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Buchbesprechung: Gina Mayer “Mörderkind”

Cover MayerLesealter 13+(Ravensburger-Verlag 2009, 314 Seiten)

Dass ich von Gina Mayer ein Buch gelesen habe, ist schon etwas länger her. „Schattenjünger„, noch im Sauerländer-Verlag erschienen, hatte bei mir wegen seiner ungewöhnlichen Genre-Mischung einen eher zwiespältigen Eindruck hinterlassen …

Gina Mayers neues Buch „Mörderkind“ hat jedenfalls ein ganz anderes Thema – es geht um ein Stück Zeitgeschichte: die RAF (Rote Armee Fraktion) und ihre Auswirkungen bis heute. Sowohl der Titel als auch das klaustrophobisch wirkende Rot des Umschlags haben es mir zumindest schon mal angetan. Mal sehen, ob das Buch da mithalten kann.

Inhalt:

Levke hat gerade die Realschule abgeschlossen und zieht mit ihrer Mutter Barbara aus Berlin in das Kaff Rippenhoven an der Ostsee. Dort hat die unstete Barbara einen alten Bauernhof gekauft, der dringend renoviert werden muss. Doch Levke ist alles andere als glücklich, in dem kleinen Dorf leben zu müssen – auch wenn sie nicht weiß, wie ihr Leben nach dem Schulabschluss weitergehen soll.

Am Strand lernt sie Henry kennen, einen Mann im Alter ihrer Mutter, der eine Surfschule betreibt. Doch diese läuft nicht gerade gut – insbesondere in diesem Sommer, der ziemlich verregnet ist. Den Surfkurs bei Henry, den Levke eher aus Trotz ihrer Mutter gegenüber als aus wirklichem Interesse begonnen hat, bricht sie nach dem ersten Tag wieder ab. Doch stattdessen beginnt sie bei Henry im Büro zu arbeiten: Telefonanrufe annehmen und Kunden werben. Und das macht Levke recht zuverlässig.

Als Levke eines Tages mit Tomasz, einem jungen polnischen Arbeiter, der für Levkes Mutter das Bauernhaus mit renoviert, an den Strand geht, sehen die beiden einen Mann reglos auf dem Boden liegen. Als sie näher hinkommen, bemerken sie, dass es sich um Henry handelt und dass dieser erstochen wurde. Schon bald ist die Polizei da und ermittelt. Doch Levke selbst ist neugierig geworden, weil ihre Mutter einerseits behauptet, Henry nicht zu kennen, Levke andererseits ein paar Tage zuvor ihre Mutter, Henry und eine andere Frau sehr vertraut miteinander hat reden sehen.

Levke fragt sich, woher Barbara Henry gekannt haben könnte – doch ihre Mutter wiegelt vehement ab, sobald Levke auf das Thema zu sprechen kommt. Es bleibt ihr nichts anderes übrig, als selbst nachzuforschen. Schon bald findet Levke Dinge heraus, die darauf hinweisen, dass ihre Mutter früher etwas mit der RAF (der Roten Armee Fraktion, einer terroristischen Vereinigung in den 70er Jahren) zu tun hatte …

Bewertung:

„Mörderkind“ ist – das vermutet man auf den ersten Seiten zunächst gar nicht – ein ungewöhnlicher Krimi, in dem ein Mädchen sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Mutter macht. Was eher gemächlich beginnt, wird im Laufe des Buches immer spannender. Klug gelegte Fährten, die dem Leser am Anfang den Eindruck vermitteln, man ahne schon, worauf alles hinauslaufen könnte, entpuppen sich dann doch als falsch (das ging zumindest mir so) – und dadurch behält das Buch bis zum Ende seinen Reiz.

Auch die Erzählweise der Geschichte hat mir gut gefallen. Die Geschichte um Levke, die in der Gegenwart spielt, wird immer wieder durch kürzere Auszüge aus den Jahren 1974 bis 1977 unterbrochen, wo man einer Gruppen von RAF-Sympathisanten folgt und mitbekommt, wie diese immer radikaler werden. Natürlich ahnt man von Anfang an, dass die Personen auch mit der Geschichte in der Gegenwart etwas zu tun haben – aber dadurch, dass die RAF-Sympathisanten nur bei ihren Spitznamen genannt werden, bleibt lange Zeit ungewiss, wer davon z. B. Levkes Mutter Barbara sein könnte. Das Gleiche gilt für andere Figuren. Geschickt ist das gemacht.

