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Buchbesprechung: James Roy „City – down under“

roy_cityLesealter 15+(Gerstenberg-Verlag 2014, 283 Seiten)

James Roys neues Jugendbuch „City – down under“, bereits Ende Januar 2014 erschienen, ist mir doch glatt durch die Lappen gegangen – nach dem fulminanten Vorgänger „Town – Irgendwo in Australien“ (das auch für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2011 nominiert war) war klar, dass ich das nächste Buch des Autors auch lesen will. Und nun, mit einem halben Jahr Verspätung habe ich das Buch doch noch „gefunden“ – und mir auch gleich vorgenommen  …

Knapp 15 Kurzgeschichten, eingeteilt in drei Episoden, dazwischen drei Gedichte und eine kurze Rahmenstory, die jede Episode einleitet – so ist das Buch aufgebaut. „City – down under“ ähnelt in vielem „Town“: Wieder spielen die Kurzgeschichten in einer nicht benannten australischen, wahrscheinlich fiktiven Großstadt, wieder gibt es einige Figuren, die in mehreren Geschichten auftauchen (Hauptfiguren aus einer Geschichte dann aber immer nur als Randfigur in einer anderen), und wieder handeln die Storys von besonderen Begegnungen und Erlebnissen im Leben von Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Da gibt es Hugh, der beim Speed-Dating Lily kennenlernt, Dylan, der das Haus der Familie niederbrennen sieht und Angst hat, dass seine Mutter sich noch in dem Haus aufhält. Mitch und Jase versuchen Chunk, der sich mit einem Libanesen angelegt und damit in eine brenzlige Situation gebracht hat, rauszuhauen und geraten selbst in die Klauen von Ganoven. Fliss ist unterwegs zu einem Talentabend, wo sie ihre selbstverfassten Gedichte erstmals einem Publikum vorstellen will, und die schwangere Josie begegnet einem Schriftsteller, der einen ihrer Texte liest, von ihm begeistert ist und ihr Segen und Fluch eines solch großen Talents erläutert. Zusammengehalten werden die Geschichten unter anderem auch dadurch, dass die Figuren in der Stadt immer wieder auf Kurzgedichte eines anonymen Schreibers stoßen, der seine Werke auf öffentliche Gebäude und Gegenstände kritzelt. In der abschließenden Geschichte kommt der Schreiber dann selbst zu Wort …

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Geschichten in „City – down under“ (Übersetzung: Anja Malich) haben mich von den Socken gehauen – oder um es sachlicher auszudrücken: Sie haben mich fasziniert und in ihren Bann gezogen. Natürlich ist das Konzept, das dem Buch zugrunde liegt, nicht ganz neu, aber James Roy hat es immerhin bei sich selbst entlehnt (auch wenn es zugleich an filmische Vorbilder wie „Short Cuts“ erinnert). Obwohl es schwer ist, die „Town“-Geschichten, die ich vor vier Jahren gelesen habe, mit denen von „City“ zu vergleichen: Mir scheint James Roy noch einen Tick reifer geworden zu sein: Seine Geschichten wirken noch pointierter.

Als Leser wird man bei den Short Storys eigentlich immer mitten in irgendwelche Lebensepisoden geschmissen und braucht manchmal ein paar Seiten, um sich zu orientieren – wie das bei Kurzgeschichten eben oft so ist. Es gibt Geschichten, bei denen man den Namen des Erzählers oder der Erzählerin gar nicht erfährt, andere sind personal in der Er-Form geschrieben … Was die Geschichten vereint, ist, dass sie von besonderen Lebenssituationen handeln: Momente, in denen sich jemand etwas traut, Augenblicke, die im weiteren Leben eine Rolle spielen werden, Situationen, wo man jemand Neuen kennenlernt und noch nicht weiß, ob sich das Leben dadurch ändern wird …

James Roy lässt in seinen Geschichten viele Leerstellen: Ein Großteil der Vorgeschichte seiner Figuren bleibt im Dunkeln, nur manches wird angedeutet, und auch bei der zwingenden Frage, wie es für die Hauptfigur weitergeht, bleibt man oft in der Luft hängen. Doch das muss so sein: Die Geschichten hätten nicht diese Tiefe, wenn sie alles erzählen würden, sie hätten nicht diesen Reiz, wenn sie nicht so schlaglichtartig geschrieben wären. Ja, manchmal tut es fast weh, wenn man den letzten Satz gelesen hat, weil man sich gerade an eine Figur gewöhnt hat und unbedingt wissen will, wie es weitergeht … Es ist die Intensität, mit der James Roy die besonderen Momente beschreibt, die es einem schwermacht, die Figuren wieder loszulassen.

Will man das Geheimnis dieses Buchs weiter entschlüsseln, so muss man James Roy außerdem attestieren, dass er nicht nur verschiedenen Figuren verschiedene Stimmen geben kann, sondern dass er darüber hinaus auch brillante Dialoge schreibt und es versteht, die Gefühle seiner Figuren zu transportieren. Wie zum Beispiel Lauren und Teddy, die sich in einem Plattenladen über ein Lied kennenlernen, umeinander kreisen, ist einer der Höhepunkte des Buchs. Beide erzählen abwechselnd, wie ihr Kennenlernen fortschreitet – und dabei wird deutlich, wie sich die Faszination am anderen einerseits, die Angst und die eigene Verletzlichkeit andererseits die Waage halten.

Fazit:

5 von 5 Punkten. James Roy ist ein Meister der Kurzgeschichten – anders kann man es nicht sagen. „City – down under“ ist ein Buch, über das ich immer wieder gestaunt habe, das von so vielem erzählt: von den Wünschen und Träumen Jugendlicher, von ihren Ängsten, von Lebenssituationen, die sie überfordern, von Freundschaften und deren Ende … Dass die Geschichten immer wieder miteinander verwoben sind, macht sie zudem spannend, auch wenn es schwer ist, sich durch den Dschungel der englischen, oft gleichklingenden Vornamen – Jay, James, Jase, Jeff, Jenga, Jonno, Jeremy, Josie (auffällig viele „J“ wie im Vornamen des Autors) – zu schlagen.

Für mich ist „City – down under“ ein Kleinod, ein Buch, das man nicht nach dem ersten Mal weglegt und nie mehr zur Hand nimmt, sondern in das man mehrmals schauen sollte. Und ich kann nur sagen: Lest dieses Buch.

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(Ulf Cronenberg, 29.08.2014)

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Lektüretipp für Lehrer!

Man muss aufgrund der Buchbesprechung oben wahrscheinlich gar nicht mehr groß begründen, warum es sicher spannend ist, in einer 9. oder 10. Klasse James Roys Kurzgeschichtensammlung zu lesen. Sicher, nicht jeder Schüler, nicht jede Schülerin wird sich an jeder Geschichte erfreuen können – aber es sollte für jeden etwas dabei sein. Die offenen Enden der Geschichten mögen für viele Leser auch eine Zumutung sein – aber zugleich ist deren Fortführung natürlich ein willkommener kreativer Schreibanlass …

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