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Buchbesprechung: Karin Bruder „Haifische kommen nicht an Land“

Cover: Karin Bruder "Haifische kommen nicht an Land"Lesealter 10+(Peter-Hammer-Verlag 2015, 200 Seiten)

Der Nicaragua-See liegt in …? Ja, richtig geraten: in dem gleichnamigen Land. Er ist nicht nur der größte Binnensee Mittelamerikas, sondern beherbergt auch mehrere Inseln vulkanischen Ursprungs. Auf einer dieser Inseln spielt „Haifische kommen nicht an Land“, genauer: auf Ometepe. Wusstet ihr, dass es Haie auch im Süßwasser, eben z. B. im Nicaragua-See, gibt? Im Buch werden sie erwähnt, und erst über die Wikipedia habe ich erfahren, dass das stimmt. Wieder was gelernt …

Inhalt:

Joaquín geht zwar nicht zur Schule, denn er muss tagsüber für seine Familie Geld verdienen (außerdem kann die Familie das Schulgeld nicht aufbringen), pfiffig ist er aber trotzdem. Als er eines Tages, nicht zum ersten Mal, hinfällt und sich das Knie aufschlägt, hält ein Auto mit einem hellhäutigen Mann und dessen junger Tochter an und will ihn mit zur nächsten Krankenstation nehmen. Joaquín möchte das gar nicht, wird aber quasi dazu genötigt, und im Auto fragt er sich, ob er gerade entführt wird. Dass in dem Wagen außerdem eine schwangere Frau mit Wehen sitzt, kommt ihm seltsam vor. Wer kidnappt schließlich eine Schwangere und einen Jungen aus armen Verhältnissen?

So lernt Joaquín Rosa, das Mädchen aus Alemania, und ihren Vater, der Ethnologe ist und ein Buch über die Menschen in Nicaragua schreiben will, kennen. Beide wollen Joaquín wirklich helfen und setzen ihn nach dem Krankenstation-Besuch wieder zu Hause ab. In den nächsten Tagen erfährt der Junge, dass Rosas Vater Interviewpartner sucht, die ihm etwas über das Leben der Menschen vor Ort erzählen, und als Joaquín erfährt, dass die Interviewten dafür bezahlt werden, will er unbedingt dabei sein.

Rosas Vater lässt sich dazu überreden, obwohl er sonst nur mit Erwachsenen spricht, und so kommt Joaquín immer wieder zur Bleibe der beiden Deutschen, wo er, der immer Hunger hat, vor allem auch jedes Mal ein fürstliches Frühstück serviert bekommt. Allerdings wird alles etwas kompliziert, weil Joaquín es hier und da nicht so genau mit der Wahrheit nimmt und Rosa das irgendwann bemerkt …

Bewertung:

„Haifische kommen nicht an Land“ ist ein reizende Geschichte, die viel Charme hat, der vor allem von der Hauptfigur Joaquín herrührt. Sympathisch ist der Junge: einerseits sehr fürsorglich, was seine Familie angeht, immer hilfsbereit, andererseits aber auch hier und da schnippisch und kindlich unüberlegt. Fast kommt es einem so vor, als würde Joaquín die Geschichte aus seiner Sicht erzählen – doch das stimmt nicht. Karin Bruders Kinderroman hat einen personalen Erzählstil.

Dass das Leben in Ometepe nicht gerade ein Zuckerschlecken ist, bekommt man jedenfalls schnell mit. Joaquín und seine Freunde sind ständig hungrig, sie können nicht zur Schule gehen, weil sie Geld verdienen müssen – so erledigen sie für verschiedene Leute Handlangerarbeiten, sei es, dass sie in einer Kaffeeplantage aushelfen oder einer blinden Gemüsezüchterin unter die Arme greifen. Bei Joaquín kommt hinzu, dass sein Vater vor ein paar Jahren gestorben ist, seine Mutter kurz darauf auch noch ein Kind von einem anderen Mann, der sich aber aus dem Staub gemacht hat, bekommen hat.

Dass in „Haifische kommen nicht an Land“ die Unterschiede zwischen zwei Welten – der von Joaquín auf der einen Seite, der von Rosa auf der anderen Seite – herausgearbeitet werden, ist erst mal ein ehrwürdiges Vorhaben. Rosa ist dabei ein aufgewecktes und intelligentes Mädchen, das die Welt Joaquíns kennenlernen will. Und Joaquín seinerseits interessiert sich natürlich auch für Rosa und Deutschland.

Das große Aber, was die Darstellung der zwei Welten angeht, ist für mich aber, dass ich die Gedanken und Gefühle Joaquíns und anderer nicaraguanischer Figuren nicht wirklich überzeugend dargestellt finde. Mir ist das Buch nicht authentisch genug. Joaquín ist als 12-Jähriger extrem findig, er denkt viel über das Leben nach – aber sind die im Buch dargestellten Gedanken wirklich welche, wie sie sich ein einfacher Junge in Nicaragua macht? Um ein Beispiel zu nennen: Da sag z. B. Victor, ein Freund Joaquíns: „Mich musst du nicht böse anfunkeln. Eigentlich musst du niemanden böse anfunkeln.“ (S. 168) Das klingt nicht gerade nach einem 14-jährigen Jungen, der halb in einem Kinderheim, halb auf der Straße lebt. Oder?

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. Ein sympathisches Buch ist Karin Bruders „Haifische kommen nicht an Land“ in jedem Fall – ein Buch, das man bedenkenlos 10-Jährigen in die Hand geben kann, das jungen Lesern ein bisschen was über ein mittelamerikanisches Land und das arme, aber doch oft auch glückliche Leben dort vermittelt. Joaquín ist eine sympathische Figur, Rosa ebenso (auch wenn sie im letzten Drittel des Buchs seltsamerweise eine etwas untergeordnete Rolle spielt). Aber einem genaueren Blick hält „Haifische kommen nicht an Land“ in manchem leider nicht stand. Mir ist das Buch zu sehr mit einer europäischen Brille geschrieben. Und das sollte bei einem Buch, das dem Leser etwas über das Leben eines Jungen in Mittelamerika vermitteln will, so einfach nicht sein.

Schade ist das alles, denn Karin Bruder zeigt auch in „Haifische kommen nicht an Land“, dass sie sprachgewandt erzählen kann. Doch Bücher über andere Länder sollten auch authentische Figuren haben. Bei „Haifische kommen nicht an Land“ hat mich außerdem ein bisschen gestört, dass das Ende zwar nicht unstimmig ist, aber für meinen Geschmack zu abrupt kommt.

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(Ulf Cronenberg, 26.01.2016)

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