
(Rotfuchs-Verlag 2026, 267 Seiten)
Es freut mich sehr, dass Nils Mohl inzwischen doch nicht nur alle paar Jahre ein Jugendbuch veröffentlicht – so war das längere Zeit. Sein letzter Jugendrom „Engel der letzten Nacht“ ist jedenfalls erst ein Jahr her, und auch wenn das Buch durchaus anspruchsvoll angelegt war, so hat es mir sehr gut gefallen – wie eigentlich so gut wie alle Jugendromane von Nils Mohl. Das Cover von „Pepper“ fußt übrigens wie beim letzten Buch auf einer Illustration des Hamburger Streetart-Künstlers Brozilla. Doch nun Vorhang auf für das Buch …
Inhalt:
Pepper wächst allein bei ihrer Mutter, die Politikerin ist, sich aber stets um sie zu kümmern versucht, auf, und sie weiß absolut gar nichts über ihren Vater: weder dessen Namen noch sonst etwas. Schon seit langem schreibt sie ihn quasi in einem Notizbuch an, stellt ihm Fragen, stellt Vermutungen über ihn an, ohne zu wissen, ob ihre Mutter das Geheimnis, wer ihr Vater ist, jemals lüften wird.
Was Pepper immer wieder merkt, ist, dass sie sich anders fühlt und anders benimmt als Gleichaltrige. Sie hat eine Jahrgangsstufe übersprungen, und außer August, einem etwas älteren Jungen, der als Straßenmusiker unterwegs ist und dem sie Nachhilfe gibt, hat sie nicht wirklich Freunde. Doch dann passiert das völlig Unerwartete: Ihre Mutter gibt den Namen ihres Vaters preis, und sofort stellt Pepper Recherchen an.
Dass ihr Vater Sänger der früher bekannten Rockband „Kimme & Popkorn“ war, überrascht sie. Allerdings ist der Erfolg der Band schon eine Weile her, und Pepper erfährt, dass Uli Kimme, wie ihr Vater heißt, nach wie vor mit zwei Bandmitgliedern in einer WG in Hamburg lebt. Es gelingt ihr nicht nur, die Adresse von ihm ausfindig zu machen, sondern als sie erfährt, dass in der WG ihres Vaters ein Zimmer frei wird, bewirbt sie sich kurzerhand – jedoch ohne zu sagen, dass sie Kimmes Tochter ist … Kurze Zeit drauf zieht sie in der WG ein – weiterhin mit diesem Geheimnis.
Bewertung:
Im Nachwort schreibt Nils Mohl, dass die ersten Ideen für die Geschichte um Pepper schon vor mehr als zwei Jahrzehnten entstanden sind, dass der Roman allerdings nach einer Zwischenphase längeren Arbeitens (um 2015 herum) dann erst nach dem Tod seines Vater an Krebs im Jahr 2018 richtig ins Rollen gekommen sei. „Pepper“ erzählt – passend dazu – davon, wie ein Mädchen sich damit auseinandersetzt, wer und wie ihr Vater ist – zugespitzt dadurch, dass Pepper ihn erst kennenlernt, als sie 17 Jahre alt ist.
Der Roman beginnt eher distanziert, weil er in den ersten Kapiteln kursorisch und schlaglichtartig aus dem Kinder- und Jugendleben der Hauptfigur berichtet. Ich war ein wenig verwundert über den Ton, den Nils Mohl hier anschlägt, und mir war nicht so ganz klar, wo das hinführen würde. Doch irgendwann kommt der Roman in der erzählten Gegenwart an, Figuren wie Jasmin, die Mutter Peppers, August, Peppers bester Freund, und später Kimme und seine Mitmusiker treten in die Geschichte ein. Spätestens von da an fiebert man richtig mit.
Die Figur Peppers hat mich immer wieder an Kester aus „Engel der letzten Nacht“ erinnert. Beide sind Überflieger in der Schule, beide sind nicht wirklich mit Gleichaltrigen befreundet, und beide stehen mit einem Gefühl von Fremdsein im Leben. Pepper hat allerdings immerhin ihre Mutter, von der sie sich gerade abnabelt, die ihr aber – das spürt man im Buch immer wieder – wichtig ist. Es gibt da übrigens eine berührende Szene, als Pepper später im Buch dringend Halt braucht und Jasmin aufsucht, die als Politikerin gerade mitten im Wahlkampf steckt und von Termin zu Termin hetzt. Und Jasmin? Wie reagiert sie? Sie teilt ihrem Wahlkampfmanager lapidar mit, dass für heute alle Termine gestrichen seien, und für den Rest des Tages ist Jasmin für ihre Tochter da, weiß sie gut zu trösten. Gut so!
Raffiniert gemacht ist es schon, wie dann Peppers Vater Uli Kimme ins Buch kommt und wie sich die Beziehung zwischen ihm und Pepper ausgestaltet. Lange – da wohnt sie längst in der WG ihres Vaters – verrät sie nicht, wer sie ist. Pepper will wissen, ob sich zu Uli Kimme auch ohne den Tochterbonus eine Beziehung aufbauen lässt, ob er sie mag. Das ist irgendwie ein Schnapsidee von Pepper, die aber erzähltechnisch zugleich einiges bietet. Es braucht schließlich eine Katastrophe, durch die Kimme erfährt, dass Pepper seine Tochter ist.
