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Buchbesprechung: Mikael Engström “Ihr kriegt mich nicht!”

Cover EngströmLesealter 13+(Hanser-Verlag 2009, 268 Seiten)

Der schwedische Kinder- und Jugendbuchschriftsteller Mikael Engström verwöhnt uns nicht gerade oft mit neuen Büchern – doch dafür waren die beiden bisher erschienenen Jugendromane wirklich herausragend: „Brando“ (2003) gehört zu meinen Favoriten unter den Jugendbüchern; „Steppo“ (2006) kam zwar nicht an „Brando“ heran, war aber nichtsdestotrotz ein tolles Buch. Mit „Ihr kriegt mich nicht!“ ist nun der dritte Jugendroman von Mikael Engström auch auf Deutsch erschienen – und der musste natürlich auch gelesen werden …

Inhalt:

Mik hat es mit seinen 12 Jahren schwer im Leben. Sein Vater ist Alkoholiker und säuft sich regelmäßig so zu, dass er wie tot am Boden liegt – und kümmern tut er sich um überhaupt nichts. Miks großer Bruder Tony ist der einzige, der für Mik da ist – doch auch Tony hat seltsame Dinge laufen und scheint nicht unbedingt auf ehrliche Art und Weise an Geld zu kommen. Tony ist es auch, der Mik einschärft, nie jemanden in die Wohnung zu lassen.

Doch als sein Vater wieder einmal bewusstlos auf dem Boden liegt und Tony nicht da ist, öffnet er einem Mann und einer Frau, die er schon öfter klingeln hat sehen, die Wohnungstür – und schon befindet er sich in der Obhut der Sozialbehörden. Er wird mit dem Bus ganz in den Norden von Schweden in ein kleines Dorf namens Selet geschickt, wo Lena, die Schwester seines Vaters, lebt.

Die Ankunft in dem Dorf bei Eiseskälte verläuft nicht gerade gut – denn niemand holt Mik am Bus ab. Er steht stundenlang an der Haltestelle und beobachtet die Dorfbewohner, die auf ihn verschroben wirken. Irgendwann kommt schließlich doch noch seine Tante Lena und nimmt ihn mit zu sich.

Das erste Mal im Leben beginnt Mik sich geborgen zu fühlen. Lena ist eine nette Frau, die sich rührend um ihn kümmert – und auch im Dorf findet er bald Freunde, darunter Pi, ein Mädchen, das Mik mag und ihn witzig findet. Er verbringt viel Zeit mit seinen Freunden – doch schon bald steht die Sozialbehörde wieder auf der Matte, um Mik erneut mitzunehmen. Er soll – sein Vater hat eine Entziehungskur gemacht – wieder nach Hause kommen.

Zwiespältig nimmt er von Lena und seinen Freunden Abschied – doch mit seinem Vater ist es schon bald genauso schlimm wie zuvor. Es dauert nicht lange, da stehen wieder die Leute vom Sozialamt vor der Tür. Und Mik wird wieder verschickt – diesmal in eine Pflegefamilie. Doch auch das ist nicht seine letzte Station …

Bewertung:

„Ihr kriegt mich nicht!“ (Übersetzung: Birgitta Kicherer) ist – ich nehme es gleich vorweg – ein tolles Buch; eines wie es irgendwie nur nordische Jugendbuchautoren schreiben können. Die Geschichte um Mik, den Jungen, der hin- und hergeschubst wird, der haltlos durchs Leben schlittert, der ständig Ängste hat, ist eindrücklich erzählt – und nach 50 Seiten kann man sich ihr nicht mehr entziehen. Was der 12-jährige Mik da mitmacht, lässt den Leser nicht kalt, und man fiebert mit dem Jungen, der von außen betrachtet ein Problemkind, unter der Oberfläche jedoch ein einfühlsamer und liebesbedürftiger Junge ist, schon bald mit.

Das Besondere an Mikael Engströms Buch ist, dass es sowohl die schlimmen Seiten von Miks Leben als auch die hoffnungsvollen Momente, die jedoch brüchig sind, lebensnah und authentisch aus der Sicht eines Jungen erzählt. Dem kann man sich einfach nicht entziehen – und jeder Schicksalsschlag, der Mik ereilt, kommt auch beim Leser an.

