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Buchbesprechung: Angie Thomas „On the Come Up“

Cover: Angie Thomas „On the Come Up“Lesealter 14+(cbj-Verlag 2019, 497 Seiten)

Mehr Erfolg kann man mit einem Jugendroman-Debüt kaum haben: „The Hate U Give“ führte in den USA viele Wochen die Bestenlisten an, ist inzwischen verfilmt worden und wurde 2018 von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Grund für den Erfolg ist unter anderem, dass Angie Thomas sehr authentisch die Welt der Schwarzen in amerikanischen Großstädten beschreibt und sich sehr gut in ihre weibliche Hauptfigur hineinversetzen kann. „On the Come Up“ – das sei vorweggenommen – führt genau das fort …

Inhalt:

Brianne, von allen nur Bri genannt, ist 16 Jahre alt; ihr Traum ist es, Rapperin zu werden. Das wurde ihr quasi in die Wiege gelegt, denn ihr Vater hatte mit seinen Songs großen Erfolg. Doch weil ich er sich in seinen Texten etwas weit rausgelehnt und provoziert hatte, sich außerdem mit den falschen Leuten eingelassen hatte, wurde er kurz nach seinen ersten Erfolgen von einer Gang ermordet.

In den Jahren danach war das Leben von Bri aus den Fugen geraten: Ihre Mutter verfiel den Drogen, so dass Bri und ihr älterer Bruder Trey von den Großeltern aufgezogen wurden. Doch seit einigen Jahren ist Bris Mutter wieder clean und kümmert sich um ihre beiden Kinder. Doch einfach ist das Leben nach wir vor nicht – vor allem, als Bris Mutter ihren Job verliert.

Bris Hoffnung ist es, als Rapperin groß rauszukommen und damit die Familie aus der Armut zu holen. Ihr erster öffentlicher Auftritt im Ring, wo Rap-Battles ausgetragen werden, ist ein Erfolg. Mit Hilfe ihrer Tante Pooh nimmt Bri kurz danach ihren ersten Song auf, und „On the Come Up“ ist ein Ohrwurm, den bald jeder in der Gegend kennt. Doch dem Text liegt viel Wut zugrunde – Bri wehrt sich darin gegen einen Vorfall in der Schule, wo sie von den Wachleuten schikaniert worden war. So ist es kein Wunder, dass der Text von vielen missverstanden wird. Bri wird unterstellt, Gewalt zu verherrlichen, und so gerät Bri in ernsthafte Schwierigkeiten – auf ganz unterschiedlichen Ebenen …

Bewertung:

Wer „The Hate U Give“ gelesen hat, der wird sich auch in „On the Come Up“ (Übersetzung: Henriette Zeltner; amerikanischer Originaltitel: „On the Come Up“) von der ersten Seite an zu Hause fühlen. Der Erzählton, die Stimmung, die Schauplätze sind in vielem ähnlich. Dass der neue Roman jedoch kein Abklatsch von „The Hate U Give“ ist, liegt daran, dass mit der Rapper-Welt ein anderer Ausschnitt von Garden Heights, wo auch Starrs Geschichte spielte, gezeigt wird.

Die Welt der Rapper ist schon eine ganz eigene Welt. Man versucht sich in Battles gegenseitig niederzumachen – nicht immer mit lauteren Mitteln. Die Erfahrung macht auch Bri bei ihrem ersten Auftritt. In dem Roman sind die Rap-Texte größtenteils wiedergegeben – da steckt viel Arbeit drin –, und zwar im amerikanischen Original … Das macht das Lesen nicht einfach – mit dem entsprechenden Slang sollte man ein wenig vertraut sein, um sie zu verstehen. Ein wenig hilft einem das Glossar am Ende des Buchs weiter – aber richtig übersetzt wurden die Texte eben nicht. Das ist auch gut so, denn es würde nicht funktionieren …

Wie schon Starr in „The Hate U Give“ ist Bri eine gut beschriebene Hauptfigur. Dass Bri im Laufe des Romans vieles nicht gerade gut und bedacht angeht, macht die Figur wahrhaftig und reizvoll. Bri ist ein kleiner Vulkan, und wenn sie etwas auf die Palme bringt (und das geht schnell), dann vergisst sie sich oft, handelt impulsiv und unbedacht – vor allem verbal. Sie hat, kurz gesagt, eine große Klappe, und damit handelt sie sich oft Schwierigkeiten ein: in der Schule, bei Freunden, in der Öffentlichkeit. Mehrmals tappt Bri letztendlich in die gleiche Falle und lernt erst am Ende des Buchs mehr darauf zu achten, dass sie sich nicht durch widerspenstige Trotzreaktionen zu Dingen hinreißen lässt, die sie eigentlich nicht will.

