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Buchbesprechung: Karl Olsberg „Rafael 2.0“

Cover Karl OlsbergLesealter 12+(Thienemann-Verlag 2011, 234 Seiten)

Fast vier Jahre ist es her, dass ich bei Jugendbuchtipps.de ein Buch, das für Erwachsene geschrieben wurde, vorgestellt habe, weil ich fand, dass es auch für jugendliche Leser interessant sein könnte. Gemeint ist Karl Olsbergs Thriller „System“. Der gleiche Autor hat nun bei Thienemann ein Buch für Jugendliche veröffentlicht, das letztendlich das gleiche Thema wie „System“ behandelt: Es geht darum, dass sich ein intelligentes Computerprogramm selbständig macht und die Menschheit bedroht. Ein spannendes Thema also für alle Computerbegeisterten – und diesmal eben für eine jüngere Leserschaft …

Inhalt:

Mikes Zwillingsbruder Rafael ist – wie schon seine Mutter ein paar Jahre zuvor – an einer seltenen Erbkrankheit gestorben, die nicht geheilt werden kann. Seitdem ist im Haus von Mike die Stimmung sehr gedrückt. Sein Vater ist ein anerkannter Computerfachmann, dessen Firma zu den reichsten in den USA gehört – doch anstatt sich um den verbliebenen Sohn zu kümmern, der seinen Zwillingsbruder vermisst, vergräbt er sich nur noch mehr in seine Arbeit.

Eines Tages will Mike nachsehen, was sein Vater in seinem Arbeitszimmer eigentlich die ganze Zeit treibt. Er entwendet dem Butler den Schlüssel, schleicht sich in das Arbeitszimmer seines Vaters und macht eine überraschende Entdeckung. Auf einem Computermonitor entdeckt er das Gesicht seines Bruders. Doch das ist nicht alles: Mike kann sogar mit dem Computer kommunizieren, und das Programm hat nicht nur sämtliche Erinnerungen seines Bruders gespeichert, sondern verhält sich auch wie er.

Mike ist zunächst geschockt und stellt seinen Vater zur Rede, doch schließlich wird ihm Rafael 2.0, wie sein Vater das Programm genannt hat, zu so etwas wie einem Ersatzbruder. Die beiden unterhalten sich viel und tauschen sich aus.

Kurze Zeit darauf kehrt Mikes Vater von einer Geschäftsreise nach Mexico nicht zurück. Niemand weiß, wo er steckt, die Polizei vermutet, dass er entführt wurde. Ein Geschäftspartner seines Vaters sucht einige Tage später Mike auf und äußert die Vermutung, dass eine Firma, die wie Mikes Vater an einem Programm mit künstlicher Intelligenz arbeitet, dahinter stecken könnte. Die Firma will wohl die Technologie von Rafael 2.0 haben. Gerade noch können Mike und der Geschäftspartner seines Vaters Rafael 2.0 vor dem Zugriff der Firma retten, indem sie das Programm in einen Virus verwandeln, der im Internet unterwegs ist …

Bewertung:

Der letzte Absatz der Inhaltszusammenfassung klingt vielleicht etwas kompliziert, aber letztendlich kann man auch als 11- oder 12-jähriger Leser gut mit der Geschichte Schritt halten. Karl Olsberg gelingt es, alles Technische, was Computer betrifft, so zu erklären, dass es auch Jugendliche verstehen.

„Rafael 2.0“ ist ein spannendes Buch, das am Anfang eher wie eine harmlose Kindergeschichte wirkt, nach 40 bis 50 Seiten jedoch fast Qualitäten eines Jugendthrillers bekommt. Karl Olsbergs Jugendroman hat jedenfalls alles, was 11- oder 12-jährige computerbegeisterte Leser mögen: ein bisschen Science-Fiction, einen sympathischen jugendlichen Helden und eine packende Story. Damit dürfte man gerade Jungen, die man sonst nur selten hinter einem Buch findet, zum Lesen bringen. Gut, dass es solche Bücher gibt.

