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Buchbesprechung: John Boyne „Der Junge auf dem Berg“

Cover: John Boyne „Der Junge auf dem Berg“Lesealter 12+(Verlag S. Fischer 2017, 314 Seiten)

Das Thema Krieg lässt John Boyne nicht los – schon mehrere Bücher des Autors handelten davon, und das gilt auch für den neuen Jugendroman. Das Buch, mit dem der irische Schriftsteller bekannt wurde, war „Der Junge im gestreiften Pyjama“ aus dem Jahr 2006 (auf Deutsch 2007) – ein Buch, das ich zwar gelesen, aber nicht besprochen habe. „Der Junge auf dem Berg“ spielt in einigem auf John Boynes Erfolgsbuch an: Cover und Titel haben viele Ähnlichkeiten, ein dezenter Button weist noch darauf hin, dass das neue Werk aus der Feder des gleichen Autors wie „Der Junge im gestreiften Pyjama“ stammt … Das sollte einen eigentlich fast schon etwas skeptisch machen. Aber so funktioniert Marketing.

Inhalt:

Pierrot wächst Mitte der 1930er Jahre in Paris bei seinen Eltern auf. Seine Mutter ist Französin, sein Vater ein Deutscher, der im Ersten Weltkrieg viel Schlimmes erlebt und getan hat, das ihn nach wie vor verfolgt. Je mehr Zeit vergeht, desto schlimmer werden seine Albträume, umso mehr holt ihn seine Vergangenheit ein, und als er ausrastet und gewalttätig wird, verlässt Pierrots Mutter mit ihrem Sohn die Wohnung und zieht aus. Sein Vater kommt einige Zeit später ums Leben.

Es dauert nicht lange, da erkrankt Pierrots Mutter an Tuberkulose und stirbt. Pierrot kann zunächst bei Anshel, seinem besten Freund, der ein taubstummer Jude ist, und dessen Mutter wohnen, muss bald jedoch in ein Waisenhaus umziehen. Nach einiger Zeit bekommt Pierrot Post von seiner einzig verbliebenen Verwandten: der Schwester seines Vaters, die in Österreich Hauswirtschafterin ist. Und so reist Pierrot schließlich mit dem Zug nach Österreich, um bei Beatrix, seiner Tante, zu leben.

Beatrix arbeitet im Berghof, dem Rückzugsort Adolf Hitlers am Obersalzberg; Hitler hat zugestimmt, dass sie den Jungen aufnimmt. Für Pierrot beginnt ein gänzlich neues Leben. Nicht nur, dass er sich fortan Peter nennen muss, auch sonst erlebt er Dinge, die er bisher gar nicht kannte. Pierrot begegnet immer wieder Adolf Hitler – alle nennen ihn nur „den Führer“ – und es entsteht fast so etwas wie eine Freundschaft zwischen beiden. Damit beginnt, dass Pierrot sein altes Leben vergisst und nach und nach immer mehr wie ein Nationalsozialist denkt.

Bewertung:

Also etwas Mut, vor allem Wagemut, gehört schon dazu, eine Geschichte zu erdenken, in der geschichtlich reale Personen auf fiktive Figuren treffen – und es geht ja nicht um irgendwelche kaum bekannten Personen, sondern um Adolf Hitler (Wikipedia-Artikel) und am Rande um seine verheimlichte Geliebte Eva Braun (Wikipedia-Artikel) sowie andere Größen des Dritten Reichs. Was sich John Boyne da mit „Der Junge auf dem Berg“ (Übersetzung: Ilse Layer; engl. Originaltitel: „The Boy at the Top of the Mountain“) traut, hätte schiefgehen können, tut es meiner Meinung nach aber alles in allem nicht.

Die Geschichte beginnt eigentlich ganz anders. Sie erzählt von einem Jungen in Frankreich, der unter tragischen Umständen beide Eltern verliert und dann nach zwei Zwischenstationen in eine völlig andere Welt kommt. Hitlers Berghof (Wikipedia-Artikel) war neben Berlin eine der großen Schaltzentralen des Dritten Reichs. Auch wenn Hitler in dem Buch nur ab und zu auf dem Berghof zu sein scheint, er hat eigentlich fast ein Drittel seiner Schreckensherrschaft auf dem Berghof verbracht und dort viele ausländische Politiker empfangen. Einige schlimme politische Entscheidungen wurden dort getroffen. Und genau dorthin verschlägt es den unschuldigen Fünfjährigen Pierrot aus Paris … Eine gewagte Konstruktion, wie gesagt.

Beatrix, Pierrots Tante, kümmert sich recht aufopfernd um Pierrot, und auch sonst gewinnt er am Berghof Freunde, unter anderem den Chauffeur des Hauses: Ernst, den mit Beatrix nicht nur eine heimliche Liebschaft verbindet. Und damit sind wir nochmals beim Thema Wagemut, denn wie John Boyne hier die historischen Ereignisse verändert und ergänzt, das hat mich doch hier und da aufhorchen und wachsam sein lassen.

