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Buchbesprechung: Marci Lyn Curtis „Dieser Augenblick, erschreckend und schön“

Cover: Marci Lyn Curtis „Dieser Augenblick, erschreckend und schön”Lesealter 15+(Königskinder-Verlag 2018, 408 Seiten)

Darauf, dieses Buch zu lesen, wäre ich angesichts des Covers mit dem vielen Rosa nicht gekommen. Männliche Leser erschließt man sich damit ganz bestimmt nicht. Warum ich den Debütroman der Kalifornierin Marci Lyn Curtis trotzdem gelesen habe? Weil er auf der Empfehlungsliste Die besten 7 Bücher für junge Leser des Deutschlandfunks im Juli 2018 stand … Im Beschreibungstext dort wird angedeutet, dass es um ein schwieriges Thema geht: „Dieser Augenblick, erschreckend und schön“ handelt von sexuellem Missbrauch.

Inhalt:

Ein Jahr nach dem Tod ihres Vaters und nach Zwischenstationen in mehreren Pflegefamilien kehrt Grace nach New Harbor an der Küste Floridas zurück. Dort soll sie bei Rusty, dem Bruder ihre Vaters, unterkommen. Für Grace ist das aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht einfach: Zum einen nimmt sie Rusty übel, dass er sie nicht gleich nach dem Tod ihres Vaters aufgenommen hat und sie deswegen herumgereicht wurde. Zum anderen hängen an dem Ort viele Erinnerungen – angenehme, aber vor allem auch unangenehme …

Da sind einerseits die schmerzhaften Erinnerungen an ihren Vater, mit dem sie die Wochenenden früher meist dort verbracht hat. Ohne Mutter aufgewachsen waren das die Tage, wo Grace am ehesten ein Gefühl von Zuhausesein gespürt hat. Andererseits erinnert sie New Harbor auch an Jenna, ihre früher beste Freundin, mit der sie sich überworfen hat, weil sie mit Jennas Bruder Owen eine Beziehung angefangen hat. Doch die schlimmste Erinnerung ist, dass sie mit Owen eine schlimme Nacht kurz vor dem Tod ihres Vaters verbindet.

Grace war krank und und hatte gerade ein Schlafmittel genommen, als Owen sie in ihrem Zimmer bei Rusty besuchte. Sie hatten rumgeknutscht, dann war Grace jedoch eingeschlafen. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie Blut zwischen den Oberschenkeln, und ihr war klar, dass sie im Schlaf missbraucht worden war. Aus Scham vertraut sich Grace niemandem an, konfrontiert auch Owen nicht damit, will aber absolut nichts mehr mit ihm zu tun haben. Als sie Owen in New Harbor dann nach ihrer Rückkehr wiedertrifft, ist das für sie ein Schock. Nachdem sie allerdings doch mit Owen gesprochen hat, kommen Grace irgendwann Zweifel, ob sich wirklich alles so zu zugetragen hat, wie sie es sich zusammengereimt hatte …

Bewertung:

In Marci Lyn Curtis‘ Jugendroman „Dieser Augenblick, erschreckend und schön“ (Übersetzung: Nadine Püschel; englischer Originaltitel: „The Leading Edge of Now”) hab ich mich gleich auf den ersten Seiten heimisch gefühlt. Grace als Ich-Erzählerin beschreibt sehr eindrucksvoll, so dass man gut mitfühlen kann, wie es ist, an den alten Ort mit den vielen Erinnerungen zurückzukommen. Es ist eine ziemlich komplexe Gefühlswelt, die in ihr ist.

Der erste große Schock ist für Grace, als sie Owen nebenan sieht. Owens und Jennas Familie ist im Jahr von Grace‘ Abwesenheit ins Nachbarhaus gezogen. Und das holt dann neben den sowieso schon so vielen Erinnerungen auch noch die an die Nacht hoch, in der sie missbraucht wurde. Als Leser wird man an diese schreckliche Nacht ganz behutsam herangeführt – man erfährt lange Zeit keine Details, und irgendwann, bevor Grace selbst es so sehen wird, kommen einem als Leser schon Zweifel, ob diese Nacht nicht anders abgelaufen ist, als Grace es sich im Nachhinein gedacht hat.

Mutig ist es schon, ein Buch über eine Vergewaltigung zu schreiben, aber Marci Lyn Curtis macht das sehr
vorsichtig, ohne dass man als Leser geschockt sein muss … Das liegt vor allem daran, dass die Nacht ein gutes Jahr vor der erzählten Zeit liegt. Da wird also keine direkte Betroffenheit dargestellt, sondern nur das Erleben und Fühlen nach einem Jahr. Das macht es wesentlich einfacher, als Leser damit zurechtzukommmen. Noch dazu hat der Missbrauch stattgefunden, als Grace nicht bei Bewusstsein war. Das macht ebenfalls die Behutsamkeit möglich, weil der Missbrauch nicht miterlebt wurde. Aber zugleich ist das schon auch eine etwas fragwürdige Konstruktion.

