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Buchbesprechung: Karl Olsberg „Boy in a White Room“

Cover: Karl Olsberg "Boy in a White Room"Lesealter 14+(Loewe-Verlag 2017, 282 Seiten)

Es ist schon ein bisschen her, dass ich zwei Bücher von Karl Olsberg gelesen habe: 10 bzw. 6 Jahre. „System“, war nicht Olsbergs erster Roman, aber sein Durchbruch. „Raphael 2.0“, das zweite Buch, das ich gelesen habe, war im Gegensatz zu „System“ ein klassischer Jugendroman. Das Interessante an dem Autor, der eigentlich Karl-Ludwig Max Hans Freiherr von Wendt heißt, ist, dass Bücherschreiben eher ein Hobby von ihm ist; denn hauptsächlich ist er Unternehmensberater, er hat sich aber auch viel mit Computerdingen (gerade auch künstlicher Intelligenz) beschäftigt. Und Computerthemen greift Karl Olsberg gerne in seinen Büchern auf.

Inhalt:

Manuel wacht in einem weißen Raum auch und weiß weder, wo er sich befindet, noch kann er sich an irgendetwas aus seiner Vergangenheit erinnern. Noch mehr ist seltsam: Es sind keine anderen Menschen um ihn herum, er stellt jedoch bald fest, dass er in dem weißen Raum mit einer Computerstimme, die sich Alice nennt, kommunizieren kann. Doch Alice beantwortet keine Fragen zu seiner Situation. Manuel will sich damit nicht zufrieden geben.

Bald stellt Manuel fest, dass er Zugriff auf das Internet hat. Was er dort nach und nach herausbekommt, findet er ziemlich schockierend. Manuel wurde bei dem Versuch einer Geiselnahme schwerst verletzt, seine Mutter, die ihn verteidigen wollte, wurde getötet. Sein Vater, ein erfolgreicher und reicher Computerunternehmer, hat sehr viel Energie und Geld in ein großes Projekt gesteckt. Ziel war es, Manuels Gehirn mittels Sonden und anderen technischen Geräten zumindest eine virtuelle Realität zu ermöglichen, auch wenn sein Körper durch die Verletzungen nie mehr normal funktionieren wird.

Doch das, was sein Vater, der schließlich virtuell mit ihm in Kontakt tritt und Manuel dessen Situation zu erklären versucht, sagt, enthält einige Ungereimtheiten. Manuel kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier etwas nicht stimmt, dass man ihm vieles vorenthält. Als er auf einem seiner Streifzüge in der realen Welt mittels einer Drone, die er steuern kann, seine Schwester Julia kennenlernt, sein Vater aber behauptet, dass er gar keine Schwester habe, wird vieles noch rätselhaft. Manuel beginnt mehr auf sein Gefühl als auf die Worte seines Vaters, der ihn zu belügen scheint, zu vertrauen. Alles wird immer komplizierter und Manuel weiß irgendwann gar nicht mehr, was er glauben und was er für richtig oder falsch halten soll.

Bewertung:

„Boy in a White Room“ ist ein Buch, das man in drei Absätzen nicht zusammenfassen kann – die Inhaltszusammenfassung wirft nur einen Blick auf den Beginn der Geschichte, die sich später ziemlich rasant und mit vielen Hakenschlägen in ganz andere Richtungen entwickelt. Was wie ein beklemmendes Bunker-Szenario beginnt, wird nach und nach zu einem Vexierspiel, bei dem man auch als Leser oft gar nicht mehr weiß, was Sache ist. Da man alles durch die Brille des Ich-Erzählers Manuel erfährt, taucht man in dessen Verwirrung mit ein und erlebt die Geschehnisse so unübersichtlich wie er.