Gerade die hoffnungsvollen Momente sind es jedoch, die das Buch ausmachen: wie Lena sich um den Jungen kümmern will, die Behörden es jedoch nicht dauerhaft zulassen; wie Mik sich bei Pi gut aufgehoben fühlt (eine ganz sachte Liebesgeschichte steht da dahinter); wie Mik sich aber auch mit dem schrulligen Kauz Bengt, der im Fluss Hechte fängt, anfreundet etc. „Ihr kriegt mich nicht!“ ist eben nicht nur ein Sozialdrama, das aufzeigt, in welch schlimmen Verhältnissen manche Kinder aufwachsen, sondern es ist letztendlich ein hoffnungsvolles Buch, das verdeutlicht, was Kinder und Jugendliche brauchen.

Am Ende legt man das Buch aus der Hand und hat das Gefühl, nicht nur mit Mik, sondern auch mit Lena, Pi und Bengt so etwas wie seltsame kleine Helden kennen gelernt zu haben und ist froh darüber, dass es Bücher mit solchen Figuren gibt.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Auch wenn ich es auf den ersten Seiten nicht vermutet habe (denn ich fand es anfangs etwas schwer, in das Buch hineinzukommen): Mikael Engström hat mit seinem neuen Buch meine Erwartungen erfüllt. Die drei Jahre Wartezeit haben sich jedenfalls gelohnt; denn „Ihr kriegt mich nicht!“ ist ein besonderes Buch, weil es nichts beschönigt, zugleich aber auch Hoffnung gibt.

Ist es Zufall, dass Mik letztendlich den gleichen Vornamen wie der Autor hat? Ich glaube nicht (aber darüber ist nichts bekannt), dass Mikael Engström da einen autobiografischen Roman geschrieben hat – aber vielleicht ist es eine Geschichte, die seine Lebenserfahrungen als Kind irgendwie widerspiegelt. Wie dem auch sei: „Ihr kriegt mich nicht!“ ist eines der herausragenden Bücher dieses Herbsts, das man jugendlichen und erwachsenen Lesern nur ans Herz legen kann.

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(Ulf Cronenberg, 25.08.2009)

Lektüretipp für Lehrer!

Mikael Engströms Buch eignet sich meiner Meinung nach durchaus für den Deutschunterricht einer 7. Klasse. Anders als bei „Brando“ gibt es darin vielleicht nicht ganz so viel zu lachen – jedoch hat das Buch durchaus gewisse Abenteuerelemente, die Schülerinnen und Schülern gefallen dürften. Und für Diskussionsstoff ist an vielen Stellen ebenfalls gesorgt.

Ein einfaches Buch ist „Ihr kriegt mich nicht!“ für Schüler jedoch nicht – sondern eher ein anspruchsvolles, an das man seine Schüler heranführen, das man mit ihnen erarbeiten muss. Somit eignet sich der Jugendroman meiner Meinung nach eher für Klassen, die eine gewisse Neugier und Offenheit mitbringen.

Kommentare (6)

  1. Walter Mirbeth

    Ja, Ulf, da hast du absolut recht. Ein tolles und endlich wieder mal rundum gelungenes Buch, das die ganzen Ungereimtheiten des Lebens schildert – auch mit einem Augenzwinkern (wenn ich an die alten Brüder im Norden denke) – ohne aufdringlich zu werden.
    Liebe Grüße, bin die letzte Woche in Stockholm, auch im Kinderbuchinstitut, …
    Walter

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  4. Ich

    Ich fand das Buch sehr berührend und gefühlvoll. Das besondere Etwas daran ist, dass es wirklich aus Miks Sicht geschrieben ist, jedoch auch auktoriale Aspekte hat! Eindeutig lesenswert!

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  5. Schüler für den sich das Buch 'perfekt' eignet

    Also jetzt mal ganz ehrlich? Unsere Deutschlehrerin muss uns wohl deshalb das Buch als Lektüre gegeben haben …
    In 2 Wochen muss es gelesen sein und es wird eine Arbeit drüber geschrieben – OHNE irgendeine Besprechung.
    Das Problem: Sogar ich als Leseratte finde das Buch unerträglich und keiner aus unserer Klasse ist weiter als Seite 30.

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  6. leseratte

    Ich bin hab das Buch selbst sehr oft durchgelesen und finde es jedes mal wieder spannend. Großes Lob. Echt ein tolles Buch.

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