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Buchbesprechung: Mary E. Pearson “ZWEIundDIESELBE"

Cover PearsonLesealter 14+(Fischer-Verlag 2009, 331 Seiten)

Als ich neulich einer Freundin das Buchcover von Mary E. Pearsons „ZWEIundDIESELBE“ zeigte, mutmaßte sie, dass es darin wohl um jemand Schizophrenen gehe. Das ist einerseits falsch, andererseits jedoch auch wieder nicht so ganz – die Sache ist jedoch etwas komplizierter.

Immerhin passt der deutsche Titel deutlich besser zur Thematik des Buches als der englischsprachige („The Adoration of Jenna Fox“). Dass „ZWEIundDIESELBE“ ein ungewöhnlicher Science-Fiction-Roman ist, damit rechnet jedoch wohl niemand, der das Buchcover gesehen und den Titel gelesen hat.

Inhalt:

Jenna hatte einen schweren Autounfall, über dessen Hergang sie nichts mehr weiß, und wacht nach mehr als einem Jahr erst wieder aus dem Koma auf. Mit ihrer Mutter und Großmutter lebt das Mädchen in Kalifornien, wo die Familie erst vor kurzem hingezogen ist, während ihr Vater in Boston arbeitet und nur ab und zu für ein paar Tage zu dem Rest der Familie stößt.

Jenna fühlt sich jedenfalls seltsam nach dem langen Koma, und sie kann sich nicht mehr an Dinge von früher erinnern. Ihre Mutter fragt sie ständig, ob sie noch dies und das wisse, als könne sie damit Jennas Erinnerungen wieder aktivieren – doch Jenna muss das immer wieder verneinen. Um dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, hat Jenna eine große Sammlung an DVDs bekommen, auf denen alles Mögliche aus ihrem früheren Leben festgehalten ist. Es gibt Videoaufnahmen aus ihrer Kindheit, die neuesten Filme reichen bis zu der Zeit kurz vor ihrem Unfall mit 16 Jahren.

Es dauert zunächst ein bisschen, doch so langsam kommen Jennas Erinnerungen an früher zurück. Es sind zunächst Kleinigkeiten, die ihr wieder einfallen, doch dann wird es immer mehr. Am schmerzhaftesten sind dabei die Erinnerungen an ihre früheren Freunde Kara und Locke, die sie vermisst. In Kalifornien fühlt sich Jenna einsam, zumal es vor allem auch mit ihrer Großmutter nicht gut läuft. Auf den alten Videofilmen scheint diese Jenna sehr gemocht zu haben, doch in der Gegenwart ist davon nicht viel übrig geblieben und sie ist von ihrer Enkelin nur noch genervt. Warum eigentlich?

Überhaupt stellt sich Jenna viele Fragen: Was war das eigentlich genau für ein Unfall? Und warum redet darüber niemand mit ihr? Warum lebt die Familie so zurückgezogen in Kalifornien? Warum sind sie überhaupt dorthin gezogen, wo ihr Vater doch in Boston arbeitet, der Stadt, in der sie früher alle gelebt haben? Irgendwie scheinen die Antworten, die Jenna von ihrer Mutter bekommt, nur Ausflüchte zu sein. Und dann macht Jenna, als sie sich verletzt, eine seltsame Entdeckung: Sie scheint nicht aus Fleisch und Blut zu bestehen …

Bewertung:

„ZWEIundDIESELBE“ beginnt eher harmlos – man hält das Buch auf den ersten Seiten für einen Roman, in dem es um die Folgen für ein Mädchen, das bei einem schweren Unfall sein Gedächtnis verloren hat, geht. Doch nach und nach wird alles viel raffinierter … Wie Mary E. Pearson das in dem Buch lanciert, ist geschickt gemacht. Es sind kleine Andeutungen, die den Leser von Anfang an immer wieder ein bisschen verwirren (z. B. dass es schon zwei weibliche Präsidentinnen gab) und etwas später liest man dann so ganz nebenbei kurz vor Seite 50, dass auf einem Grabstein die Jahreszahl 1823 steht und die Verstorbenen somit bereits 200 Jahre tot seien. Da beginnt es einem zu dämmern, dass das Buch vielleicht doch nicht nur eine Geschichte über einen Gedächtnisverlust ist.

Jenna bemerkt, dass sie kein normaler Mensch ist (mehr sei hier – auch wenn es schwer ist, unter diesen Voraussetzungen eine Buchbesprechung zu schreiben – nicht verraten), und Mary E. Pearsons Roman wird psychologisch zunehmend interessanter. Denn Jenna fragt sich nicht nur, was mit ihr los ist, sondern auch, wer sie eigentlich ist. Ist sie überhaupt ein menschliches Wesen? Und wenn sie mit modernen medizinischen Mitteln am Leben gehalten wurde – wie viel ist eigentlich noch von der ursprünglichen Jenna übrig?

Das sind Fragen, die man aus einem anderen Jugendbuch, das auch 2009 erschienen ist, kennt: Kevin Brooks‘ „Being„. Die beiden Bücher ergänzen sich da ganz gut. Es werden darin Fragen gestellt wie: Was macht einen Menschen aus? Woher kommen unsere Gedanken und Gefühle? Kann man diese manipulieren? etc. Das sind Themen, die angesichts biomedizinischer Fortschritte und Gentechnik wichtig sind – es geht u. a. darum, inwiefern man Menschen auch mit künstlichen Mitteln am Leben halten darf.

