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Buchbesprechung: Anke Weber „Das verdammte Chaos im Mikrokosmos“

Cover Anke Weber "Das verdammte Chaos im Mikrokosmos"Lesealter 13+(Oetinger-Verlag 2015, 304 Seiten)

Ein bisschen Hippie-Charme versprüht dieses Cover mit den bunten Blümchen. Dass der Buchtitel in einem rosa Vieleck steht, bemerkt man erst, wenn man das Buch gelesen hat. Dann erst weiß man, was es symbolisiert – aber das darf man auch vorwegnehmen: einen Sarg. In „Das verdammte Chaos im Mikrokosmos“ von Anke Weber (deren Schuhe auf dem sympathischen Pressebild im Internet übrigens auch Blümchen zieren) geht es nämlich unter anderem um das Thema Tod. Ein todtrauriges Buch hat Anke Weber aber trotzdem nicht geschrieben …

Inhalt:

Millas Eltern sind schon lange tot, seitdem lebt das inzwischen 16-jährige Mädchen bei seinem Großvater in einem Haus im Grünen. Doch ihr Opa ist gestorben, friedlich auf dem Sofa eingeschlafen, und lange sitzt Milla neben ihm, hält seine Hand und schaut in den mondbeschienenen Garten. Erst langsam kehrt die Realität zurück und viele Fragen tauchen bei Milla auf: Was wird mit ihr passieren, wenn die Behörden mitbekommen, dass der Großvater gestorben ist? Muss sie dann in ein Heim?

Weil Milla das nicht will, beschließt sie etwas Absurdes: Sie begräbt ihren Großvater in einem notdürftigen zusammengeschreinerten Holzkasten im Garten. Und damit beginnt ein großes Versteckspiel, denn niemand darf mitbekommen, dass Millas Opa nicht mehr lebt. Immerhin hat ihr Opa vorgesorgt und in einem Einmachglas im Keller so viel Geld versteckt, dass Milla für einige Zeit über die Runden kommen wird. Doch wie soll Milla es zum Beispiel bewerkstelligen, dass Onkel Ernst, der einzige Verwandte, der in der Nähe wohnt und immer wieder vorbeischaut, keinen Verdacht schöpft?

In ihrer Verzweiflung weiht Milla ihre beste Freundin Janka und einen Klassenkameraden ein, und mit ihnen zusammen entsteht die Idee, dass Millas Opa einen Unfall hatte und zunächst in einer weit entfernten Klinik gepflegt wird, um anschließend für längere Zeit auf Reha zu gehen. Lange gibt es keine Probleme, auch wenn Milla geschockt ist und einiges vernachlässigt. So vergisst sie u. a., dass sie für die Schule einen Praktikumsplatz braucht. Auf Nachfrage eines Lehrers am Abgabetag lügt sie kurzerhand, dass sie bereits einen Platz bei einem Bestattungsinstitut habe, nur den Bestätigungszettel vergessen habe. Nach dieser Notlüge sucht Milla eine Bestatterin auf, und diese gibt ihr tatsächlich kurzerhand einen Praktikumsplatz. Dort lernt Milla Tim kennen, der bald 18 wird und Krebs hat. Tim will im Bestattungsinstitut seine Trauerfeier und alles andere vorab regeln …

Bewertung:

Ganz schön strange beginnt „Das verdammte Chaos im Mikrokosmos“: Milla sitzt auf dem Sofa neben ihrem toten Großvater, und kurz darauf beschließt sie, ihn heimlich zu begraben. Länger habe ich mich gegen dieses Szenario gewehrt, weil es mir so absurd und lebensfern vorkam, denn wer glaubt schon, so langfristig dem Jugendamt zu entkommen? Bis mein innerlicher Widerstand gebrochen war, hat es einige Zeit gedauert, und es ist passiert, weil das Buch irgendwann so packend wurde, dass die Frage nach dem Wahrhaftigkeitsgehalt des Romans erst einmal nicht mehr wichtig war.

