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Buchbesprechung: Stefanie Höfler „Feuerwanzen lügen nicht“

Cover: Stefanie Höfler „Feuerwanzen lügen nicht“Lesealter 13+(Beltz & Gelberg 2022, 232 Seiten)

Ein neues Jugendbuch von Stefanie Höfler ist für mich Pflichtlektüre. Alles, was ich bisher von der Autorin, die im Schwarzwald lebt, gelesen habe, hat mich überzeugt – das galt vor allem für das erste Buch, das ich von ihr kennengelernt habe: „Tanz der Tiefseequalle“. Wie sie dort den zwei Erzählern unterschiedliche Stimmen gegeben hat, war einfach nur bravourös. Ihr neuer Roman, der den ungewöhnlichen Titel „Feuerwanzen lügen nicht“ trägt, hat es auch gleich auf die Liste „Die besten 7“ des Deutschlandfunks geschafft.

Inhalt:

Nits und Micha sind schon lange beste Freunde. Nits, der eigentlich Nityananda heißt, weil sein Vater bei einer Indienreise von einem Guru beseelt war, ist ein recht zappeliger Typ, der es mit Wörter hat und ständig in seinem Kopf dichtet. Micha ist ganz anders: Immer gut angezogen, zu allen höflich und stets nett; und er weiß Kurioses über alle möglichen Tierarten. Es dauert lange, bis Nits merkt, dass bei Micha und seiner Familie einiges im Argen liegt.

Eine seltsame Sache bringt ihn darauf: Micha will partout nicht im Sportunterricht am Schwimmen teilnehmen. Die offizielle Version dem Lehrer gegenüber heißt, dass er im Schwimmband eine schlimme allergische Reaktion zeigt. Eine durchsichtige Ausrede … Doch die muss Micha nun untermauern, und schleppt tatsächlich ein Attest an – von einem Arzt, der einen seltsamen Namen trägt. Und als Nits zufällig bei der Adresse des Arztes vorbeikommt, fehlt von einem Arztschild jede Spur.

Misstrauisch geworden fallen Nits noch weitere Ungereimtheiten auf. Und irgendwann gesteht Micha seinem Freund, als dieser ihn darauf anspricht, dass er keine Badehose habe und dass das Attest natürlich gefälscht sei. Als Micha Nits schließlich sogar mit zu sich nach Hause nimmt – das erste Mal, obwohl sie ja schon lange befreundet sind –, ist Nits entsetzt, wie leer und siffig die Wohnung von Micha, dessen Schwester und seinem alleinerziehenden Vater aussieht. Nits ist beschämt, weil er erst jetzt mitbekommt, dass Michas Familie arm ist, dass die angeblich tierforschende Mutter schon vor langer Zeit auf Nimmerwiedersehen die Familie verlassen hat.

Bewertung:

In einem kurzen Nachwort schreibt Stefanie Höfler, was sie zu der Geschichte gebracht hat: dass sie schon länger die Themen beschäftigen, wie unterschiedlich Jugendliche in Deutschland aufwachsen und wie in Deutschland mit Armut umgegangen wird. Für mich persönlich steht dahinter ja noch mehr: Es geht vor allem auch um Bildungschancen – da zumindest ist es jedoch so, dass die Figur Michas als erfolgreicher Schüler im Buch gut dasteht. Im Buch ist geschickt gemacht, dass das Hauptthema dem/der Leser/in nicht gleich präsentiert wird. Vielmehr werden Andeutungen und Anspielungen eingestreut, und mit Nits als Erzähler kommt man als Leser/in erst nach und nach hinter die wohlgehüteten Geheimnisse von Micha und seiner Familie.

Die bis dahin harmonische Freundschaft zwischen Micha und Nits bekommt, als Nits die schlimmen Verhältnisse in Michas Familie, aber vor allem auch dessen Lügengeschichten mitbekommt, einen Bruch. Es dauert etwas, bis Nits Verständnis entwickelt und über seine Enttäuschung hinwegkommt. Nits lernt erst verstehen, warum Micha sich so verhalten hat: Da steht viel Scham dahinter, auch eine Sehnsucht, dass seine Familie anders wäre, als sie ist. Nits begreift dann irgendwann, wie privilegiert er mit seinen Eltern und deren Wohlstand ist. Und schämt sich dann seinerseits fast …

Eine Erweiterung erfährt die Geschichte irgendwann kurz nach der Mitte, weil Nits und Micha zufällig beobachten, wie Michas Vater, der seit kurzem für die Stadtreinigung arbeitet, in einem Park Schwierigkeiten mit anderen Typen hat. Dass da krumme Dinge laufen, liegt auf der Hand, und die beiden – unterstützt von Michas junger Schwester Amy, einer rührigen Kinderfigur – wollen dem auf dem Grund gehen. Was sie sehen, gefällt ihnen nicht. Michas Vater scheint ernsthaft Probleme zu haben und und den falschen Leuten einiges an Geld zu schulden. Und dann ist da auch noch das Jugendamt, das schon einige Zeit einen Blick auf die Familie wirft; die Sorge besteht, dass Micha und Amy in eine Pflegefamilie müssen.