Überhaupt: Uli Kimme. Eine schillernde Person ist er: oft selbstbezogen bis narzisstisch, wie man als Frontmann einer Rockband wohl sein muss; oft auch abweisend und distanziert, sein Ding durchziehend, so dass es Pepper schmerzt; dann aber wieder auch mal nahbar – allerdings in seltenen Momenten. Verlässlicher wird Kimme erst, als er weiß – und das ist durchaus nachvollziehbar –, wen er mit Pepper vor sich hat.
Was mir an „Pepper“ jedenfalls (wie schon an den anderen Jugendromanen von Nils Mohl) gefällt, ist zum einen Nils Mohls Gespür für Dramaturgie. Es gibt mehrere Szenen im Buch (wenn auch etwas weniger als in „Engel der letzten Nacht“), die sich wie Filmszenen ins Gedächtnis brennen (dass ich sie, um nicht zu spoilern, hier nicht anführe, sei mir verziehen) … Zum anderen mag ich Nils Mohls Dialoge und die elaborierte Sprache, die sich durch das ganze Buch zieht. Es sind vor allem die Schilderungen von Stimmungen, der Umgebung und von Gefühlslagen, die mich immer wieder begeistern:
„In der City Süd donnert die S-Bahn über eine Hochtrasse. Sie kreischt an den oberen Etagen von traurigen Bürotürmen und einfallslosen Glaspalästen vorbei. […] Ein scharfer Wind zieht durch die Straßenschneisen, Plastiktütchen und Laub wirbeln am schattigen Boden herum. Ich bin hier mit August und seinen Leuten verabredet, und der Bulli ist inmitten dieser Landschaft aus schrecklich grauer und schon lange nicht mehr moderner Arbeitsghetto-Architektur wie ein kleiner hoffnungsfroher Farbfleck.“ (S. 180)
In diesem Stil geht es noch länger weiter, und die Schilderungen geben einem das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen. Man kann fast willkürlich in den Roman schauen und findet ähnlich gut ausgedrückte Stimmungsbilder. Oft fällt mir auf, dass Autoren sich zu wenig Mühe geben, das Außenrum lebendig werden zu lassen – bei Nils Mohl passiert das nicht, und irgendwie spiegelt die Welt um die Figuren dann auch immer deren Inneres wider. Da passt alles zusammen.
Was nicht fehlen darf, ist in „Pepper“ eine kleine Selbstreferenz – diesmal kommt anders als in „Engel der letzten Tage“ nicht Nils Mohl selbst als Figur vor, sondern sein Jugendroman „Henny und Ponger“, den ein Jugendlicher in der S-Bahn liest, wird indirekt durch die Beschreibung des Buchumschlags erwähnt. Nicht nur hier spürt man, dass Nils Mohl beim Schreiben des Buchs Spaß hatte. Für das Buch mehrere Liedtexte von Kimme & Popcorn zu verfassen (sie stehen oft Kapiteln voran), am Ende des Buchs sogar die Titel und Playlists der fünf Kimme-&-Popkorn-Alben (inklusive LP-/CD-Cover) aufzulisten – das ist schon eine coole Idee; und das sind Details, die das Buch abrunden und zusätzlich ausmachen.
Fazit:
5 von 5 Punkten. Für mich ist und bleibt Nils Mohl auch mit „Pepper“ einer der besten Jugendbuchautoren, die wir in Deutschland haben. Man muss – und das gelingt sicher nicht allen jugendlichen Leser/inne/n – seinen ausgefeilten Stil, man muss die besonderen Figuren in seinen Büchern mögen können … Es sind keine Eintagsgeschichten, die man liest, sondern man hält etwas auf allen Ebenen Zugespitztes in der Hand: in Bezug auf die Figuren, die Storyentwicklung und die Dialoge. Ich habe eindeutig ein Faible dafür, und es ist unterhaltend, was man als Leser/in bekommt – aber es ist mehr: Es geht um essenzielle Themen, von denen Jugendliche, die über das Leben nachdenken, durchaus gepackt werden können. Das zentrale Thema in „Pepper“ ist das Verhältnis zwischen Tochter und Vater – aber es steckt mehr in dem Roman.
Nach gut 250 Seiten legt man „Pepper“ jedenfalls aus der Hand, würde gerne wissen, wie es mit Pepper und den anderen Figuren weitergeht. Man hat beim Lesen viele Figuren liebgewonnen, lässt sie nicht gerne gehen – seien es Jasmin, Peppers Mutter, Kimme, August oder die schrille Tissy. Es hätte durchaus Charme, wenn die Geschichte Peppers fortgeführt wird – das Ende lädt, finde ich, geradezu dazu ein.
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(Ulf Cronenberg, 04.03.2026)
P. S.: Eine vorangestellte Doppelseite mit Lobpreisungen auf den Autor und seine Bücher sowie einer Auflistung literarischer Auszeichnungen – lieber Verlag, muss das sein? Trotz aller Begeisterung für die Bücher von Nils Mohl – das ist mir dann doch zu viel. Es hätten auch drei wohlwollende Zitate auf dem Buchrücken getan.
Lektüretipp für Lehrer!
Ok, eine einfache Lektüre ist „Pepper“ sicher nicht – ich würde sie am ehesten in der 10. Jahrgangsstufe eines Gymnasiums verorten. Aber mit einer literarisch interessierten Klasse, einer guten Deutschlehrkraft könnte man doch einiges aus „Pepper“ herausholen.
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