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Buchbesprechung: Julya Rabinowich „Hinter Glas“

Cover: Julya Rabinowich „Hinter Glas“Lesealter 14+(Hanser-Verlag 2019, 201 Seiten)

Mit „Dazwischen: Ich“ hatte Julya Rabinowich ein Buch geschrieben, das ich sehr bewundert habe: Zur Zeit der großen Flüchtlingswelle war es ein wichtiges Buch, weil es aus der Sicht eines Mädchens beschreibt, wie es ist, aus einem Flüchtlingsland nach Mitteleuropa zu kommen. Sehr genau wurde das Leben zwischen zwei Kulturen beschrieben. Und weil ich den Jugendroman so geschätzt habe, war klar, dass ich den neuen Roman der in Wien lebenden Autorin auch lesen wollte. Darin geht es um ein ganz anderes Thema – das ist sicher auch gut so …

Inhalt:

Alice wächst als Einzelkind in einer ziemlich kaltherzigen Familie. Hinter allem steht vor allem der tyrannische Großvater, der an seinem Sohn, Alice‘ Vater, aber auch an dessen Frau kein gutes Haar lässt. Und weil er reich ist und die Familie immer wieder über Wasser gehalten hat, nutzt er seine Macht aus. Alice ist außerdem ständig krank, scheint jeden Infekt anzuziehen, und auch in der Schule wird sie regelmäßig von den Mitschülerinnen beleidigt. Als „Queen Bazilla“ wird sie der vielen Infekte wegen verspottet.

Doch dann steht Niko, ein neuer Schüler, vor der Klasse – er kommt gerade von einer Weltreise mit seinem Vater zurück, und Niko ist anders als die anderen. Er lässt sich nichts gefallen, und er ist auch der Erste, der Alice gegen die Mitschülerinnen und Mitschüler, die sie mobben, verteidigt. Auf einer Schulfahrt mit Zelt kommen Alice und Niko sich näher und sind schließlich ein Paar. Als Alice es nach einem Streit zu Hause nicht mehr aushält, nimmt Niko sie mit zu sich. Doch nach zwei Nächten ist Nikos Mutter nicht mehr bereit, Alice weiter zu beherbergen. Und so hauen beide ab.

Bei einem erwachsenen Freund von Niko werden sie aufgenommen, und ein komisches Leben beginnt: Zur Schule gehen beide nicht mehr, sie kommen gerade so über die Runden, indem sie Bilder von Niko verkaufen … Was für Alice anfangs wie eine Befreiung ist, wird jedoch zunehmend belastend: Niko ist immer wieder aufbrausend und verhält sich Alice gegenüber dann alles anderes als fair.

Bewertung:

Der zerbrochene Spiegel auf dem Cover, der Titel „Hinter Glas“, der Name der Hauptfigur: Alice – worauf das anspielt, dürfte klar sein: „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll, 1865 erschienen und 1871 durch den Folgeband „Alice hinter den Spiegeln“ ergänzt. Gleich im Prolog, dem Einstiegskapitel, erfährt man, dass Alice‘ Leben aus den Fugen geraten ist, dass es wie der zerbrochene Spiegel, der vor ihr liegt, wieder zusammengesetzt werden muss. Es wird auch gleich Niko eingeführt, mit dem das alles zu tun hat; danach geht es weiter mit 24 „Spiegelscherben“ (und einem kurzen Epilog), wie die Kapitel überschrieben sind.

„Hinter Glas“ erzählt die Geschichte eines Mädchens, dem es nicht gut geht: in der Schule gemobbt, zu Hause schwierige Familienverhältnisse, von einem Infekt in den nächsten stolpernd – vieles ist in Alice‘ Leben in Unordnung, und es ist Niko, der für Alice erstmals etwas Positives ins Leben bringt. Ziemlich radikal lässt Alice wegen Niko ihr bisheriges Leben hinter sich: Sie bricht mit den Eltern, zieht weg, ohne dass die Eltern wissen, wo sie sich aufhält, sie schmeißt die Schule. Und trotzdem ist irgendwann in ihrem Leben wieder der Wurm drin, als sie merkt, dass Niko nicht immer der ist, für den ihn Alice anfangs gehalten hat.

Viele Psychogramme verstecken sich in dem Buch. Ein spannendes ist das vom reichen und despotischen Großvater, der es liebt, andere zu erniedrigen und niederzudrücken. Alice‘ Vater hat er sein Leben lang als „Versager“ bezeichnet, und dieser kann sich seines Vaters nicht erwehren, was nicht nur an der finanziellen Abhängigkeit liegt. Wenn man erlebt, wie schneidend die Stimmung im Haus des Großvaters ist, wie auch Alice immer wieder niedergemacht wird, ist das bedrückend.

