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Buchbesprechung: Jan de Leeuw „Babel“

Cover: Jan de Leeuw „Babel“Lesealter 16+(Verlag Freies Geistesleben 2018, 436 Seiten)

„Jan de Leeuw zeichnet die Zerrissenheit und Vielstimmigkeit unserer modernen Welt nach – ein atemberaubender, symbolisch aufgeladener Roman von Macht und Hybris, Unterdrückung und Verrat und der zarten Suche nach Freundschaft.“ Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welch markanten Sätzen mitunter der Gehalt von Büchern werbewirksam zusammengefasst wird – in diesem Fall geht es um das neue Buch des flämischen Autors Jan de Leeuw. Wuchtig und monumental, passend zum Buchtitel, kommt der neue Roman daher, die kunstvolle Aufmachung setzt sich auch zwischen den Buchdeckeln fort …

Inhalt:

Abraham Babel hat das größte Gebäude der Welt gebaut, mit seinen Hunderten von Stockwerken, die auch in den Untergrund reichen, beherbergt es mehr als viele Städte. Naomi fängt in dem Gebäude an zu arbeiten – allerdings auf der untersten Ebene der Bedientesten, untergebracht in einem Massenschlafsaal in den Untergeschossen. Die Stimmung unter den Bediensteten ist rau, aber Naomi kann das nicht wirklich etwas anhaben. Doch dann passiert etwas, das ihr Leben verändert.

Für ein erkranktes Dienstmädchen der Enkelin von Abraham Babel wird eine Vertretung gesucht, und Babels rechte Hand Lichtenstern wählt ausgerechnet Naomi für diesen Job aus. So kommt Naomi zu Alice, die mit ihrem Großvater zusammen als Einzige in der Familie ein tragisches Attentat überlebt hat – allerdings ist Alice seitdem querschnittsgelähmt und kann ihre Beine nicht mehr bewegen. Alice und ihr schon recht alter Großvater leben in den obersten Stockwerken des Gebäudes, abgeschirmt von der Öffentlichkeit.

Für Alice ist Naomi, die sehr schweigsam ist, eine willkommene Abwechslung, und als das bisherige Dienstmädchen gesund wieder zurückkommt, setzt Alice sich dafür ein, Naomi zu behalten. Naomi bekommt den Rang einer Gesellschaftsdame für Alice. Sie bleibt weiterhin distanziert, bekommt allerdings auch mit, dass es seltsame Ränkespiele um Abraham Babel und seine Enkelin gibt. Aus all dem versucht Naomi sich jedoch rauszuhalten.

Bewertung:

Ein eigensinniges Buch ist „Babel“ (Übersetzung: Rolf Erdorf; niederländischer Originaltitel: „Babel“) ja schon – das habe ich beim Lesen immer wieder gedacht, und damit verbunden war ein Hin und Her zwischen Bewunderung und Verwunderung. Das ist bis zum Ende so geblieben – gerade das letzte Kapitel des Buchs setzt da noch mal ein Ausrufezeichen.

Der Beginn des Romans mit Naomi, die ihre Arbeit im Babel-Gebäude antritt, hat etwas Dystopisches und erinnert an orwellsche Überwachungsszenarien. Es ist eine düstere Mehrklassengesellschaft, die hier skizziert wird, das Wolkenkratzergebäude mit Babel an der Spitze repräsentiert diese Gesellschaftsordnung, in der man sich eigentlich, wenn überhaupt, nur langsam hocharbeiten kann. Dass Naomi quasi nach oben katapultiert wird, um Alice zur Hand zu gehen, ist die absolute Ausnahme.

Die grundlegende Symbolik des Romans wird ja schon in dessen Titel benannt: Der Turmbau zu Babel ist eine der bekannten Geschichten aus dem Alten Testament (1. Buch Mose; Genesis), die dort allerdings sehr knapp erzählt wird: in gerade mal neun Sätzen. Die biblische Geschichte erzählt von der Hybris der Menschen, die sich durch den Turmbau zu Göttern aufschwingen wollen. Indem Gott die Sprachen der Menschen verwirrt und weil sie sich deswegen nicht mehr verständigen können, wird die Fortsetzung des Turmbaus verhindert. Die Hybris und den Machtwillen greift der Roman auf, und neben der Symbolik des Turmbaus spielen auch Tarotkarten eine wichtige Rolle. So werden zum Beispiel die Kapitel von Deckblättern mit Tarotkarten-Abbildung wie „Die Liebenden“, „Gericht“ oder „Der Magier“ eingeführt.