Manuells Verzweiflung angesichts seiner Situation, später angesichts der ganzen Ungereimtheiten hinsichtlich seines bisherigen Lebens, werden plausibel vermittelt. Von vielen Fragezeichen, über schockierende Moment bis hin zur großen Verzweiflung ist hier alles geboten. Ein bisschen fremd bleibt einem Manuel trotzdem – ob das Absicht ist, kann ich nicht so richtig beurteilen. Aber es passt zu dem Buch, denn ein normaler Mensch ist Manuel ja nicht – so viel steht zumindest fest …

Man würde „Boy in a White Room“ kein Unrecht tun, wenn man es als Jugendthriller bezeichnet. Das Etikett passt durchaus auf zwei Ebenen: sowohl auf der psychologischen als auch auf der Handlungsebene. Es gibt an späterer Stelle im Buch Kämpfe und Verfolgungsjagden, wie sie zu einem Thriller gehören, platt wird das Buch dadurch trotzdem nicht. Im Gegenteil: Je näher man dem Ende kommt, desto raffinierter wird die Geschichte, und das große Finale, das alles in ein anderes Licht taucht, kommt erst auf den letzten 30 bis 40 Seiten.

Ich will hier nicht zu viel vorwegnehmen – aber was sich anfangs wie eine fast reale Gegenwartsgeschichte, die neue technische Entwicklungen auf die Spitze treibt, liest, entwickelt sich zu einem richtigen Science-Fiction-Roman, der noch dazu wichtige Fragen stellt. Es geht vor allem um die Computerisierung und ihre Folgen: Was könnte passieren, wenn die künstliche Intelligenz bei Computern zunimmt?

Ich habe noch Elon Musks Aussagen vor ein paar Monaten im Kopf, als er vor den Gefahren der künstlichen Intelligenz warnte – im Gegensatz zu den meisten anderen Forschern und Visionären, die ohne Bedenken in diesem Feld arbeiten. Elon Musk, der Tesla- und SpaceX-Gründer, ist ganz bestimmt kein Technikfeind, im Gegenteil; aber dass hier einer, der sich mit dem Thema auskennt, so eindringlich warnt, sollte man nicht einfach abtun. Karl Olsbergs Buch scheint Elon Musks Haltung jedenfalls zu teilen, und das ist etwas, was in den letzten Kapiteln des Buchs deutlich wird. (Ich weiß, ich rede etwas kryptisch, aber anders geht es nicht, will ich potenziellen Lesern nicht die Lust auf dieses Buch nehmen.)

Jenseits der packenden und gut erzählten Geschichte sind es vor allem die Zukunftsfragen, die mich an Karl Olsbergs Roman besonders faszinieren. Das Buch, das lange eher im Gewand eines typischen Thrillers daherkommt, entpuppt sich am Ende als durchaus philosophischer Roman. Geschickt werden dabei übrigens auch Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ und René Descartes‘ Spruch „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) in die Geschichte integriert. Raffiniert platziert ist darüber hinaus auch das Ende des Romans: offen und viele Fragen aufwerfend, ein gut verpackter kleiner Knall, der einen nicht so ganz loslässt, weil man die Folgen von Manuels letzter Handlung in dem Buch nicht einschätzen und absehen kann …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Karl Olsbergs „Boy in a White Room“ ist ein packendes Buch, das ein gekonntes Verwirrspiel um Realität und Computerfiktion aufzieht, am Ende wichtige Zukunftsfragen stellt und dabei eine dystopische Zukunftsvision entwirft, die faszinierend und erschreckend zugleich ist. Das Buch behandelt ganz sicher Themen, die computeraffine Jungen ansprechen dürften – und das nicht platt, sondern mit philosophischem Tiefsinn.

Ich habe „Boy in a White Room“ von Anfang an fasziniert von dem Plot gelesen, mir wurde die Geschichte zwischendrin fast mal etwas zu unübersichtlich – aber es wird am Ende alles mit einem großen Showdown aufgelöst. So muss es sein: Am Ende ist alles ganz anders als erwartet, man wird als Leser ein bisschen vor den Kopf gestoßen, aber wird unweigerlich zum Nachdenken geschubst. „Boy in a White Room“ ist spannend, es lotet aus, wohin die Menschheit steuert, es fragt, wer wir Menschen sein könnten, wenn die künstliche Intelligenz von Computern immer größer wird. Wen diese Fragen interessieren, der sollte – egal ob Jugendlicher oder Erwachsener – Karl Olsbergs neuen Roman lesen. Ich finde, es lohnt sich.

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(Ulf Cronenberg, 29.09.2017)

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