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Buchbesprechung: Stefanie Höfler „Bis der Regen Feuer fängt“

Cover: Stefanie Höfler „Bis der Regen Feuer fängt“Lesealter 14+(Beltz & Gelberg 2026, 315 Seiten)

Es hat lange gedauert, bis Stefanie Höfler nach ihrem letzten Jugendbuch „Feuerwanzen lügen nicht“ den nächsten Jugendroman vorgelegt hat. 3-einhalb Jahre. Dazwischen sind allerdings zwei Kinderbücher von ihr erschienen. Viele ihrer Bücher wurden bereits ausgezeichnet, und sie haben auch mich eigentlich immer überzeugt. Es ging um Themen wie Mobbing und Tod, um Familien und Freundschaften. Mit „Bis der Regen Feuer fängt“ wendet die Autorin sich einem für sie neuem Genre zu: Letztendlich haben wir hier eine Dystopie vorliegen, die irgendwann in den 2060er Jahren spielt.

Inhalt:

Die Klimakrise hat sich zugespitzt; es regnet nur noch äußerst selten. Nicht nur deswegen leben die Menschen in der Zukunft anders. Die Überwachung hat zugenommen und betrifft fast alle Lebensbereiche. Überall sind Videokameras installiert, und mit Körpersensoren werden die Menschen zusätzlich überwacht. Eine ungewohnt hohe Herzfrequenz muss man z. B. begründen, wenn der Körpersensor sie registriert.

Hinter der Schule auf einer Wiese trifft Tonia sich mit Sol, die noch nicht lange in ihre Klasse geht. Der Ort ist nicht zufällig gewählt: Hier sind keine Überwachungskameras installiert. Und Sol, die im Gegensatz zu Tonia gerne quasselt (sich selbst nennt Tonia oft Toni Ohneworte), redet viel auf Tonia ein, schimpft auf das Überwachungssystem, legt ihren Sensor ab und beginnt eine Zigarette zu rauchen. Auch das ist selbstverständlich verpönt. Tonia weiß nicht, was sie von all dem halten soll, aber sie ist fasziniert von Sol, und bemerkt schon bald, dass sie Verliebtheitsgefühle für Sol empfindet. Doch auch das darf eigentlich nicht sein und wird als nonkonformes Verhalten betrachtet.

In Tonias Familie geht es schon seit einiger Zeit drunter und drüber. Ihre Mutter ist depressiv, zieht sich aus dem Leben zurück; schon vorher hat Tonias älterer Bruder Rudi sein fröhliches Wesen abgelegt, sich irgendwann nur noch in seinem Zimmer verkrochen. Vor kurzem ist Rudi dann Hals über Kopf einfach verschwunden und nicht mehr aufgetaucht. Toni und ihre Eltern haben keine Ahnung, wo er sich aufhalten könnte. Und in dieser Situation merkt Toni nach einem Vorfall mit Sol, dass sie so nicht weiterleben kann, und beschließt, selbst – zumindest vorübergehend – abzuhauen. Sie macht sich auf in den Wald jenseits der Stadt, den Rudi so geliebt hat, denn dort kann sie der Überwachung entgehen. Ihren Sensor legt Toni ab und weiß ansonsten selbst nicht so genau, was sie nun vorhat. Ist sie auf der Suche nach ihrem Bruder?

Bewertung:

Ich habe mich gefreut, als vor gut zwei Wochen „Bis der Regen Feuer fängt“ in meinem Briefkasten lag; es gibt Autoren und Autorinnen, da versuche ich, neue Bücher möglichst schnell zu lesen. Stefanie Höfler gehört eindeutig dazu. Überrascht war ich allerdings, als ich mitbekommen habe, dass es sich bei dem neuen Jugendroman um eine Dystopie handelt. Ich war gespannt …

Allerdings ist es mir nicht leichtgefallen, in das Buch hineinzufinden. Ich fand den Prolog, in dem Sol und Toni gemeinsam auf der Wiese liegen und das erste Mal ungestört miteinander sprechen, nicht wirklich sperrig, aber es schwingt da so einiges mit, wofür man noch keine Erklärung hat – doch das haben Prologe ja oft so an sich. Meine Hoffnung war, dass sich dieser Eindruck bald verflüchtigt. Aber nun, nachdem ich das ganze Buch gelesen habe, muss ich feststellen, dass ich mit der Geschichte über die ganzen 310 Seiten nicht so richtig warm geworden bin – aus verschiedenen Gründen.

