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Buchbesprechung: Stefanie Höfler „Tanz der Tiefseequalle“

Lesealter 12+(Beltz & Gelberg 2017, 189 Seiten)

Eigentlich passen Cover und Titel richtig gut zum Buch, aber bevor ich „Tanz der Tiefseequalle“ gelesen habe, konnte ich mit beidem nicht viel anfangen. Das wirkt alles etwas kryptisch. Auf den Jugendroman, Stefanie Höflers zweites Buch, bin ich von daher auf anderem Wege aufmerksam geworden: Das Buch hat im März 2017 den Luchs von Radio Bremen und der Wochenzeitung „Die Zeit“ bekommen. Das Debüt der Autorin, „Mein Leben mit Mucks“, ist übrigens ungelesen an mir vorbeigegangen, obwohl es in der Kinderbuchsparte für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert worden war …

Inhalt:

Sera und Niko gehen in die gleiche Klasse, hatten aber bisher wenige Berührungspunkte. Während Sera ein hübsches Mädchen ist, ägyptischer Abstammung, bei den anderen beliebt, hat es Niko extrem schwer in der Klasse: Er ist stark übergewichtig und wird deswegen ständig schikaniert. Da wird zum Beispiel seine Schultasche in die Äste des Baums im Pausenhof geworfen, weil die anderen genau wissen, dass er nicht auf den Baum klettern kann; ansonsten wird er ständig getriezt und mit Worten bloßgestellt. Vor allem Mirko, der ein Auge auf Sera geworfen hat, ist hier Rädelsführer, er nutzt jede Gelegenheit, um Niko blöd anzumachen.

Als die Klasse übers Wochenende eine Klassenfahrt unternimmt, erwarten alle, dass Niko nicht mitfahren wird – doch es kommt anders. Niko beschließt, mit dabei zu sein. Nach einem Schwimmbadbesuch geht es in den Klettergarten – und es ist klar, dass das wie schon im Schwimmbad für Niko eine schwierige Situation wird.

Als Mirko sich im Klettergarten an Sera heranmacht, sie halb gegen ihren Willen küsst, was ihr noch schmeichelt, dann aber rabiater wird und ihr unter anderem an den Busen grabscht, ist es Niko, der bemerkt, was vorgeht: dass Sera das nicht will. So mischt er sich, selbst über seinen Mut erstaunt, ein und verhindert, dass Sera weiter bedrängt wird. Für die Klasse bedeutet das neues Futter fürs Mobbing, in das fortan auch Sera mit einbezogen wird.

Bewertung:

Ich habe mich viel mit dem Thema Mobbing beschäftigt, Stefanie Höflers „Tanz der Tiefseequalle“ behandelt das Thema angemessen und vielschichtig. Was mir vor allem imponiert, ist, wie beschrieben wird, dass ein bisher recht angesagtes und beliebtes Mädchen in den Strudel des Mobbings gerät, weil es sich einem Jungen zuwendet, der wegen seines Dickseins gemobbt wird. Es kommt durchaus häufig vor, dass bisherige Freundschaften zerbrechen und sich in eine Mobbingsituation wandeln – und so ist das auch bei Sera, die auf einmal von ihrer besten Freundin geschnitten wird.

In der Geschichte an sich (hübsches Mädchen – dicker Junge) lauern so einige Gefahren, sie platt werden zu lassen, und ich habe gut aufgepasst beim Lesen, bin aber über nichts gestolpert, was mir aufgestoßen ist. Denn natürlich hat Sera sehr zwiespältige Gefühle Niko gegenüber, und natürlich ist Niko, der so viele schlechte Erfahrungen gemacht hat, immer auf der Hut. Aber all diese Ambivalenzen schildert Stefanie Höfler einfühlsam, plausibel und gekonnt – sie gehen auch nicht im Laufe des Buchs verloren, auch wenn Niko und Sera am Ende besser miteinander umgehen und besser aufeinander zugehen können als zu Beginn. Geschickt wird das Buch auch beendet: Das softe Happy End, das vieles offen lässt, ist genau das, was die Geschichte um Sera und Niko benötigt. Das hat Stefanie Höfler richtig erkannt.

Überhaupt: „Tanz der Tiefseequalle“ ist richtig gut geschrieben. Das gilt zum einen für die Erzählperspektive, zum anderen für die sprachliche Ebene. Erzählt wird der Jugendroman immer abwechselnd aus Seras und Nikos Sicht, und die beiden werfen sich quasi als Erzähler die Bälle zu. Mitten in der Handlung (und das Buch berichtet fast ausschließlich von dem, was sie gemeinsam erleben) übernimmt der eine von der anderen (und umgekehrt) das Weitererzählen. Das führt dazu, dass bestimmte Situationen aus Sicht beider Figuren dargestellt werden: wie es Sera, wie es Niko damit geht; was er, was sie empfindet.

