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Buchbesprechung: James Roy „Town – Irgendwo in Australien“

Cover RoyLesealter 14+(Gerstenberg-Verlag 2010, 287 Seiten)

Bücher mit Kurzgeschichten und Erzählungen sind immer etwas schwierig zusammenzufassen – von daher verzichte ich auch bei „Town – Irgendwo in Australien“, einem Jugendbuch des australischen Autoren James Roy, auf eine explizite Inhaltsangabe. Das schon mal vorab …

„Town“ ist eine Sammlung von 13 Erzählungen, die zum einen jeweils einem Monat im Jahr, zum anderen je einem Jugendlichen, um den es geht, zugeordnet sind. Der Reigen der Geschichten beginnt im Februar, wenn in Australien das Schuljahr beginnt, und endet ein Jahr später im gleichen Monat.

Manchen der Jugendlichen begegnet man in dem Buch mehrmals. Da erzählen sie selbst als Hauptfigur in einer Geschichte eine Episode aus ihrem Leben, während sie in anderen Erzählungen dann als Randfigur wieder auftauchen oder nur in einem Nebensatz einmal erwähnt werden. Gemeinsam ist den Geschichten, dass sie in einem eher langweiligen fiktiven Städtchen spielen und dass einige der Hauptfiguren dort auf die gleiche Schule gehen. So werden die Erzählungen „zusammengehalten“.

Ganz unterschiedlich sind die Geschichten – sowohl inhaltlich als auch in Bezug auf den Erzählstil. Die erste Geschichte beginnt damit, dass ein Junge erzählt, wie er sich gleich am ersten Tag in eine neue Mitschülerin verliebt, die sich dann jedoch gar nicht als Mitschülerin entpuppt. Oder später berichtet eine Geschichte von einem Dinka-Jungen (die Dinka sind ein afrikanisches Volk im Sudan, wo Jahrzehnte lang ein Bürgerkrieg wütete), der in Australien Fuß zu fassen versucht, nachdem seine Eltern im Bürgerkrieg umgebracht wurden. Einen ganzen Reigen solcher Jugendschicksale enthält James Roys Buch.

Bewertung:

Die Idee für ein solches Episoden-Buch ist natürlich nicht ganz neu, im Jugendbuchbereich ist sie jedoch eher selten vorzufinden. Ansonsten gibt es literarische, vor allem aber auch filmische Vorbilder, die ähnlich aufgebaut sind.

James Roy zeichnet mit seinen 13 Geschichten das Bild einer australischen Kleinstadt, die nicht gerade Aufsehenerregendes zu bieten hat. Die Jugendlichen langweilen sich – das Leben ist gleichzeitig oft gnadenlos, wenn Geschwister sterben oder ein Mädchen fast vergewaltigt wird. Vom Hörensagen kennt man einander außerdem – da ist natürlich viel Raum für Gerüchte, und einige der Figuren haben ziemlich darunter zu leiden, was über sie erzählt wird.

„Town – Irgendwo in Australien“ ist nicht unbedingt wort- und bildreich geschrieben (Übersetzung: Stefanie Schaeffler), sondern fällt eher durch einen kargen und schnörkellosen Stil auf. Der Schreibstil passt sich – das ist sicher die Absicht dahinter – sehr gut an die Jugendlichen an, die die Geschichten aus ihrer Sicht erzählen. Der oben schon erwähnte afrikanische Junge verwendet zum Beispiel einen eher einfachen Wortschatz und macht auch Grammatikfehler. Über den ersten bin ich erst einmal gestolpert, bis ich gemerkt habe, dass das ein Stilmittel ist. Es ist jedoch genau das, was James Roys Buch zugleich so ehrlich und authentisch macht: An keiner Stelle wirken die Geschichten gekünstelt, sondern ihr Stil passt zu den Jugendlichen, die erzählen.

Ich kann mir vorstellen, dass das Episodenhafte und das offene Ende vieler Geschichten für manche Leser eine Zumutung darstellen – ja, und auch ich hätte bei einigen Geschichten sehr gerne gewusst, wie sie weitergehen. Aber zugleich hat das dazu geführt, dass ich mehrere Geschichten ausgelesen hatte und sie mir einfach nicht aus dem Kopf gegangen sind. Irgendwie sind die nicht abgeschlossenen Geschichten einerseits fast eine Zumutung – andererseits machen jedoch gerade sie auch einen Teil der Faszination dieses Buches aus.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Auf den ersten Seiten war ich von „Town – Irgendwo in Australien“ etwas enttäuscht. Wie üblich hatte ich den Buchrücken nicht gelesen, um unvoreingenommen an das Jugendbuch heranzugehen – doch als ich die zweite Geschichte (von der ich da noch dachte, dass sie ein zweites Kapitel ist) begonnen und bemerkt hatte, dass der überraschende Schluss von Geschichte eins nicht fortgeführt wird, war ich erst einmal enttäuscht. Es dauerte ein bisschen, bis ich mich an die episodenhafte Anlage des Buches gewöhnt hatte.

Doch je weiter ich mit den Geschichten gekommen bin, desto begeisterte war ich davon. Figuren kommen und gehen in dem Buch, manche verschwinden, andere tauchen wieder auf – am Ende hat man sich in das kleine Kaleidoskop über Jugendliche, die in einer australischen Kleinstadt leben, eingelesen und vermisst die Protagonisten, mit denen man mitgefühlt hat. „Town“ überzeugt nicht von der ersten Seite an, sondern wird von Seite zu Seite sympathischer. Und am Ende habe ich das Buch mit dem Gefühl aus der Hand gelegt, dass ich die Geschichten noch einmal lesen muss, um die Querverbindungen zwischen den Figuren besser zu erfassen. Wenn man sagen kann, dass man sich auf das zweite Lesen freut – kann man einem Buch ein größeres Kompliment machen?

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(Ulf Cronenberg, 27.06.2010)

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