Natürlich hatte Hitler am Berghof Bedienstete, aber sie hießen meines Wissens alle anders als die Figuren, die im Buch auftauchen. Historisch bedeutsame Figuren dagegen tragen ihre Originalnamen, und hier hat sich John Boyne wohl recht genau an die wirklichen Geschehnisse gehalten – zum Beispiel als Eduard VIII. (Wikipedia-Artikel), der als britischer König, um seine Frau heiraten zu können, abdankte, auf den Berghof kommt. Beim Personal und dessen Handeln dagegen lässt John Boyne seine schriftstellerische Freiheit walten.

Hier kamen in mir während des Lesens auch kleinere Bedenken auf, denn dass sich im Berghof ein Vergiftungsversuch auf Hitler zugetragen hat, ist dann doch nicht bekannt – aber genau das passiert in dem Buch. Es sind Bedienstete Hitlers (mehr sei nicht verraten), die versuchen, Hitler umzubringen. Doch der Attentatsversuch missglückt natürlich … Und was dann infolgedessen passiert, ist, dass Pierrot große Schuld auf sich lädt.

Diese historischen Freiheiten, die John Boyne sich nimmt, gestatten ihm jedoch – und deswegen sind sie meines Erachtens auch in Ordnung –, die eigentliche Botschaft der Geschichte zu vermitteln. Das Buch handelt davon, dass ein unbedarfter Junge in die Fahrwasser des Nationalsozialismus kommt, sich durch die Begegnungen mit Hitler auf einmal wichtig fühlt – etwas, das er seit dem Tod der eigenen Eltern nicht mehr so richtig kannte. Als Leser tut es einem allerdings weh mitzuerleben, wie Pierrot langsam zum großmauligen Nationalsozialisten wird, wie er auf Juden (trotz früherem jüdischen Freund) herabzuschauen beginnt, bei der Judenverfolgung wegschaut und den Holocaust (Wikipedia-Artikel) damit rechtfertigt, wie er selbst am liebsten in den Kriegen ziehen würde und ihn verherrlicht – aber zugleich ist all das auch nachvollziehbar. Was das Buch deutlich macht, ist, wie leicht es ist, Kinder und Jugendliche zu einer rechtsnationalen Gesinnung zu erziehen. Gerade ein durchaus aktuelles Thema …

Dass John Boyne seine Geschichte mit der gleichen Bravour, die man aus seinen bisherigen Büchern kennt, erzählt, sei einmal mehr bewundert. „Der Junge auf dem Berg“ hat mich schon nach wenigen Seiten gepackt und nicht mehr losgelassen, bis ich zur letzten Seite gekommen war. Ja, John Boyne ist ein Autor, der Geschichten erzählen kann, der weiß, wie man sie dramaturgisch geschickt aufbaut und wie man interessante Charaktere schafft …

Fazit:

5 von 5 Punkten. Ich hatte während des Lesens von „Der Junge auf dem Berg“ viele Bedenken, denn so ganz harmlos finde ich es nicht, wenn geschichtliche Ereignisse abgeändert oder ergänzt werden. Am fragwürdigsten finde ich, dass im Buch der Chauffeur Hitlers in Obersalzberg ein heimlicher Kritiker des Dritten Reiches ist – etwas, das für Hitlers Fahrer (Erich Kempka und Emil Maurice) ganz und gar nicht galt. In Hitlers engstem Zirkel gab es solche Personen wohl nicht (jedenfalls haben einige Weggefährten auch nach dem Dritten Reich fragwürdige Interviews und Bücher veröffentlicht, die wenig von Reue zeugen). Aber akzeptiert man die schriftstellerische Freiheit, die sich John Boyne nimmt, und lässt man sich darauf ein, dass er keinen historischen Roman, sondern eine parabelhafte Geschichte erzählen will, so kann man damit gut leben.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass man aus dem Buch lernen kann, wie der Faschismus (Wikipedia-Artikel) funktioniert und wie Menschen zu Faschisten werden – aber was das Buch leistet, ist, dass man über diese Fragen nachdenkt. Wer kann schon von sich behaupten, dass er an Pierrots Stelle wirklich in allem integer geblieben wäre? Das ist vielleicht die erschreckende Botschaft dieses Buches. Und deswegen sei dem Roman gewünscht, dass er viele Leser findet und dass viel über John Boynes Buch diskutiert wird.

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(Ulf Cronenberg, 07.10.2017)

P. S.: Ich habe in den Artikel einige Wikipedia-Links eingefügt – wer wie ich ein bisschen was über die realen Personen und Orte im Buch wissen oder Bilder davon anschauen will, kann sich hier informieren.

Lektüretipp für Lehrer!

Warum sich „Der Junge auf dem Berg“ als Lektüre im Deutsch-, Ethik- oder Geschichtsunterricht eignet, dürfte aus dem obigen Text schon hervorgehen. Es ist immer gut, wenn man ein Buch hat, das man zum Anlass für Diskussionen nehmen kann – gerade wenn es um die wichtige Fragen geht, wie es eigentlich zum Dritten Reich kommen konnte. Am besten kann man „Der Junge auf dem Berg“ wohl in der 7. Jahrgangsstufe, vielleicht auch noch zu Beginn der 8. Klasse einsetzen.

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