Das andere spannende Psychogramm beschreibt Niko: selbstbewusst und charismatisch ist er, aber irgendwie doch komplizierter, als es zunächst scheint. Alice bekommt nach der anfänglichen Verliebtheit viel ab und versucht sich zu wehren. Das ist für sie nicht einfach, aber es gelingen ihr nach und nach die ersten Schritte in Richtung Selbstfindung. Wie die Figuren, nicht nur der Großvater und Niko, im Roman beschrieben sind, gehört zu den packenden und gelungenen Momenten in dem Buch.

Doch es ist gibt auch viel Irritierendes in dem Roman: Immer wieder kommt kurz eine unbekannte Stimme zu Wort, in serifenloser Schrift vom Rest der Ich-Erzählung Alice‘ abgesetzt. Irritierend sind diese Stellen, weil man nicht weiß, wer hier eigentlich spricht, aber auch, weil sie kryptische Andeutungen machen: „Ich bin noch immer zu weit weg von ihr, ich bin nur ein Echo eines weiteren Echos, verschleiert hinter Nebel und Glas, verborgen hinter Schläuchen und dem Surren lebenserhaltender Apparate, hinter Spiegelungen silberner Instrumente und weiß gekleideter Menschen […].“ (S. 152) oder „Das ist mein Einsatz. Das ist unser Augenblick. Ich mache mich nun auf den Weg. Ich werde bald da sein, und dann hat das Alleinsein ein Ende.“ (S. 168)

Ich konnte mir auf das meiste davon, ehrlich gesagt, keinen Reim machen. Erst wenn man das Buch ausgelesen und kurz vor dem Ende die Auflösung präsentiert bekommt, wer hier spricht, versteht man vieles davon. Das Teil-Ich, das hinter der anderen Stimme steht, ist eine fragwürdige und wackelige Konstruktion – dahinter steht ein nachgeburtlich traumatisches Erlebnis (mehr sei nicht verraten). Ist diese andere Stimme wirklich nötig für die Geschichte? Meiner Meinung nach nicht … Mich stört auch daran, dass man während des Lesens nicht versteht, was das soll; und mich stört der seltsame Sprachduktus der Stimme.

Dass Alice am Ende, als alle Glasscherben zusammengesetzt sind, ein anderer, ein neuer Mensch ist, liegt auf der Hand – das erneute Durchleben der traumatisierenden Erfahrungen hat ihnen die negative Kraft genommen, und Alice und ihre Eltern befreien sich aus den Klauen des Großvaters. Auch wenn vieles davon nachvollziehbar ist, es sperrt sich in mir auch ein wenig etwas gegen das Ende des Buchs. Das liegt daran, dass mir der Selbstwerdungsprozess zu mystisch dargestellt wird. Und die Spiegelscherbenmetapher scheint mir alles in allem auch etwas überstrapaziert. Aus diesen Gründen habe ich das Buch am Ende eher unbefriedigt aus der Hand gelegt, anstatt das Gefühl des Neuaufbruchs von Alice so richtig mit nachspüren zu können.

Fazit:

2-einhalb von 5 Punkten. „Hinter Glas“ ist nicht mein Buch – dieses Gefühl hat sich mit zunehmender Lesedauer bei mir festgesetzt. Dabei war meine Neugierde nach den ersten Kapiteln geweckt und ich bin positiv ans Weiterlesen herangegangen … Der Riss kam für mich, als die unbekannte Stimme auftauchte, die ich auch nach der mehrmaligen Wiederkehr nicht richtig verstanden habe. Die Erklärung am Ende, wer hier spricht, ist einerseits in Teilen plausibel, aber sie hat mich andererseits auch ratlos zurückgelassen – auch weil sie von Alice wie im Fieberwahn auf einmal als ein Hund, der ihr folgt, wahrgenommen wird. Das ist dann doch zu viel des Guten.

Wenn ich mir vorstelle, dass die Geschichte ohne diesen kryptischen Überbau erzählt worden wäre: Sie hätte meiner Meinung nichts verloren, sondern einiges gewonnen. Die Stärken des Romans – allem voran die Figurenzeichnung – wären besser zum Tragen gekommen. Und Julya Rabinowich hätte für Alice eine psychologisch glaubwürdigere Erklärung finden müssen, die ihr neues Selbstbewusstsein und Gesundwerden plausibel erscheinen lässt. Die Anlagen dafür sind ja da: ein Mensch, dem sie sich anvertrauen kann, das Bewusstwerden eines Traumas, die in Gang gesetzte ehrliche Kommunikation mit den Eltern … Alles andere ist einfach eine Verklausulierung, die meiner Meinung nach überflüssig ist und den Heilungsprozess einer Jugendlichen unnötig mystifiziert.

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(Ulf Cronenberg, 10.03.2019)

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