im Übrigen ist „Kompass ohne Norden“ ein sehr literarisches Werk – was mich erstaunt hat. Wie poetisch Neal Shusterman viele Situation beschreibt (z. B. als Caden sich in Callie verliebt und Shusterman das Aschenputtel-Märchen ins Spiel bringt), wie ausdrucksstark es ihm immer wieder gelingt, die Gefühle Cadens zu schildern – das ist beeindruckend. Erwartet hatte ich das nicht, denn die Zukunftsromane und Dystopien mit Thrillerelementen, die Shusterman bisher geschrieben hat, sind gut geschrieben, aber eben keine poetischen Bücher.

Dass „Kompass ohne Norden“ meiner Meinung nach ein kleines erzähltechnisches Problem hat, sei nicht verschwiegen: Warum beginnt die Piratenschiff-Geschichte schon vor der Aufnahme in die Klinik? Die Frage habe ich mir immer wieder gestellt. Das ist nicht ganz logisch, aber auch nicht tragisch. Vielleicht ist es sogar gut so, weil man sonst zu schnell die Verbindung zwischen Realität und fiktivem Wahn herstellen würde. So hat man nach Seite 100 als Leser ein Aha-Erlebnis, das einen staunen lässt und endgültig in die Geschichte hineinzieht.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Neal Shusterman hat bei der Lesung berichtet, dass er selbst nicht sicher gewesen sei, ob „Kompass ohne Norden“ ein gelungenes Buch ist, und so hat er es seinem Verleger mit einiger Aufregung gegeben. Die Worte, mit denen er das Buch zurückbekommen hat – „This is your masterpiece!“ –, beschreiben, was auch ich über das Buch denke. „Kompass ohne Norden“ ist kein einfaches Buch, aber Neal Shusterman ist über sich hinausgewachsen – wahrscheinlich, weil er einen wirklich tiefgehenden Grund hatte, das Buch zu schreiben. Für die Familie sei das Schreiben des Buches – das hat Neal Shusterman auf der Preisverleihung des Deutschen Jugendliteraturpreises noch mal gesagt – ein therapeutischer Akt gewesen, der allerdings erst einige Jahre, nachdem Brendan wieder gesund war, möglich war.

Manches in dem Buch bleibt kryptisch; nicht alles, was in den Piratenschiff-Episoden spielt, habe ich zu deuten gewusst. Und der Einstieg in den Roman ist mir nicht leicht gefallen, er war leicht steinig. Doch als die zwei Erzählstränge ineinanderzugreifen beginnen, hat mich der Jugendroman gepackt und nicht mehr losgelassen. „Kompass ohne Norden“ ist kein Buch für jedermann, sondern für ernsthafte Leser, die Herausforderungen suchen. Aber man muss diesem Buch viele Leser wünschen, weil es eine psychische Erkrankung, die von außen fast nicht zu verstehen ist, erfahrbar macht – und meines Wissens gibt es über das Thema Schizophrenie kein anderes Jugendbuch, das die Innenperspektive eines erkrankten Jungen beschreibt. Warum das Buch auch wichtig ist: Was Brendan und Neal Shusterman bzw. Caden und seinen Eltern passiert ist, kann jedem – ob mit einer ähnlichen oder anderen psychischen Erkrankung – treffen. Das soll nicht Ängste wecken, sondern Verständnis für die, denen so etwas passiert.

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(Ulf Cronenberg, 24.10.2019)

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