„Das verdammte Chaos im Mikrokosmos“ ist ein Buch über Freundschaft, es ist ein Buch über den Tod und vor allem auch über Lebenswillen und Lebensfreude. Der Tod von Millas Großvater ist eine erste Station, durch die Milla in eine Krise gestürzt wird, in eine zweite Krise gerät das Mädchen später, als der Junge, mit dem Milla erst seit Kurzem verbandelt ist, sich in eine mexikanische Gastschülerin verguckt. Aberwitzigerweise bewältigt Milla beide Krisen, als sie im Bestattungsinstitut ihr Praktikum absolviert. Es ist nicht nur Karin, die Bestatterin, die sofort Millas einfühlsames Talent für den Job erkennt und ihr damit wieder Zuversicht gibt, sondern vor allem auch die Begegnung mit Tim, einem krebskranken Jugendlichen, die Milla ins Leben zurückführt.

Was Anke Webers Buch auszeichnet, sind dessen Figuren, die alle etwas bizarr sind. Das betrifft nicht nur den krebskranken, aber lebensmutigen Tim sowie Milla, die zwar oft an sich zweifelt, aber trotzdem stark ist. Nein, da sind noch viele andere zu nennen: die lebenslustige Carlita, die gute Seele Karin vom Bestattungsinstitut oder auch Onkel Ernst, der den lange verschwiegenen Tod seines Bruders dann gelassen aufnimmt.

Noch mal zu Milla: Ja, was macht man, wenn man sich von einem krebskranken Jungen angezogen fühlt, der vor Kurzem die Behandlungen abgebrochen hat und lieber ins Leben zurückwill, statt die ganze zermürbende Behandlungsmaschinerie über sich ergehen zu lassen? Das ist eine groteske Situation – auch für mitfiebernde Leser/innen. Nicht jedoch für Tim, der mehr als gefasst ist und Todesangst und Trübsinn leid ist. Und da kommen wir auch zu dem Punkt, der mich an dem Roman doch ziemlich gestört hat.

Tim ist bewundernswert in seinem Lebensmut, in seiner Lebensfreude – aber seine Charakterisierung in dem Buch ist einseitig und klischeehaft. Einem Junge, der vor Kurzem noch seine letzte Chemotherapie hinter sich gebracht hat und anschließend aus eigenem Willen, ohne geheilt zu sein, die Behandlung abgebrochen hat, sollte es deutlich schlechter gehen als Tim in dem Roman. Kein einziges Mal liest man, dass er sich körperlich schlecht fühlt oder Schmerzen hat. Im Gegenteil, Tim wird als Energiebündel dargestellt, und er ist bereit, sämtliche Kirschen der Umgebung zu stehlen. Ja, man erfährt als Leser nicht mal, welche Form von Krebs er hatte, und das ist dann alles doch zu viel des Guten.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. „Das verdammte Chaos im Mikrokosmos“ ist ein unterhaltsames Buch, das in vielem poetisch geschrieben ist, wunderbare Figuren hat und Lebensfreude auf den Leser zu übertragen vermag – und das, obwohl im Buch das Thema Tod ziemlich präsent ist. Der Tod ist in Anke Webers Roman Anlass dafür, das eigene Leben zu hinterfragen und sich im Sinne eines „Carpe diem“ ins bewusste Leben zu stürzen. So weit so gut, denn das ist eine durchaus sympathische Botschaft, die auch beim Leser ankommt.

Doch mir fehlt in Bezug auf den krebskranken Tim die notwendige Tiefe. Ein krebskranker 17-jähriger, der kein einziges Mal sagt, dass er Angst vor dem Sterben hat, der immer nur nach vorne schaut, der allen anderen Lebensmut gibt und selbst nie auch nur einen Ton über Schmerzen oder Ängste verliert? Nein, das passt so nicht – und ich habe länger darüber nachgedacht, ob man das irgendwie begründen und rechtfertigen kann. Es hätte dem Buch meiner Meinung nach auch nicht geschadet, wenn Tim ein bisschen weniger heilig aufgetreten und realistischer dargestellt worden wäre.

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(Ulf Cronenberg, 11.02.2015)

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Kommentar (1)

  1. Manfred

    Tja, dieser Kritik stimme ich leider gerne zu. Das Buch plätschert in einer Schreibweise dahin, die geübt wirkt, aber nichts Eigenständiges hat. Wäre dieses Buch eine Mahlzeit, dann käme sie aus der Dose. Und dieses Essen schmeckt auf die Dauer nicht und noch schlimmer, es nährt nicht. Das Buch hat mich thematisch interessiert, die Lust daran ist mir aber nach knapp der Hälfte vergangen.

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