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Buchbesprechung: David Arnold „Herzdenker“

Cover: David Arnold „Herzdenker“Lesealter 14+(Arena-Verlag 2018, 370 Seiten)

„Herzdenker“ – das ist ein interessanter Titel; und das Cover suggeriert, dass es um 5 Jugendliche geht, deren Wege sich immer wieder kreuzen. Jedenfalls habe ich einfach mal in den Jugendroman von David Arnold, einem in Kentucky (USA) lebenden Autor, reingelesen – und bin hängengeblieben … Warum? Das wird im Folgenden zu erfahren sein. Der Arena-Verlag listet das Buch übrigens für Leser ab 12 Jahren. Dem würde ich aber deutlich widersprechen. Für mich ist das ein Jugendroman für 14- bis 16-Jährige.

Inhalt:

Vic leidet am Möbius-Syndrom, einer seltenen angeborenen Lähmung bestimmter Hirnnerven, die dazu führt, dass die Gesichtsmuskulatur nicht bewegt werden kann. Blinzeln tut Vic zum Beispiel nie, auch kann er beim Schlafen seine Augen nicht schließen. Viele Menschen interpretieren es meist erst als eine Art geistiger Behinderung, wenn jemand mimisch nicht reagiert, und Vic wird deswegen von anderen ziemlich oft gemobbt. Doch schlimmer ist für Vic, dass sein Vater, zu dem er eine innige Beziehung hatte, vor einiger Zeit an Krebs gestorben ist. Vics Mutter hat sich inzwischen damit arrangiert und einen neuen Freund namens Frank gefunden, den Vic jedoch nicht ausstehen kann. Außerdem verhalten sich Franks Söhne Vic gegenüber nicht gerade nett …

Als Frank Vics Mutter einen Heiratsantrag macht, hält Vic es nicht mehr aus. Er verschwindet Hals über Kopf, schnappt sich die Urne seines Vaters, weil er nicht will, dass dessen sterbliche Überreste in dem Haus bleiben. An einem seiner Lieblingsplätze, zu dem er nachts geht, trifft er ein Mädchen, das ihm sofort gefällt und mit dem er ins Gespräch kommt. Mad, wie das Mädchen heißt, hat – das stellt sich später heraus – keine Eltern mehr, sie lebt mit drei Freunden in einem alten Gewächshaus. Dort kommt auch Vic schließlich unter, und so lernt er Baz, dessen Bruder Nzuzi (beide sind geflüchtete Afrikaner) und die 11-jährige Coco kennen.

Als Vic in der Urne einen Abschiedsbrief seines Vaters entdeckt, in dem steht, wo dieser gerne seine Asche verstreut hätte, weiß Vic, was zu tun ist. Doch welche Orte genau Vics Vater gemeint hat, ist schwer zu entschlüsseln, sind die Angaben doch recht mystisch. Klar ist, dass es sich um Orte handelt, die in der Beziehung von Vics Eltern eine besondere Bedeutung gespielt haben. Baz und Co., insbesondere Mad, helfen Victor bei der Suche nach den Orten; und Vic ist froh, dass er Freunde gefunden hat, die ihn trotz des Möbius-Syndroms akzeptieren, anstatt ihn voreilig abzulehnen. Doch es kommt bald zu einer sehr kritischen Situation …

Bewertung:

Herzdenker? Das Wort stammt von Vics Vater, der damit beschreibt, dass es Menschen gibt, die einfühlsam sind und mit dem Herzen denken – und als solcher will Vic sich verstehen … Dass das Buch diesen Titel trägt, ist nicht ganz selbstverständlich. Im englischen Original heißt es nämlich „Kids of Appetite“ (Übersetzung: Ulrich Thiele) – aber ich glaube, dass der Arena-Verlag mit dieser Umbenennung eine gute Wahl getroffen hat. Denn sie passt zu dem Buch, auch wenn man sich anfangs nicht so richtig etwas darunter vorstellen kann.

Der Jugendroman beginnt medias in res – also mitten in der Geschichte. Vic wird von einer Polizistin verhört; es wird schnell klar, dass jemand getötet wurde und dass Baz des Mordes verdächtigt wird. Diese Verhörbeschreibungen ziehen sich durch das ganze Buch und stehen am Anfang jedes Kapitels – abwechselnd werden das Verhör mit Vic und das mit Mad geschildert. Diese Kapitelanfänge dauern jeweils nur ein paar Seiten, danach erzählen Vic und Mad immer im Wechsel die Geschichte.

Ganz einfach ist der Einstieg in den Roman nicht: Die vielen Namen sind erst mal verwirrend (das Namensregister am Anfang überspringt man am besten; es verwirrt eher, als dass es Ordnung in die Figurenkonstellation bringt); und der Grund für die Vernehmungen erschließt sich einem so richtig erst in der Mitte des Buchs, die ansonsten erzählte Geschichte ist dagegen übersichtlicher. Sie umfasst die sieben Tage vor dem Mord, den Baz angeblich begangen haben soll, und wird von einigen Rückblenden abgesehen chronologisch aufgezogen.