Doch auch die anderen Figuren werden gut gezeichnet: Trey ist ein großer Bruder, der nach dem Tod des Vaters in eine Fürsorgerolle hineingerutscht ist. Er fühlt sich für Bri und seine Mutter verantwortlich und schiebt trotz sehr gutem Schulabschluss ein Studium auf, weil er Geld verdienen will. Faszinierend ist auch Jay, Bris Mutter. Sie ist seit vielen Jahren drogenfrei, aber sie hat noch immer Dämonen im Kopf. Wenn es ihr nicht gut geht, verzieht sie sich in ihr Zimmer, und manchmal dauert es Tage, bis sie wieder rauskommt. Die komplizierte, aber herzliche Beziehung zwischen ihr und Bri ist bewundernswert gut inszeniert. Bri hat zum Beispiel noch immer damit zu kämpfen, dass sie von ihrer Mutter mit Trey damals bei den Großeltern abgesetzt wurde. Dass das für Jay auch der schlimmste Augenblick ihres Lebens war, wird Bri erst spät im Buch klar.

Was „On the Come Up“ wie Angie Thomas‘ Erstling aufzeigt, ist, dass es in der amerikanischen Gesellschaft nach wie vor viel Diskriminierung für die schwarze Bevölkerung gibt. Schwarze werden vorschnell als kriminell abgestempelt; sie leben häufiger in Armut; sie finden schwerer Jobs; sie haben es nicht einfach, die Problemviertel, in denen Gangs ihr Unwesen treiben, zu verlassen; und sie erfahren auch mehr körperliche Gewalt. Das hängt alles miteinander zusammen, und Angie Thomas beschreibt vieles davon, sie urteilt jedoch nicht oder richtet plumpe politische Appelle an den Leser. Schlussfolgerungen zu ziehen, bleibt glücklicherweise Aufgabe des Lesers.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Angie Thomas ist eine großartige Erzählerin – das zeigt sich auch in „On the Come Up“. Man will an der Geschichte dranbleiben, denn sie wird mit einem gekonnten Spannungsbogen erzählt, sie hat packende Figuren, und mit psychologischem Gespür stellt Angie Thomas die Beziehungen zwischen den Personen im Buch dar. Das ist alles beeindruckend, auch wenn „The Hate U Give“ vielleicht noch einen Tick spannender war. Aber viel nehmen sich die Bücher nicht. Mit den Rap-Texten (es ist übrigens eine beachtenswerte Leistung, sie zu schreiben) bietet „On the Come Up“ dafür allerdings etwas, was „The Hate U Give“ nicht hatte. Am liebsten würde man sehen und hören, wie Bri im Ring rappt … Man kann sich vorstellen, dass auch Angie Thomas‘ zweiter Jugendroman verfilmt wird.

Es ist gut, dass das schwarze Amerika in Angie Thomas eine Stimme findet, die Jugendliche (und Erwachsene) dafür sensibilisiert, dass das Leben für viele Schwarze in den USA hart ist – gerade auch für Menschen, die noch nicht erwachsen sind. Angie Thomas ist eine Chronistin, die ihren Weg gefunden hat, gegen die Ungleichheiten anzuschreiben – und in Zeiten von Trump & Co ist das wichtig, auch wenn es wahrscheinlich wenig zu bewirken vermag.

Warum „On the Come Up“ auch jenseits politischer Themen ein mitreißendes Buch für Jugendliche ist? Es geht darin ums Erwachsenwerden, um die Bewältigung von großen Lebenskrisen, darum, zu sich selbst zu finden und stehen zu können; und natürlich um Freundschaften. Alles Themen, die Jugendliche betreffen. Zudem hält uns das Buch einen Spiegel vor, in den wir blicken können, um dann zu sagen: Eigentlich geht es uns doch gut. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen: Rassismus, Vorurteile bestimmten Bevölkerungsgruppen gegenüber und Bandenkriege gibt es auch in Deutschland, auch wenn die Statistiken zu Gewalttaten bei uns deutlich geringere Zahlen aufweisen als in den USA …

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(Ulf Cronenberg, 04.05.2019)

P. S.: Übrigens, wundersam. „On the Come Up“ hat 497 Seiten, und „The Hate U Give“ hat ebenfalls genau 497 Seiten. Man glaubt es kaum … (Die Seitenzahlen, die ich angebe, übernehme ich übrigens von der letzten Textseite des Jugendbuchs, wobei Nachwort, Danksagung, Glossar etc. nicht einbezogen werden.)

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