Das Motiv der verwirrten Sprache erfährt in dem Buch eine Umkehrung: Lichtenstern, die zwielichtige rechte Hand von Abraham Babel, arbeitet angeblich an einer universellen Sprache, die von allen Menschen verstanden werden soll – Abraham Babel gegenüber wird in Aussicht gestellt, dass er mit dieser Universalsprache die Welt retten könne. Dass das Versprechen nur vorgetäuscht wird, vermutet man als Leser sofort, die Motive Liechtensterns dahinter bleiben jedoch im Dunkeln. Das ist ein wenig typisch für das Buch, das einen immer wieder ratlos auf die undurchschaubaren Ränkespiele gucken lässt – bis zum Ende.

Doch zurück zu Naomi und Alice. Die beiden jungen Frauen sind die zentralen Figuren in dem Buch – Jan de Leeuw wechselt immer wieder in seiner personalen Erzählperspektive zwischen beiden Figuren, wobei Naomi häufiger im Fokus steht. Eingestreut sind ab und zu noch Auszüge einer Chronik aus der Zukunft, die die Geschehnisse um Abraham Babel und sein Gebäude nachzeichnet. Dass die Babelgeschichte tragisch endet, ahnt man angesichts des Duktus der Chronik schon bald (alles andere wäre aber ja auch ein Verrat an der Motivvorlage aus der Bibel gewesen) …

Was die Figuren des Romans angeht, so kommt man ihnen nicht wirklich nahe; sie wahren Distanz zum Leser. Bis zum Ende weiß man eigentlich nicht, was in den Figuren vorgeht: Naomi bleibt ebenso blass und undurchschaubar wie Alice; bei Naomi erfährt man zwar in der Mitte des Romans etwas über ihre Vorgeschichte und versteht sie danach besser – aber im Dunkeln bleibt trotzdem viel. Das gilt vor allem auch für den diabolisch wirkenden Lichtenstern und dessen Absichten. Was die Figuren außerdem vereint: Letztendlich können sie nicht wirklich miteinander kommunizieren, sie können sich entweder gar nicht oder nur auf eine unnahbare und verquere Art im Positiven aufeinander einlassen. Das wird besonders deutlich, als Alice und Naomi für einen Moment ihre Masken fallen lassen, sich näher kommen und hinterher gar nicht damit umgehen können.

Ein Wohlfühlbuch ist „Babel“ also ganz bestimmt nicht – es gibt so gut wie keine Szene oder Stelle, wo man Menschlichkeit in dem Buch spürt; es ist alles kalt, der Roman ist eine düstere Allegorie auf die Unfähigkeit der Menschen, sich gegenseitig gut zu tun. Was am Ende bleibt, ist die Frage, was Jan de Leeuw mit diesem Buch eigentlich bezweckt. Will uns der Autor einen Spiegel vorhalten? Will er vor etwas warnen? Hier kann man spannenden Gedanken nachgehen, eindeutige Antworten sind jedoch nicht so schnell zu finden, wie es der oben zitierte Werbespruch zu suggerieren mag.

Was aus all dem resultiert, ist die Feststellung, dass „Babel“ keine leichte Kost ist – auf unterschiedlichen Ebenen. „Babel“ ist ein Buch für Leser, die sich dieser düsteren Geschichte stellen wollen, die den der komplizierten Ränke wegen verworrenen Plot aushalten, die auch einige Leseerfahrung mitbringen und mindestens 15 oder 16 Jahre alt sein sollten.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Babel“ ist ein Buch, das vieles in mir ausgelöst hat. Ich war teilweise fasziniert, ich war verwundert, ich war irritiert, ich hatte und habe viele Fragen – Jan de Leeuw hat ein interessantes, aber nicht leichtgängiges Buch geschrieben, über das es sich aber zu diskutieren lohnt. Obwohl die Geschichte manchmal leicht verworren ist, weil einiges Ungesagte mitschwingt, habe ich mich interessanterweise nicht schwer getan, dran zu bleiben und weiterzulesen. Es ist eine subtile Spannung, die in dem Buch steckt, die es aber trägt.

Um ein typisches Jugendbuch handelt es sich bei „Babel“ allerdings nicht. Das hat unterschiedliche Gründe: Neben der Undurchschaubarkeit der Figuren und ihrer Motive bietet der Roman vor allem wenig Identifikationsmöglichkeiten für jugendliche Leser, und deswegen dürften sich viele Jugendliche damit schwer tun. Doch wen das nicht stört, der kann in dem Roman einen Blick auf die dunklen Seiten der Menschheit werfen, die in der dystopischen Welt von „Babel“ dargestellt wird.

Was Jan de Leeuw dazu gebracht hat, ein ziemlich illusionsloses, fast gänzlich hoffnungsloses Bild der Menschheit zu zeichnen, würde ich gerne wissen. Für skurrile Romane wie „Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus“ war der flämische Autor, der auch Psychologe ist, ja schon früher zu haben, aber das „Schrödinger“-Buch war eben auch humorvoll. Davon ist „Babel“ weit entfernt.

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(Ulf Cronenberg, 21.02.2018)

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