Interessant ist insbesondere die Idee, die dem Buch zugrunde liegt: Forscher auf der Welt arbeiten seit Jahrzehnten daran, Computern eine künstliche Intelligenz mitzugeben – bisher jedoch mit eher mäßigem Erfolg. „Rafael 2.0“ stellt eine wichtige Frage, die sich in dem Zusammenhang ergibt: Könnten sich intelligente Computerprogramme, die sich selbst weiterentwickeln, selbständig machen und somit zu einer Gefahr für die Menschen werden? Auch wenn ein solches Szenario eher in der fernen Zukunft liegt, vielleicht auch gar nicht möglich ist: Dass ein Buch eine technische Entwicklung weiterspinnt, hat seinen Reiz.

Natürlich kann man als erwachsener Leser trotzdem an dem ein oder anderen in „Rafael 2.0“ rummäkeln: Karl Olsberg ist nicht unbedingt jemand, der seine Figuren und die Umgebung sehr genau beschreibt – hier bleibt das Buch eher oberflächlich. Auch kommt das Finale etwas zu schnell daher. Schließlich werden Leser von „System“ bemerken, dass viele Ideen aus dem Erwachsenenbuch übernommen wurden. Doch das ändert nichts daran, dass „Rafael 2.0“ eine Geschichte ist, die man gerne liest und bei der man gut unterhalten wird.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Rafael 2.0“ ist so etwas wie „System“ für 11- bis 13-Jährige, und letztendlich kann man sich darüber freuen, dass damit das Erwachsenenbuch in etwas anderer Fassung auch jugendlichen Lesern zugänglich gemacht wird. Denn das Thema, dass Computer eines Tages so intelligent sein könnten, dass sie die Welt beherrschen, ist zwar nicht neu, aber dennoch packend. Wer über 16 Jahre alt ist, dem würde ich jedoch empfehlen, zum „Original“, also zu „System“ zu greifen.

Es gibt einige Bücher, die man Lesemuffeln knapp über 10 Jahren (das sind leider besonders oft Jungen!) an die Hand geben kann. Dazu gehören die Artemis-Fowl-Bücher von Eoin Colfer, dazu gehören Andreas D. Hesses „Arcan-Virus“ und die Bücher von Thomas Feibel. All das sind unterhaltsame Bücher, die spannend und trotzdem nicht trivial sind. Alles in allem freue ich mich darüber, dass mit Karl Olsbergs Buch ein weiterer Jugendroman in diese Liste aufgenommen werden kann.

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(Ulf Cronenberg, 03.02.2011)

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Kommentare (0)

  1. Christoph Enzinger

    Lesemuffeln knapp über 10 Jahren kann man getrost Bücher von Andreas Eschbach in die Hand geben: „Perfect Copy“, „Das Marsprojekt“ (5 Bände) und ab 13 dann auch „Black Out“. Und natürlich die Bücher von Frank Cottrell Boyce. Sehr cool auch „Operation Red Jericho“ von Joshua Mowll.

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  2. Christoph Enzinger

    Jetzt habe ich auch „Rafael 2.0“ gelesen.
    Spannende, überraschende, intelligente Ideen (etwa zwei KIen miteinander zu konfrontieren), dazwischen aber etwas plumpe Philosophierereien und etwas gewollte „Wissensvermittlung“. Liest sich gut, aber die Bücher und Filme, an die ich während des Lesens dachte, gefielen mit besser: „Matrix“, „WarGames – Kriegsspiele“, „Der futurologische Kongress“ von Stanislaw Lem, „Black out“ von Andreas Eschbach, „iBoy“ von Kevin Brooks.

    An „Rafael 2.0“ fand ich schwach, dass die Handlungsstränge oft nur skizziert sind.
    Unglaubwürdig fand ich wie rasch sich Michael davon überzeugen lässt, Raf2 nicht abzuschalten. Es liest sich wie die Kurzfassung eines anderen Buchs – was es aber offenbar auch ist.

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