Baz und Mad sind sehr eloquente Erzähler, vielleicht ab und an etwas zu ähnlich in ihrer Sprache, auch wenn David Arnold eigentlich ganz geschickt Unterschiede in ihre Erzählweise einbaut. Vic zum Beispiel liebt Aufzählungslisten, während Mad ihre Zigarettenzüge gerne mit Mantras wie „Ziehen. Atmen. Wärme“ verbindet. Wärme? Ja, die kann man gebrauchen, denn es ist Winter in Hackensack, der Stadt in der Nähe von New York, in der die Geschehnissen spielen. Mad ist wie Vic eine Herzdenkerin: Beide sind sensibel, auch wenn es oft vom Coolseinwollen überlagert ist, sie denken viel über sich und andere Menschen nach. Das gilt übrigens auch für Baz, den Anführer der Gang, die sich irgendwann „Helden des Hungers“ nennt. Baz hält den kleinen Haufen zusammen und kümmert sich um alle.

Was „Herzdenker“ letztendlich neben einem ziemlich eindrücklichen Plädoyer für die Solidarität zwischen Menschen auch ist: eine behutsame Liebesgeschichte. Einfach haben es Mad und Vic ja nicht, zusammenzukommen, denn beide haben keine leichte Zeit hinter sich. Außerdem macht Vics Möbius-Syndrom vieles schwierig. Sein Lächeln z. B. kann man nicht am Mund ablesen, man kann es nur in seinen Augen erkennen. Dass Mad sich dennoch zu Vic hingezogen fühlt und sich nicht von Äußerlichkeiten abhalten lässt, macht die Liebesgeschichte zu etwas Besonderem. Das dahinterstehende Grundmotiv kommt einem leicht vertraut vor: „Die Schöne und das Biest“ – allerdings bleibt in „Herzdenker“ alles plausibel und wird nie kitschig.

Neben dem gut aufgebauten Plot hat das Buch für mich vor allem zwei Ankerpunkte, die es wertvoll machen: Es sind zum einen die Dialoge, es sind zum anderen die Figuren im Roman, auch jenseits von Mad und Vic. Baz zum Beispiel hat viel Schlimmes erlebt: die Flucht aus dem Bürgerkriegs-Kongo am Ende seiner Kindheit – gelernt hat er daraus unter anderem, für andere zu sorgen; und das macht er richtig gut. Durch Baz kommen auch einige andere Personen in das Buch, denn er hat schon vielen Menschen in Notlagen geholfen, und sie stehen ihm alle bei, wenn er selbst Unterstützung braucht – und das ist in dem Buch mehrmals nötig. Baz ist jedoch nicht nur Gutmensch, er verlangt auch etwas von den Menschen, denen er helfen will:

„Brauchst du Hilfe?“, wiederholte Baz seine Frage im Hier und Jetzt.
Vic […] nickte zögernd, als wäre er noch am Überlegen.
Baz kniff die Augen zusammen. „Du musst es laut aussprechen.“
„Ja“, sagte Vic. „Ich brauche Hilfe.“ […]
Dann stellte er mir die zweite Frage …
„Hast du jemandem wehgetan?“, fragte Baz jetzt. […]
„Nein.“ Eine leise Antwort, die dennoch im Raum widerhallte.
Baz nickte. „Gut. Wenn du möchtest, kannst du bei uns bleiben. Wir wohnen in der einer Gärtnerei in New Milford.“ (S. 70f)

Es sind immer wieder klare, existenzielles thematisierende Gespräche, die in dem Buch vorkommen. Auch wie sich Mad und Vic näherkommen, wird in wunderbaren Dialogen dargestellt. Es geht um Vergangenes, es geht darum, die Welt zu verstehen und die Menschen zu begreifen – eben mit dem Herzen zu denken.

Fazit:

5 von 5 Punkten. „Herzdenker“ ist ein eigenwilliges Buch, und das meine ich positiv. Der Roman erzählt eine Geschichte, bei der man nicht das Gefühl hat, so etwas Ähnliches schon einmal gelesen zu haben. Und das liegt an der Mischung, die in dem Buch steckt: „Herzdenker“ hat eine Prise Kriminalroman; es ist eine Bandengeschichte mit Jugendlichen, die am Rande der Gesellschaft leben; es hat ein bisschen Steampunk-Anklänge, weil die Aufenthaltsorte der Jugendlichen immer wieder alt, verlassen und dunkel wirken; und „Herzdenker“ ist schließlich auch ein Liebesroman.

Was als Ganzes daraus entstanden ist, ist mehr ist als die Summe seiner Teile: ein kurzweiliges Buch, das einen fesselt und nicht mehr loslässt – vorausgesetzt, man kann sich auf diese nicht immer einfach zu lesende Geschichte einlassen. Für 12-Jährige ist das ganz bestimmt nichts, „Herzdenker“ ist ein Buch, das erfahrene Leser erfordert, denn Struktur und Erzählweise sind anspruchsvoll. Alles in allem ein interessanter Roman. Von daher passen – um auf die einleitenden Sätze der Buchbesprechung zurückzukommen – Titel und Cover gut zu dem Buch …

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(Ulf Cronenberg, 03.06.2018)

Kommentar (1)

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