An „ZWEIundDIESELBE“ (Übersetzung: Gerald Jung und Katharina Orgaß) hat mir jedoch nicht nur die Idee für das Buch gefallen, sondern letztendlich ist die Geschichte auch sehr geschickt erzählt. Dass man als Leser zunächst einmal etwas im Dunklen tappt, nicht weiß, was eigentlich los ist, wie man dann langsam an den Hintergrund zu Jennas Geschichte herangeführt wird und wie man dann mit den vielen Fragen, die Jenna nicht mehr aus dem Kopf gehen, konfrontiert wird – das alles ist gut gemacht und wurde in eine fesselnde Handlung gepackt. Da kann man auch verschmerzen, dass die Geschichte kurz vor Ende ein klein wenig auf der Stelle tritt (aber das gilt wirklich nur für 20 Seiten, wo dann gewisse Fragen ein wenig zu häufig wiederholt werden).

Fazit:

5 von 5 Punkten. Mary E. Pearsons Erstlingswerk hat mich fasziniert und war eine Überraschung, die ich aufgrund des Buchcovers nicht dahinter vermutet hätte. Die behutsame Science-Fiction-Geschichte, die nur wegen der biomedizinischen Möglichkeiten, die in dem Buch vorkommen, als Zukunftsroman angesehen werden kann, greift genial das Thema, was den Menschen ausmacht, auf – eine Frage, die man sich stellen muss, wenn man heute schon fast mögliche medizinische Errungenschaften wie das Klonen fortspinnt.

Da all diese Themen auch noch unterhaltsam und psychologisch raffiniert in einer packende Geschichte erzählt werden, bei der man auch als Leser – wie Jenna – erst nach und nach die Wahrheit hinter allem erfährt, muss man „ZWEIundDIESELBE“ ein ganz besonderes Buch nennen: eines, das sich spannend liest und das zugleich zu Diskussionen und zum Nachdenken anregt. Was bleibt einem da anderes übrig, als dieses Buch jugendlichen Lesern ab 14 Jahren dringend zu empfehlen? Am besten im Doppelpack mit Kevin Brooks‘ „Being“ …

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(Ulf Cronenberg, 15.08.2009)

Kommentare (0)

  1. Barbara Beiner-Meßing

    Mir hat auch schon „Unterbrich mich nicht, Gott“ gefallen. Allerdings ist das Muster „Tod, Handel mit Gott, neue Chance, noch einmal zu leben“ schon bewährt, wird immer mal wieder eingesetzt. „ZWEIundDIESELBE“ ist da deutlich origineller und auch spannender.
    Die Idee einer Kombination mit „Being“ von Kevin Brooks gefällt mir gut. Mal sehen …

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    1. Ulf Cronenberg

      „Unterbrich mich nicht, Gott“ kenne ich leider nicht. Aber „Zweiunddieselbe“ war wirklich ein tolles Buch. Was heißt „Kombination mit ‚Being'“? Für den Unterricht als Lektüre zum Vergleichen?
      Viele Grüße, Ulf

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  4. Marc Albrecht

    Eine absolut überzeugende Einschätzung. Mir erging es beim Lesen ganz genau so.
    Ich bin erstmals auf dieser Seite und bin begeistert!

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  5. nerdbrille :>

    Ich (15) hab das Buch gestern zu Ostern bekommen und heute morgen angefangen zu lesen. Die Autorin und das Buch waren mir völlig unbekannt, meine Mutter hatte es zufällig beim Stöbern in der Buchhandlung gefunden. Dem Buchrücken nach hat es absolut nichts mit Politik, irgendwelchen Biosachen zu tun und hört sich definitiv nicht nach einem Science-Fiction-Roman an.
    Inzwischen bin ich fertig, hab’s innerhalb von ein paar Stunden durchgelesen.
    Als Erstes dachte ich: „OK, da geht’s um jemanden, der sein Gedächtnis verloren hat und sich dann eventuell auf die Suche nach seinen Freunden macht, versucht sich wieder zu erinnern – oder so was in der Art.“
    So megafalsch lag ich damit zwar nicht (zumindest teilweise), aber nach einiger Zeit – das war etwa da, wo die Sache mit dem Bio-Gel anfing – wurde es dann … nun ja … bescheuert. Klar, dass Science-Fiction-Kram nicht realistisch ist, aber mir gingen die kurzen Sätze und der Stil, in dem die Autorin das Buch geschrieben hatte, einfach nur auf die Nerven.
    Aber ich mache keine halben Sachen, quälte mich weiter durch. Viele Sachen sind vorhersehbar – Freunde tot, die Sache mit der Oma, Zerstörung der Computer, Rettung von Allys.
    Das Ende veränderte den Eindruck von dem Buch leider auch nicht. Ein Buch kann noch so blöd sein, aber wenn das Ende spitze geschrieben ist und da eine ordentliche Handlung ist, wirkt das Buch gleich viel besser. Hier: 260 Jahre weiter in der Zukunft, und ihr Mann/Freund Ethan ist inzwischen gestorben. Irgendwie hatte ich erwartet, dass sie sich nach ihrem Tod umbringt oder so was Romantisches halt … Stattdessen gründet sie eine WG mit Allys. Ich hatte mehr erwartet (ja, und das, obwohl ich eigentlich keine hohen Ansprüche mehr hatte!)

    Fazit: Wer’s mag – mein Fall ist es definitiv nicht! Blatt- und Geldverschwendung. Für Tennager zu langweilig und für Leute, die gerne und viel lesen – besonders Bücher wie „Der Chronist der Winde“, „Anne Frank“, „Die Welle“, „Romeo und Julia“ und dergleichen – ist es wohl eher nichts.

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