Reizvoll und herzerfrischend ist auch die Sprache in „Tanz der Tiefseequalle“. So haben Sera und Niko unterschiedliche Erzählstile: Sera spricht viel in elliptischen Kurzsätzen (was Niko übrigens auffällt und was er thematisiert), während Niko zu überhöflichen, manchmal etwas geschwollenen Formulierungen neigt (woher das kommt, wird gegen Ende aufgeklärt …). Sehr plausibel wirkt das mit diesen kontrastierenden Stilen jedenfalls – und ist zudem geschickt gemacht. Das Buch lebt außerdem davon, dass es immer wieder passende, aber überraschende Formulierungen gibt. Wenn Sera zum Beispiel über Nikos Großmutter, bei der dieser lebt, sagt: „Die Oma schaut über den Brillenrand wie ein Ganzkörperfragezeichen, ist ja klar.“ (S. 146), so zeigt das, wie kreativ hier vieles ausgedrückt wird, ohne dass Stefanie Höfler es übertreibt.

Erwähnt sei schließlich, dass neben Sera und Niko auch die Nebenfiguren gut konturiert sind: Da gibt es Little, den hyperaktiven Freund von Niko, der mehrmals Charakter zeigt. Und da ist Osman, ein überdicker Autowerkstattbesitzer, Anlaufstelle und Rückzugsort für Niko – beide teilen eine Leidenschaft für absurde Erfindungen: nutzlos oder unrealisierbar, aber dazu da, die Realität erträglicher zu machen. Und auf Seras Seite ist ihr großer Bruder Farid die gute Seele …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Stefanie Höflers „Tanz der Tiefseequalle“ ist eine Wucht – das Buch hat mich nicht nur überzeugt, sondern begeistert. In dem Buch steckt, das spürt man, viel Arbeit, und zwar auf allen Ebenen: von der Figurengestaltung, über den dramaturgischen Aufbau bis hin zum thematischen Unterbau. Dass all diese Bereich so gekonnt zusammengeführt werden, ist eine große Leistung, und dahinter steht außerdem noch ein gutes Gespür für Menschen und Sprache.

Die Geschichte von Sera und Niko ist anrührend, sie verschweigt aber auch nicht, wie schwer das Aufeinanderzugehen zwischen einem gemobbten dicken Jungen und einem zierlich hübschen Mädchen ist. Dass die vorsichtige Annäherung doch gelingen kann, dass dazu aber viele Schritte, vor allem aber auch viel Reden und Aushalten nötig ist, das macht Stefanie Höfler mit ihrem Jugendroman klar. Ein wirklich tolles Buch – auch für Erwachsene.

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(Ulf Cronenberg, 21.04.2017)

Lektüretipp für Lehrer!

Wer sich in einer 7. Klasse im Fach Deutsch oder in Ethik mit dem Thema Mobbing auseinandersetzen will, der sollte sich „Tanz der Tiefseequalle“ anschauen. Stefanie Höfler hat ein differenziertes Buch geschrieben, das gekonnt in eine Geschichte verpackt, wie Mobbing funktioniert. Mit einer Klasse kann man damit gut über das Thema in Diskussion kommen, und man kann Schülerinnen und Schüler für das Thema sensibilisieren. Hat man in einer Klasse selbst allerdings eine Mobbingsituation oder eine/n übergewichtige/n Schüler/in, so muss man sich genau überlegen, ob man es sich zutraut, „Tanz der Tiefseequalle“ als Lektüre zu verwenden.

Mal abgesehen vom Mobbing-Thema bietet Stefanie Höflers Jugendroman aber auch sonst einiges für den Deutschunterricht. Kreative Schreibaufträge zu finden (z. B. Buchpassagen aus der Sicht von Nebenfiguren beschreiben zu lassen), dürfte kein Problem sein …

Kommentare (3)

  1. Manfred Stenz

    Ich habe dieses Buch ebenfalls mit großem Genuss gelesen. Einen Aspekt möchte ich dieser treffenden Kritik gerne noch anfügen: Die Spannung dieser Erzählung basiert nicht (wie so oft in Büchern) auf der Handlung selber, sondern nährt sich aus der Tatsache, dass ich mir als Leser permanent die Frage stelle, wie ich in der Situation der Protagonisten handeln würde. Das verleiht dem Leseerlebnis eine zusätzliche Dimension. Sicher hat der Plot auch einige klischeehaften Stellen, die seien dem Buch aber verziehen. Auch aus meiner Sicht eine echte Leseempfehlung!

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