Dass man als jugendlicher Leser, der vielleicht noch nichts über die RAF und die gesellschaftliche Situation in der Mitte der 70er Jahre weiß, durch das Buch behutsam, aber nie belehrend mit einem Stück Zeitgeschichte konfrontiert wird, ist außerdem hervorzuheben. Eine tiefe Auseinandersetzung mit der RAF darf man sich davon nicht erwarten – aber das Buch macht Lust darauf, selbst im Internet, in Filmen oder Büchern mehr über diese turbulente Zeit herauszufinden. Was will man mehr?

Fazit:

5 von 5 Punkten. Gina Mayers neuestes Jugendbuch hat mir von Anfang an gefallen: zu Beginn eher durch die behutsame Schreibweise, die sehr gut Levkes Stimmung und Situation, aber auch die Zeit der RAF einfängt, später dann, weil die Spannung zunehmend steigt. Es ist nicht so, dass das Buch aus Verfolgungsjagden oder ähnlichen Krimielementen seine Spannung bezieht – nein, es knistert eher, weil man als Leser lange rätselt, was genau Levkes Mutter mit der RAF zu tun hatte und wieso Henry ermordet wurde. Die psychologischen Momente, die hinter der Geschichte stehen, machen die Spannung des Buches aus.

Dass „Mörderkind“ ein so gutes Buch ist, liegt u. a. auch an den beiden geschickt miteinander verschränkten Erzählsträngen (Gegenwart und Vergangenheit), wobei ich leichte Bedenken habe, dass der RAF-Teil der Geschichte etwas zu harmlos angelegt ist. Aber gut, die geschilderte Sympathisantengruppe wird eher als Randgruppe der RAF beschrieben …

Alles in allem ist „Mörderkind“ jedoch wirklich ein gutes Buch, das jungen Lesern ab 13 Jahren ein Stück Zeitgeschichte – interessant und unaufdringlich verpackt – näher bringt.

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(Ulf Cronenberg, 21.08.2009)

Kommentare (0)

  1. Britta

    Hei Ulf, habe mir gerade diese Besprechung zu Gemüte geführt, weil ich das Buch jetzt gelesen habe. Ich möchte Dich nur auf einen (kleinen) Fehler aufmerksam machen: der Typ den Levke ermordet am Strand findet heißt Henry, nicht Harry.
    Mit Deiner Bewertung stimme ich weitgehend überein. Mich hat nur die Auflösung ganz am Schluß nicht hundertprozentig überzeugt, das war mir dann doch ein bißchen zu konstruiert mit der im Stich gelassenen Tochter, die dann so einen halbseidenen Rachefeldzug startet. Ist das aus psychologischer Sicht stimmig, dass sie sich dann an den Verbündeten der Mutter (die sie als Verführer sieht) rächt? Alles in allem aber wirklich gut erzählt und auch für Jugendliche aufschlussreich bzw. neugierig machend.
    Liebe Grüße
    Britta

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    1. Ulf Cronenberg

      Hallo Britta,
      ja, was Henry angeht, hast du recht – das habe ich ausgebessert. Und den Rachefeldzug finde ich im Großen und Ganzen schon plausibel …
      Viele Grüße, Ulf

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  2. xy

    Dieses Buch ist wirklich ein sehr guter Jugendkrimi. Für jemanden, der nicht gerne liest, ist es ein guter Einstieg.

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  3. D.C.Fan

    Ich lese nicht gerne, aber als ich dieses Buch sah, hat es meine Aufmerksamkeit bekommen! „Mörderkind“ ist richtig spannend und ist aus zwei Sichten geschrieben. Das Buch macht neugierig.
    Viel Spass mit „Mörderkind“!

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  4. Birgit V.

    „Mörderkind“ ist ein wirklich spannendes Buch mit geschichtlichem Hintergrund. Ich finde die Sprünge zwischen Vergangenheit und Jetzt gut gelungen, und das steigert natürlich die Spannung. Das Ende finde ich allerdings auch etwas „erzwungen“.
    4 von 5 Punkten!

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