Erzählt wird „Bis der Regen Feuer fängt“ in der Ich-Form aus der Sicht von Toni(a). Zwischen manchen Kapiteln gibt es außerdem noch in anderer Schrift ab und zu Briefe zwischen zwei Wissenschaftlern, die sich nicht ganz eins sind, wie ihr Projekt weitergeführt werden soll. Später werden die Briefe dann noch ergänzt durch einen Schriftwechsel zwischen Tonis Mutter und einem der Wissenschaftler – und damit ist klar, dass es in der Familie ein Geheimnis gibt, das Rudi betrifft. Anfangs versteht man, worum es in den Briefen geht, nur recht vage; erst später ergibt sich daraus im Zusammenhang mit der sonstigen Geschichte, ein einigermaßen schlüssiges Gesamtbild. Nur so viel sie verraten: Die beiden Wissenschaftler arbeiten daran, den Regen zurückholen zu können, und hierbei spielen mehrere Jugendliche, die sogenannten Regenkinder, als Versuchspersonen eine Rolle.

Neben Toni und Sol (und am Rande Tonis Eltern) zu Beginn treten später noch andere Figuren auf – ihnen begegnet Toni im Wald, und auch sie haben etwas mit den Machenschaften der Wissenschaftler zu tun. Toni ist noch am ehesten die Figur, der man als Leser/in nahekommt, deren Gefühle und Beweggründe man kennen und verstehen lernt; doch den anderen Figuren gegenüber ist immer eine Distanz bestehen geblieben. Das ist etwas, was ich von den anderen Büchern Stefanie Höflers so gar nicht kenne.

Doch es sind nicht nur die Figuren, mit denen ich gefremdelt habe; es ist auch die Geschichte an sich. Das Szenario, dass zwei Wissenschaftler verborgene und verbotene Experimente durchführen, um es wieder regelmäßig regnen zu lassen, fand ich wenig schlüssig. Ich will das hier nicht weiter ausführen, weil ich sonst potenziellen Leser/inne/n zu viele Details verraten würde; aber die Experimente sind weit hergeholt und bleiben in ihrer Beschreibung blass; und dass gerade in einer hochüberwachten Gesellschaft solche Machenschaften im Verborgenen passieren können, ist für mich nicht wirklich plausibel.

Dass „Bis der Regen Feuer fängt“ sprachlich ausgefeilt ist, zählt zu den Pluspunkten des Romans. Stefanie Höfler weiß sehr gut, Stimmungen und Situationen zu beschrieben; auch die Umgebungen sind so geschildert, dass man sich als Leser/in alles sehr gut vorstellen kann. Das ist alles so weit stimmig, doch es ist allein nicht ausreichend als Leseanreiz, wenn der Plot zu viele Schwächen hat.

Fazit:

3 von 5 Punkten. Man kann „Bis der Regen Feuer fängt“ sowohl mit anderen Dystopien als auch mit den bisherigen Jugendromanen von Stefanie Höfler vergleichen. Und in beiden Fällen zählt der neue Roman leider nicht zu den besten Büchern. Ja, das ist recht deutlich formuliert; aber mich hat gestört, dass mir das Buch nicht nahe- und auch nicht nachgegangen ist. Es hat mich weder in Bezug auf die Spannung und auf die Figuren noch in Bezug auf die Zukunftsdarstellung richtig überzeugt. Richtig Spannung und damit der Wunsch, an der Geschichte dranbleiben zu wollen, um zu erfahren, wie es weitergeht, kam für mich erst im letzten Drittel auf – und das finde ich etwas spät …

Vermutlich ist eine Dystopie nicht das passende Genre für Stefanie Höfler; jedenfalls führt die Grundidee im Buch dazu, dass sie ihre sonstigen Stärken – u. a. die Darstellung von Familiendynamiken – nicht ausspielen kann. Und meine Vermutung wäre, dass der Autorin selbst ein bisschen das Andocken an einer Geschichte in der Zukunft und an einer Vorstellung des Lebens in gut 40 Jahren schwergefallen ist. So hat es jedenfalls auf mich gewirkt. Schade, ich habe das Buch etwas enttäuscht aus der Hand gelegt. „Bis der Regen Feuer fängt“ ist ein Buch voller Geheimnisse, die immerhin gut aufbereitet präsentiert werden. Und es gibt sicher Leser/innen, die es mehr als ich zu schätzen wissen, sie lesend zu ergründen.

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(Ulf Cronenberg, 03.04.2026)


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