Jugendbuchtipps.de

Buchbesprechung: Tamara Bach „Wörter mit L“

Cover: Tamara Bach „Wörter mit L“Lesealter 11+(Carlsen-Verlag 2019, 172 Seiten)

Ein Buch für Leser ab 11 Jahren zu schreiben, ist etwas Neues für Tamara Buch, deren bisherige Bücher Jugendromane waren: „Wörter mit L“ kann man jedenfalls eher dem Kinderbuch zurechnen … Mit ihren Werken hat Tamara Bach immer etwas gewagt – sie waren sprachlich raffiniert geschrieben und ungewöhnlich aufgebaut, von daher nicht immer ganz leicht zu lesen, aber reizvoll. Gespannt war ich in jedem Fall, ob das alles auch für das erste Kinderbuch der Berliner Autorin gilt.

Inhalt:

Pauline lebt zur Hälfte bei ihrer Mutter, zur anderen Hälfte bei ihrem Vater, der schon vor Jahren geheiratet hat und mit seiner Frau Jette einen Sohn hat: den vierjährigen Jonathan. Paulines Mutter dagegen lebt mit ihrer Tochter alleine in einer Wohnung. Im Leben von Pauline ändert sich gerade einiges: Es ist vor allem ihre beste Freundin Natascha, die sich in letzter Zeit seltsam verhält. Sie ist in einen Klassenkameraden verliebt, doch als sie ihm das in einem Brief gesteht, macht der Junge Natascha vor seinen Mitschülern lächerlich. Außerdem ist da noch Leonie, mit der sich Natascha neu angefreundet hat – doch mit Leonie will Pauline nichts zu tun haben. Sie ist eifersüchtig, und so kommt es bald zu einem Streit zwischen Pauline und Natascha.

Doch das ist noch nicht alles: Der Vater erzählt Pauline eher beiläufig, dass ihre Mutter wieder verliebt sei. Pauline passt das gar nicht, ist sich auch nicht sicher, ob es überhaupt stimmt. Aber als sie bei der Mutter im Büro vorbeischaut, sieht sie mit eigenen Augen, dass da etwas zwischen einem Kollegen und ihrer Mutter ist.

All das überfordert Pauline ziemlich, zumal da auch noch Lukas ist, ein Junge aus der Parallelklasse. Er quatscht sie in der Schule an, an einem anderen Tag sieht sie ihn mit seinem Hund im Park, und Lukas geht ohne Scheu auf Pauline zu. Ihr gefällt das einerseits, andererseits ist es ihr auch etwas unheimlich …

Bewertung:

„Wörter mit L“ wirkt so selbstverständlich geschrieben, als hätte Tamara Bach nie etwas anderes gemacht. Der Autorin gelingt es jedenfalls verdammt gut, sich in ein Mädchen wie Pauline, die gerade die Kindheit hinter sich zu lassen beginnt, hineinzuversetzen. In noch vielem ist Pauline Kind: in ihrer anfänglichen Abwehr, dass Natascha in einen Jungen verliebt ist; in ihrer kindlichen Eifersucht auf Leonie; in ihrem Bezogensein auf ihre Eltern. Im Laufe des Buchs macht Pauline jedoch erste größere Schritte aus der Kindheit heraus.

Sichtbar wird das im Laufe des Buchs vor allem darin, dass Pauline lernt, wie sie mit diesen Themen und den dahinterstehenden Konflikten umgeht. Sie stellt sich den Dingen und spricht darüber – zumindest so, dass die Sachen geklärt werden können. Und außerdem kann sie es gut zulassen, dass Lukas sich für sie interessiert – ja, sie merkt, dass sie sich auch zu ihm hingezogen fühlt, und so beginnt ihre erste zaghafte Beziehung.

Die Sprache in „Wörter mit L“ ist weniger experimentell als in den Jugendromanen von Tamara Bach. Doch das stört nicht – im Gegenteil, es ist eine angenehme Behutsamkeit, mit der die Autorin sich auf das jüngere Lesepublikum einstellt. Es schimmern wieder sprachliche Besonderheiten durch, und die Sprache wird manchmal zudem reflektiert: Was Onomatopoesie ist, wird zum Beispiel auf Seite 116 erklärt – wenn Wörter klingen, wie Dinge, die sie beschreiben … Außerdem übt sich Pauline darin, Gedichte zu schreiben.

