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Kurzrezension: Daniel Höra „Auf dich abgesehen“

hoera_abgesehenLesealter 12+(Carlsen-Verlag 2015, 111 Seiten)

„Carlsen Clips sind Romane in Kurzform, locker gesetzt und in einfacher, direkter Sprache. Sie setzen sich mit Themen auseinander, die Jugendliche interessieren und direkt ansprechen (…).“ So vermarktet der Carlsen-Verlag seine neu eingeführte Reihe von Kurzbüchern. Ein sehr zielgruppenorientiertes Konzept, mit dem man aktuelle Themen aufgreifen will. Nun, Mobbing ist eines meiner beruflichen Themen, das mich von daher auch im Jugendbuch interessiert. Und von Daniel Höra habe ich bisher auch fast alles gelesen, so dass ich mir seinen Clip-Roman anschauen wollte …

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Robert vergisst auf einer Party im „Irre“ sein Handy, bemerkt das jedoch kurz darauf, als er vor der Kneipe steht. Er geht noch mal hinein und hat es bald wieder. Doch am nächsten Tag behandeln ihn seine Klassenkameraden, als hätte er etwas Schlimmes getan und machen seltsame Andeutungen. Es dauert ein bisschen, bis er herausfindet, dass er angeblich auf Facebook ein Foto von Annika, einer Klassenkameradin, veröffentlicht haben soll, die im „Irre“ nicht mit ihrem Freund, sondern mit einem anderen Jungen knutscht.

Für Robert beginnt damit ein Spießrutenlauf. Niemand glaubt ihm, dass er das Foto nicht gepostet hat, sondern dass das jemand mit seinem Handy, das in der Kneipe liegen geblieben war, gemacht haben muss. Die Kommentare unter dem Bild gehen bald in die Hunderte und die wenigsten sind schmeichelhaft, ja, Robert wird sogar Gewalt angedroht. Und die Situation spitzt sich in den Tagen danach eher zu, als dass Gras darüber wächst. Selbst sein Basketball-Trainer spricht Robert darauf an und droht mit Konsequenzen für seinen Einsatz bei Spielen. Immerhin glauben seine Eltern und Mieke, eine niederländische Austauschschülerin, in die Robert verliebt ist, ihm …

„Auf dich abgesehen“ bietet genau das, was ich erwartet habe: einen etwas reißerischen, aber duchaus sympathischen Kurzroman über Mobbing in den Zeiten sozialer Medien. Roberts Bedrängnis, in die er gerät, wird durchaus glaubwürdig dargestellt. Der Junge ist erst fassunglos, glaubt anfangs, dass er das Problem mit der Wahrheit aus der Welt schaffen kann, merkt aber schnell, dass er sich da getäuscht hat. Und so bekommt er mit, wie fast alle Klasenkameraden sich von ihm zurückziehen – und gerät in eine ausweglose Situation, in der er ohnmächtig zusehen muss, wie sein Ruf ruiniert wird. Wie sich Gerüchte unter Jugendlichen ausbreiten, wie sie in sozialen Netzwerken eine unbändigbare Eigendynamik entwickeln, wird also gut dargestellt. So weit, so gut.

Doch je weiter das Buch fortschreitet, desto mehr Fragen tauchen bei mir auf. Warum hat Robert nicht sofort, als er es gemerkt hat, das Facebook-Posting entfernt? Nicht, dass die Sache damit aus der Welt geschafft worden wäre. Aber zumindest hätten nicht einfach weitere Personen das Bild anschauen und darunter ihre Kommentare hinterlassen können … Warum Roberts Eltern nicht gleich die Polizei einschalten, sondern stattdessen warten, bis diese von selbst auf den Plan kommt, dabei von Roberts Schuld ausgeht, finde ich auch eine Ungereimtheit. Man hätte ja das, was passiert ist, rekonstruieren können: die Uhrzeit der Aufnahme, dass Robert (wie Mieke mitbekommen hat) noch mal in die Kneipe gegangen ist, um sein vergessenes Handy zu holen … Dass man bei einem iPhone (wie Robert das gegen Ende des Buchs tut) den Akku nicht entfernen kann, passt da ein wenig in das Gesamtbild, das Daniel Höras Buch hinterlässt. Etwas mehr Sorgfalt bei der Geschichte und ihrer konkreten Umsetzung wäre wünschenswert gewesen.

Bleibt das Ende des Buchs, denn man will als Leser wissen, was nun wirklich passiert ist. Für die Geschichte gut ist, dass sie durch diese Frage in Gang gehalten wird, dass man als Leser vorher rätselt, wer denn nun das Foto geschossen hat. Die Lösung bekommt man an Ende auch präsentiert. Alles in allem ist sie auch plausibel.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. Was die Figur Roberts angeht, gefällt mir Daniel Höras Kurzclip-Roman gut. Der Junge wirkt authentisch, das, was er mitmacht, wird nachvollziehbar beschrieben. Bei der Story dagegen gibt es die ein oder andere Unstimmigkeit, die mich gestört hat. „Auf dich abgesehen“ hat meine Vorabvermutungen bestätigt: Es ist ein Kurzroman, der auf die Tauglichkeit als Schullektüre für Wenigleser hingeschrieben wurde – kein großer Wurf, aber ein Büchlein, das Leser zum Nachdenken und Klassen zum Diskutieren bringen dürfte. Und Diskussionen über Mobbing und soziale Netzwerke tun dringend Not, wenn man mitbekommt, was hier alles abläuft …

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(Ulf Cronenberg, 01.04.2015)

Lektüretipp für Lehrer!

Auch wenn „Auf dich abgesehen“ einige Schwächen hat: Das Thema Mobbing in sozialen Netzwerken ist zu wichtig, um hier nicht eine Lektüreempfehlung zu geben, und wird hier immerhin so aufbereitet, dass man in Schulklassen gut darüber diskutieren kann. Von daher kann man Daniel Höras Clip-Roman gut im Unterricht einsetzen – nicht nur in Deutsch, sondern auch in Ethik oder im Rahmen von Computer-Projektwochen.

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Kommentare (2)

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