Dass Owen es nicht war, der Grace vergewaltigt hat, ist bald klar. Das ermöglicht die Wiederannäherung zwischen Grace und Owen, bringt zugleich leichte Kriminalelemente in das Buch. Denn Grace will, auch wenn sie zugleich Angst davor hat, erfahren, wer ihr das angetan hat. Der Täter jedenfalls, dessen Identität man erst knapp 100 Seiten vor dem Buchende erfährt, ist eine Person, von der man das nicht erwartet hätte.

Eindeutig die größte Schwachstelle des Buchs ist, dass so gut wie gar nicht thematisiert wird, was den Täter angetrieben hat, warum er das gemacht hat; und es passt auch gar nicht zu dem Profil der Figur, wie man sie vorher kennen gelernt hat. So ganz verstehe ich nicht, warum Marci Lyn Curtis hier so oberflächlich bleibt, denn die anderen Figuren im Buch bleiben nicht so blass, sie sind gut konturiert. Das gilt für Grace selbst, deren Innensicht man kennen lernt, das gilt für Rusty, den kauzigen Bruder von Grace‘ Vater, aber auch für Owen und Jenna.

Die letzten knapp 100 Seiten, nachdem Grace weiß, wer sie missbraucht hat, geht es darum, wie sie mit ihrer traumatischen Erfahrung zurechtkommt. Es ist anfangs viel Scham, die Grace empfindet und die sie hindert, sich an die Polizei zu wenden. Als sie den Täter kennt, setzt das allerdings eine Lawine an Veränderungen in Gang. Denn – wie es oft ist – der Täter kommt aus dem Bekanntenkreis, und dort wird alles durcheinandergewirbelt. Diese Veränderungen sind für Grace eine weitere Belastung, und hier bleibt das Buch in der Beschreibung der Gefühle ziemlich stereotyp, wenn dort etwas zu oft „es bricht mir das Herz“ geschrieben steht. „Dieser Augenblick, erschreckend und schön“ ist in manchem eben doch ein recht amerikanisches Buch … Aber: Es beschreibt auch – und das ist das Gute daran –, wie ein Mädchen sich aus seiner Opferrolle herausschälen kann. Wie mühsam das für Grace ist, kann man gut nachvollziehen, dass man Unterstützung braucht, wird ebenso deutlich wie, dass es sich lohnt und notwendig ist.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Vielleicht habe ich etwas viel an einigen Dingen rumgemäkelt, die ich leicht problematisch finde. Dass der Täter mit seinen Motiven so blass bleibt, finde ich wirklich ein großes Manko, dass das Buch manchmal ein wenig zu gefühlsüberschwänglich wird, empfinden andere Leser vielleicht nicht so. Nichtsdestotrotz habe ich „Dieser Augenblick, erschreckend und schön“ gerne gelesen, fand die zentralen Figuren jenseits des Täters auch gut angelegt. Grace ist eine glaubwürdige Figur, und das liegt sicher auch daran, dass Marci Lyn Curtis – wie sie am Ende in ihrem Nachwort andeutet – selbst Opfer sexueller Gewalt gewesen ist. In dem Buch stecken bestimmt einige authentische Erfahrungen. Und es ist auch gut, dass sich jemand an dieses Thema herantraut.

Mein Gesamteindruck bleibt dennoch leicht zwiespältig – irgendwie sträubt sich bei mir etwas gegen den Kunstgriff der Vergewaltigung bei Bewusstlosigkeit. Ja, das macht das Buch leichter verdaulich, aber es trifft nicht die Realität der meisten Opfer von Vergewaltigungen und wirkt dadurch leicht verharmlosend. Man könnte diese Konstruktion freilich auch als Zugeständnis an die junge Leserschaft, für das Buch gedacht ist, interpretieren …

Was meiner Meinung nach allerdings gar nicht passt, ist der Buchumschlag. Was denkt sich der Verlag eigentlich, wenn man dieses Buch mit dem Rosa plus Blümchen zu einem reinen Mädchenbuch macht? Und warum wird auf der Buchrückseite beim Text zum Buch nicht mal andeutungsweise der Missbrauch erwähnt? Sollen Mädchen hier mit falschen Erwartungen angelockt werden („Eine Geschichte über Familie, Freundschaft und Liebe – und alles was dazugehört.“ Puh …)? Und sollen Jungen dieses Buch nicht lesen? Ich wünsche mir das jedenfalls anders: Bücher über sexuelle Gewalt sollten auch von Jungen gelesen werden. Dass „Dieser Augenblick, erschreckend und schön“ auch jenseits des Covers kein typisches Buch für Jungen ist – der weiblichen Hauptfigur und des Schreibstils wegen – ist schon klar, aber weniger Romantisierung auf dem Buchumschlag hätte der Jugendroman dann doch verdient.

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(Ulf Cronenberg, 11.09.2018)

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