Überhaupt verwendet Tamara Bach eine kreative Sprache mit vielen anschaulichen Wörter: Jonathan „müpft“ oder „brummelt“, Pauline „friemelt“ am Reißverschluss herum, Papa „grunzt“, Natascha hat noch immer „Mord- und Totschlagaugen“, und „das Türöffnerbrummen“ klingt mal „traurig und müde und schlapp“. Einfach gehalten ist dagegen die Erzählstruktur, die chronologisch ist und bei der es mit Pauline nur eine Ich-Erzählerin gibt, die allerdings erfrischend alles aus ihrer Sicht berichtet:

„Gene hat man von den Eltern, eine Hälfte von Mama, die andere von Papa. Aber manchmal denk ich, Mamas Gene in mir sind so groß, dass sie alle von Papa an den Rand schubsen. Dahin, wo es unwichtig ist. Dass ich so aussehe wie sie und so bin wie sie. Und von Papa hab ich vielleicht, wie er sich die Schuhe zubindet oder ich kriege auch irgendwann solche haarigen Zehen wie er. Hobbitfüße hat der.
Aber wenn ich irgendwas Tolles gemacht hab, dann hab ich es von ihm, sagt er. Dann nennt er mich »mein Mädchen« oder »meine Tochter«.“ (S. 46)

Da steckt auch etwas drin, was das Buch ebenfalls auszeichnet: Es geht um das Leben in einer Patchworkfamilie, um die Vorteile, aber auch um die Nachteile, die es für ein Mädchen wie Pauline hat. Pauline darf nämlich nicht einfach am falschen Tag zu Mama, aber dafür hat sie bei Papa Jette, dessen neue Frau, die besonders gefühlvoll mit Pauline umgeht. Und sie hat Jonathan, einen Halbbruder, den sie aber nicht Halbbruder nennen will, denn er ist ja nicht nur ein halber Mensch.

So anschaulich und lebensnah einem die Patchworksituation vor Augen geführt wird, so plastisch sind auch die Figuren dargestellt: Man kann sie sehr gut vor sich sehen. Paulines Mama ist oft sperrig, dafür lügt sie (fast) nie … Jette ist mehr als nur nett: eine gute Seele. Natascha ist schon einen kleinen Schritt weiter in der Pubertät als Pauline, mitunter etwas zickig und schnell gekränkt, und Leonie ist vergleichsweise konturlos und hängt sich vor allem an Natascha dran. Und dann ist da noch Lukas, ein ganz besonderer Junge, durch den die zarte Liebesgeschichte ins Buch kommt. Sehr behutsam kommen Pauline und Lukas sich näher.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Damit mir Bücher für Leser ab 10 oder 11 Jahren gefallen, müssen sie schon etwas Besonderes mitbringen – Tamara Bachs „Wörter mit L“ hat all das, was mir dabei wichtig ist. Die von Pauline erzählte Geschichte ist bravourös erzählt, und Tamara Bach hat vor allem auch etwas zu erzählen: von Patchworkfamilien, von Missstimmungen zwischen Freundinnen, von familiären Veränderungen, mit denen ein Kind sich schwertut, von ersten Erfahrungen in Sachen Verliebtsein und von ein paar Dingen mehr. Trotz dieser vielen Themen ist das Buch an keiner Stelle überfrachtet – das allein ist große Kunst. Hinzu kommt, dass Tamara Bach sich extrem gut in ein Mädchen am Ende der Kindheit hineinversetzen kann, in diesen Schwebezustand zwischen Kindheit und Jugend. Wie Pauline erzählt, was sie erzählt, wirkt sehr authentisch.

Dass wahrscheinlich eher wenige Jungen dieses Buch lesen werden, kann man dem Kinderroman nicht ankreiden. Man bräuchte noch ein Buch, in dem Lukas berichtet, wo sich dann Teile der Geschichte überschneiden. Das gäbe für den Unterricht (ich kann meine Deutschlehrerherkunft nicht ganz verbergen) zwei spannende Lektüren für die 6. Jahrgangsstufe. Aber auch so: „Wörter mit L“ ist ein rundum gelungenes Buch (die äußere Gestaltung und die einleitenden Kapitelvignetten von Petra Hämmerleinova tragen ihr Übriges dazu bei), dem ich viele Leser/innen wünsche. Tamara Bach kann jedenfalls auch für 11-Jährige schreiben – „Wörter mit L“ ist ein Kleinod, das durch seine Lebensnähe besticht.

blau.giflila.gifrot.gifgelb.gifgruen.gif

(Ulf Cronenberg, 29.04.2019)

Lektüretipp für Lehrer!

