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Buchbesprechung: Joyce Carol Oates „Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe“

oates_dingeLesealter 14+(Hanser-Verlag 2014, 267 Seiten)

Einige Jahre ist es her, dass von der amerikanischen Autorin Joyce Carol Oates, die inzwischen 76 Jahre alt ist, ein Jugendroman erschienen ist – schade, denn ihre bisher vier Jugendbücher waren alle psychologisch dichte und packende Bücher, die etwas Faszinierendes, aber der brisanten Themen wegen immer auch etwas unterschwellig Beunruhigendes hatten. „Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe“, Oates‘ neuer Jugendroman, wurde auch erst zwei Jahre nach dem Erscheinen in den USA übersetzt, was mich etwas gewundert hat. Gespannt war ich in jedem Fall sehr auf das Buch …

Inhalt:

Die Quaker Heights Day School ist eine angesehene Privatschule in der Nähe von New York, und Marissa zählt zu den besten Schülerinnen dort. Ihre Noten sind hervorragend, die Lehrer schätzen ihre fundierten Kommentare, und so wundert sich niemand, als Marissa schon vor Ablauf des letzten Schuljahres Bescheid bekommt, dass sie an der angesehenen Brown University aufgenommen wird.

Doch nachdem die Marissa erst einmal eine Woche in Hochstimmung ist, kommt sie außer Tritt: Ihr Vater, der sich zunehmend zurückgezogen hat – angeblich weil er beruflich so eingespannt ist –, verkündet, dass er von zu Hause ausziehen wird, um etwas Abstand von seiner Frau zu bekommen. Weder Marissas Mutter noch Marissa selbst trauen sich zu fragen, ob er eine andere Frau kennengelernt hat.

Marissa zieht die Situation zuhause herunter, Entlastung verschafft ihr das heimliche Ritzen, von dem niemand etwas weiß. Und auch in der Schule beginnt sie nachlässig zu werden. Immer wieder muss sie auch an Tink, ihre Freundin, denken, die vor nicht so langer Zeit an die Quaker Heights gekommen war und vor kurzem Selbstmord begangen hat. In Tagträumen spricht Marissa sogar mit Tink, die ihr erscheint … Tink war überhaupt nicht angepasst, hat sich nicht um die Meinung anderer gekümmert und infolgedessen gemacht, was sie wollte – allerdings hatte sie auch einen großen Packen Probleme.

Bewertung:

„Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe“ (Übersetzung: Brigitte Jakobeit) ist ein eigenwilliges Buch, das schwer zu fassen ist. Der Roman besteht aus drei Teilen: Im ersten Abschnitt ist Marissa die Hauptfigur, im zweiten Teil geht es um Tink und ihre Zeit an der Quaker Heights, Part drei handelt von Nadia, einem etwas dickeren Mädchen, das Tink auch als ihre Freundin bezeichnet und das immer wieder an Tink denken muss. So richtig zusammen fügen sich diese Teile nicht, ja, man könnte fast sagen, dass hier drei Geschichten versammelt sind, die durch Tink als zentrale Figur, die zweimal aber nur im Hintergrund steht, zusammengehalten werden.

Doch nicht nur aufgrund dieses Aufbaus ist „Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe“ ein eigenwilliger Jugendroman – Abschnitt eins über Marissa ist auf den ersten Seiten seltsam unflüssig und berichthaft (man könnte fast sagen: hölzern) geschrieben. Ich fand das irritierend, weil der Einstieg in das Buch durch den gestörten Lesefluss, der daraus resultiert, ziemlich erschwert wird. Nach 30 oder 40 Seiten löst sich dieser Schreibstil jedoch langsam auf und das Buch liest von da ab flüssiger …

Ein gewisses irritierendes Moment bleibt jedoch weiterhin bestehen – allein schon, weil Marissas Geschichte nicht richtig zuende geführt wird und das Mädchen ab dem zweiten Teil (übrigens in einer seltsamen Wir-Form geschrieben) nur noch Nebenfigur ist. Erst im dritten Teil erfährt man fast nebenbei, dass Marissa sich nach dem Auszug ihres Vaters wieder gefangen hat.

Die Teile über Marissa und Nadia sind Geschichten, die davon berichten, wie zwei Mädchen eine Krise überwinden, und Tink ist die Person, die es beiden – so würde ich das interpretieren – ermöglicht, besser zu sich selbst zu stehen: Denn Tink hat mit ihrer unbequemen, manchmal verqueren Art vorgelebt, dass man sich nicht um die Meinung anderer kümmern sollte – auch wenn Tink zugleich immer ein Verstecksspiel um ihre wahre Identität gespielt hat. Ein Vorbild, das zugleich kein Vorbild ist …

Es geht im Buch – das sagt ja auch der Titel – immer wieder um Dinge, die nicht ausgeprochen wurden. Die Meisterin der Geheimnisse ist Tink, die kaum etwas über ihre bewegte Vergangenheit (Kinderstar im Fernsehen, Vater unbekannt, Mutter Schauspielerin) verrät. Doch letztendlich haben auch Nadia und Marissa ihre Geheimnisse – das Buch erzählt nicht nur nebenbei vom Anpassungsdruck, dem Mädchen heute ausgesetzt sind: Man muss auf seine Figur achten, man darf sich keine Schwächen erlauben, muss nett und adrett sein, darf nicht zu viel von sich preisgeben etc.

Auch wenn Joyce Carol Oates‘ neues Buch in vielem sperrig ist: Gekonnt sind auch diesmal wieder die psychologischen Aspekte ausgeführt. Die Figuren sind gut beschrieben, dabei jedoch nie erschöpfend. Es bleibt Ungesagtes, es gibt Dinge, die man zwischen den Zeilen lesen muss, die nicht explizit im Text stehen, aber irgendwie eben doch vorhanden sind. Hier zeigt sich wieder einmal Oates’ Klasse.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Mit seiner Eigensinnigkeit ist „Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe“ bestimmt kein Buch, das man sofort ins Herz schließt, aber es ist dafür ein Buch, das man nicht so schnell vergisst, wenn man sich darauf einlässt. Joyce Carol Oates hat stringentere und eingängigere Jugendromane geschrieben, Bücher, die einen schneller in den Bann ziehen. Trotzdem hat mir „Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe“ gefallen – nicht sofort, sondern nach längerer Einlesezeit und nachdem ich gründlicher über das Buch nachgedacht habe.

Joyce Carol Oates‘ neues Jugendbuch ist ein Roman, den vor allem Mädchen lesen dürften – Jungen tauchen nur als Nebenfiguren auf … Das Buch thematisiert gekonnt, was Mädchen heute zu schaffen macht, was sie beschäftigt, worunter sie leiden – und das mit großer Nähe zu den Figuren, ohne zugleich eine wohltuende thematische Distanz aufzugeben. Und es erzählt auch schonungslos, wie ein Mädchen sich durch selbstverletztendes Verhalten Erleichterung zu verschaffen versucht. „Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe“ ist kein Wohlfühlbuch, kein Buch, das man schnell mal liest und vergisst, sondern ein Buch, bei dem man immer wieder mal innehalten muss.

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(Ulf Cronenberg, 27.08.2014)

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Kommentar (1)

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