Die Figuren in „Feuerwanzen lügen nicht“ sind – das kennt man schon aus anderen Büchern von Stefanie Höfler – besondere Typen. Unikate. Michas Vater zum Beispiel ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Er kann die Wirklichkeit vergessen machen und entwirft in seinen erfunden Erzählungen, nachvollziehbare Begründungen für Dinge, die anders waren oder falsch gelaufen sind. Micha dagegen weiß sehr viel Kurioses über Tiere und ihre besonderen Fähigkeiten. Angeblich hat er das alles von seiner Mutter, die als Biologin im Dschungel forscht … Aber auch das ist eine Lüge. Nits wiederum ist ein Wortakrobat. Seine Rap-Gedichte über Tiere sind den Buchkapiteln vorangestellt. Einige sind wirklich eingängig, andere waren mir etwas zu banal und ich habe in ihnen vergeblich einen Reiz gesucht …

Was mich an „Feuerwanzen lügen nicht“ jedoch gestört hat, ist das wohlgefällige Ende. Ja, das passt vielleicht zur anvisierten Lesergruppe (laut Beltz & Gelberg „ab 11 Jahre“). Doch ehrlich gesagt, würde ich das Buch eher 2 Jahre älteren Jugendlichen in die Hände legen, denn für mich ist das kein Kinderbuch mehr. Und Leser/inne/n ab 13 Jahren kann man durchaus ein offeneres oder nicht ganz so positives Ende zumuten. Die Wirklichkeit trägt sich in 99 % der Fällen nämlich nicht so rosig zu, wie sie es am Ende im Buch tut.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Stefanie Höfler hat sich in ihrem neuen Jugendroman einem wichtigen Thema zugewandt – einem Thema, das in Deutschland eher tabuisiert wird, vor allem in der Politik aber auch nicht richtig angegangen wird. „Feuerwanzen lügen nicht“ ist gekonnt aufgezogen, aus der Sicht von Nits wird man langsam an das Armutsthema herangeführt und lernt dabei einiges kennen: die Scham armer Menschen angesichts ihrer Situation, die Einschränkungen, weil sie sich vieles nicht leisten können, die Lügen, weil sie aus Scham nicht wollen, dass andere die Armut bemerken.

Erzählt ist die Geschichte von Stefanie Höfler einmal mehr einfühlsam. Auch der Aufbau, weil die Autorin behutsam vorgeht, hat mir gefallen; und die Figuren bleiben einem im Gedächtnis. Aber: Mir gefällt das Ende des Romans nicht. Damit verrät die Autorin irgendwie den Ernst dessen, was Armut bedeutet. Ja, man kann das als hoffnungsvolles Ende ansehen – als Wunschende. Aber die Botschaft darin lautet zugespitzt formuliert: Eine befreundete Familie als Unterstützung, eine engagierte Jugendamtsmitarbeiterin, die Augen zudrücken kann – und schon kann man mit der Armut zurechtkommen. Die krummen Dinge, die Michas Vater aus der Not heraus, gedreht hat, sind aufgelöst und vergessen. Zu schön, um wahr zu sein. Nein, mit diesem Ende sind das Buch und das Thema nicht gut bedient.

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(Ulf Cronenberg, 09.08.2020)

Kommentare (2)

  1. Britta

    Hallo Ulf,
    das Ende des Romans schätze ich anders ein als Du, zumal wenn ich an die Zielgruppe denke. Kinder sollen doch sehen, dass es richtig und unglaublich wichtig ist hinzuschauen, für Freunde da zu sein, sich für sie einzusetzen um (fast) jeden Preis. Und vor allem: Dass es gelingen kann.
    Je nachdem in welchem Umfeld die Lesenden leben, werden sie früher oder später ohnehin erfahren, dass es im echten Leben in sehr vielen Fällen nicht so erfreulich läuft, wie Frau Höfler es erzählt. Außerdem sehe ich das auch aus der Sicht der Buchhändlerin: Mit diesem Ende kann ich das Buch verkaufen. Hätte es ein Ende, wie Du es Dir wünschst, hätte ich Skrupel, es zu verkaufen ohne darauf hinzuweisen. Die wenigsten Erwachsenen (und in der großen Mehrzahl kaufen sie die Bücher für Kinder im entsprechenden Alter) wollen Bücher verschenken, die so hart am Wind segeln.
    Erfahrungsgemäß mögen die wenigsten Kinder und Jugendliche Bücher mit einem offenen Ende und noch weniger mögen sie Bücher mit frustrierendem Ende. Sollen sie dieses Buch lesen und nach der Lektüre denken, dass es Hoffnung gibt, solange sie selbst aufmerksam, hilfsbereit und aufrichtig sind. Das wäre doch gut.
    Liebe Grüße, Britta

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