Ich habe es im letzten Absatz schon erwähnt: Tamara Bachs „Wörter mit L“ ist ein passendes Buch für Sechstklässler, allerdings dürften sich Jungen eher schwer mit dem Buch tun, so dass man ihnen vielleicht ein anderes Buch anbieten sollte. Ansonsten ist „Wörter mit L“ ein ertragreiches Buch für den Deutschunterricht (oder für Ethik), weil es viele Themen und Probleme von 10- bis 12-Jährigen aufgreift, außerdem sprachlich viel bietet.

Kommentare (8)

  1. Petra Herbst

    Lieber Ulf, ich schätze sowohl Buch als auch Autorin sehr, glaube allerdings, dass der Titel „Wörter mit L“ lautet. Vielen Dank für deine tollen Rezensionen und viele Grüße, Petra

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Liebe Petra,
      was für ein peinlich-witziger Fehler. Du hast natürlich recht. Schon ausgebessert.
      Danke für deinen Kommentar. Die Info-Mail hatte auch noch den Fehler … 🙁
      Ulf

      Antworten
  2. Petra Herbst

    Lieber Ulf,
    das ging aber schnell! Da ich mir beim Lesen natürlich überlegt hatte, welche Wörter mit L alles gemeint sein könnten, habe ich auch gleich überlegt, was sich ändert, wenn ich mir Wörter mit Z. aussuche…
    Da ich nun ohnehin geschrieben habe, nutze ich die Gelegenheit gleich noch, um zu fragen, ob du gelegentlich etwas von Neal Shusterman rezensieren könntest? „Kompass ohne Norden“ ist ja ohnehin für den Jugendliteraturpreis nominiert, aber ich schätze auch sowohl die „Scythe“-Reihe als auch die „Vollendet“-Reihe sehr. Deine Meinung zu diesem Autor würde mich interessieren… Liebe Grüße aus Bad Segeberg, Petra

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Liebe Petra,
      bei dir war es allerdings auch extrem fix – ich hatte die Buchbesprechung ein paar Minuten vorher freigegeben, als schon dein Kommentar kam.
      Dass ich „Kompass ohne Norden“ nicht besprochen habe, ist echt eine große Lücke – aber ich habe mir angewöhnt, keine Bücher zu besprechen, die schon vor einiger Zeit erschienen sind – von wenigen Ausnahmen mit triftigen Gründen abgesehen. Es bleiben einfach immer Bücher übrig, die ich gelesen haben sollte, dich ich aber einfach nicht schaffe. Und ich schaue immer, dass ich Bücher aus den aktuellen Programmen auswähle. Und da liegen schon wieder so viele da, die ich lesen und besprechen möchte.
      Den ersten Band von Shustermans „Vollendet“-Reihe hab ich damals sogar besprochen (siehe hier), aber da es mich nicht wirklich überzeugt hat, habe ich die Folgebücher liegen lassen.
      Liebe Grüße, Ulf

      Antworten
  3. Petra Herbst

    Danke. Daran sehe ich, dass ich deinen Blog offenbar noch nicht lange genug verfolge.😋

    Antworten
  4. Britta Kiersch

    Hallo Ulf,
    gestern habe ich „Wörter mit L“ gelesen und teile Deine Meinung voll und ganz. Tamara Bach hat sich wirklich sprachlich hervorragend auf die Zielgruppe eingestellt und sich trotzdem ihren besonderen Stil bewahrt. Das ist auch wieder typisch für sie: So ein klein wenig schnippisch und frech (wenn ihr Vater „Paulinchen“ sagt, nennt sie ihn „Janchen“), das mag ich sehr und ist ja auch stimmig für ein Mädchen mit 11.In einem Punkt widerspreche ich Dir allerdings. Ich finde nicht, dass Jette „einfach nur nett“ ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der Pauline Teil von Jettes Familie sein kann, beruht auf Jettes Umgang mit ihr und der ist mehr als nett. Der ist einfühlsam und souverän. Jette ist nicht oberflächlich, aber genau das verstehe ich unter „einfach nur nett“.
    Liebe Grüße
    Britta

    Antworten
    1. Ulf Cronenberg (Beitrag Autor)

      Liebe Britta,
      ja, vielleicht ist nett so verwendet nicht das richtige Wort, denn das kann man durchaus so verstehen, wie du es gelesen hast – auch wenn ich es anders gemeint habe. Allerdings steht da ja auch, dass sie eine „gute Seele“ ist. Ich habe das mal leicht umformuliert (aus „ist einfach nur nett“ habe ich „ist mehr als nur nett“ gemacht), dann wird deutlicher, was ich meine.
      Liebe Grüße, Ulf

      Antworten
  5. Pingback: Buchbesprechung: Lara Schützsack „Sonne, Moon und Sterne“ | Jugendbuchtipps.de

Schreibe einen Kommentar zu Britta Kiersch Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.