
(Peter-Hammer-Verlag 2026, 283 Seiten)
Ein ungewöhnliches Cover ist es ja schon, das Will Gmehlings ersten Jugendroman (sofern ich richtig informiert bin) ziert, und vor allem das Farbspiel um das links zu sehende Auge lässt Raum für Spekulationen … Will Gmehling hat bisher insbesondere Bilder- und Kinderbücher für jüngere Leser/innen geschrieben, und bekannt geworden ist er vor allem mit „Freibad“, Band 1 der Bukowski-Reihe, die mir sehr gut gefallen hat. Für „Freibad“ hat er im Jahr 2020 auch den Deutschen Jugendliteraturpreis verliehen bekommen.
Inhalt:
Stuxx schwimmt im Leben so dahin, und es gibt einiges, was bei ihm nicht so richtig gut läuft. Seine Mutter hat die Familie völlig unerwartet vor 4 Jahren verlassen. Seitdem schlagen sie sich zu dritt durch: sein Vater, der als Straßenkehrer arbeitet, Lila, die kleine Schwester, die noch in den Kindergarten geht, und Stuxx. Sie leben in beengten Verhältnissen, das Geld ist immer knapp. Stuxx leidet vor allem darunter, dass er mit seiner 4-jährigen Schwester noch gemeinsam in einem Zimmer leben muss. Und auch in der Schule läuft es nicht gerade rund.
Einer der wenigen Lichtblicke in Stuxx‘ Leben ist Luzie Karsunke, in die er schon lange verliebt ist und die er in den Pausen heimlich beobachtet. Doch Kontakt mit ihr aufzunehmen, traut sich Stuxx nicht. Dass das doch passiert, ist zwei Dingen geschuldet: Zum einen trifft er Luzie und ihre Mutter beim Boule-Spielen auf einer Wiese. Vorher war er von einigen Rentnern gefragt worden, ob er mitspielen will. Er, der noch nie eine Boule-Kugel in der Hand hatte, beeindruckt alle damit, dass er aus dem Stegreif alle besiegt. Mit Luzie ist die Konversation auf der Wiese allerdings noch ausbaufähig; Stuxx stammelt nur herum.
In der Schule lernt er Gong, einen aus Südkorea stammenden Mitschüler, nach und nach besser kennen; die beiden freunden sich an. Es ist zum anderen Gong, der dafür sorgt, dass Stuxx und Luzie in der Schule miteinander reden. Kurz darauf wird wahr, wovon Stuxx nur zu träumen wagte: Er und Luzie verabreden sich für einen Sonntagnachmittag – nur blöd, dass ausgerechnet an diesem Tag Stuxx‘ Mutter angekündigt hat, die Familie nach 4 Jahren ohne Kontakt besuchen zu wollen.
Bewertung:
Was sind das für coole Namen, die Will Gmehling in seinem Buch verwendet. Stuxx heißt eigentlich Stefan Uwe Max Dönnerschlach, worunter Stuxx selbst ein wenig leidet; Luzie Karsunke ist auch nicht gerade ein gewöhnlicher Name, und dann ist da noch Gong Hwangbo, der im Laufe des Buchs Stuxx‘ Freund wird. Es sind jedenfalls Namen, die man mitsamt ihren Figuren nicht vergisst.
Stuxx ist ein Junge im besten Pubertätsalter. Mit seinen noch nicht ganz 14 Jahren träumt er von schönen Autos – vor allem einem Ford Thunderbird (sicher kein Zufall, dass Stefan Dönnerschlach von einem Donnervogel schwärmt) –, von einem unerreichbar scheinenden Mädchen, und auch davon, dass sie in der Familie nicht immer knapp bei Kasse sind. Auch mit anderen Dingen ist er nicht zufrieden: Wenn Stuxx in den Spiegel schaut, gefällt ihm nicht so wirklich, was er sieht; in der Schule traut er sich wenig zu und schreibt meist schlechte Noten. Ja, die Zeichen sind auf wenig Selbstbewusstsein gestellt. Stuxx ist weit davon entfernt, seinen Platz im Leben gefunden zu haben; ob er ihn finden wird, steht auf der Kippe.
Was ich schon an den Bukowski-Büchern mochte, zeichnet auch „Stuxx“ aus: Will Gmehlings Hauptfiguren sind keine reichen, privilegierten Menschen. Nein, sie müssen sich – wie Stuxx‘ Vater – mühsam durchs Leben kämpfen, haben chronisch Geldsorgen. Und trotzdem gibt es in den Büchern Will Gmehlings Figuren, die sich redlich bemühen, für ihre Kinder da zu sein: Bei den Bukowskis sind es beide Eltern, in „Stuxx“ der Vater. Dabei fühlt sich Stuxx‘ Vater oft hilflos und überfordert; doch er mag seinen Sohn, hält zu ihm, versucht ihn mit seinen bescheidenen Mitteln zu stützen. Besonders eindrucksvoll wird einem das in einer Szene vor Augen gehalten: Als sein Sohn ihm vom Treffen mit Luzie erzählt, das am gleichen Tag wie der Besuch der Mutter stattfindet, reagiert der Vater anders, als Stuxx es erwartet.
„Stuxx“ handelt davon, wie ein Junge Stück für Stück zu sich selbst findet und am Ende selbstbewusster auf sich und sein Leben blicken kann. Ja, Stuxx schafft es, sich seiner selbst zu ermächtigen. Dass das gelingt, ist allerdings auch den Umständen – vor allem den Menschen, die Stuxx um sich hat – zu verdanken. Da ist vor allem Gong, ein ungewöhnlicher Freund, zu nennen, der selbst Außenseiter ist: wegen seines eigenwilligen schlacksigen Gangs, seiner oft verschwurbelten Ausdrucksweise, seiner Herkunft, aber auch, weil er sich zu einem Mitschüler und nicht zu Mädchen hingezogen fühlt. Im Gegensatz zu Stuxx hat Gong aber Vertrauen in sich und das Leben; und es gelingt ihm, einiges davon an Stuxx weiterzugeben.
Es sind nicht nur die Namen, die in „Stuxx“ ungewöhnlich sind – in Will Gmehlings Jugendroman sind einige skurrile Ideen zu finden. Dazu zählt, dass Gegenstände und Dinge mehrmals mit Stuxx sprechen: ein Fluss, drei Mülltonnen oder Lilas nervige Arielle-Puppe. Überrascht wird man außerdem von einer filmreifen Szene, bei der Stuxx und Gong am Ende eine Spritztour mit einem Ford Thunderbird unternehmen. Und ein weiteres Faszinosum ist Stuxx‘ Gespür für Boule-Kugeln. So richtig erklären, warum Will Gmehling an einigen Stellen die sonst eher realistische Anlage des Buchs verlässt, kann man nicht. Aber es fühlt sich stimmig an und macht den Jugendroman aus.
Mir hat das Buch jedenfalls in seiner Gesamtheit gefallen, sicher auch, weil ich schon immer einen Faible für schüchterne Figuren wie Stuxx hatte. Oft weiß er nicht, wie er sich verhalten soll, wie er auf das, was andere zu ihm sagen, reagieren soll. Und es ist auch die zarte Liebesgeschichte mit Luzie Karsunke, die Will Gmehling einfühlsam zu inszenieren weiß. „Stuxx“ setzt sich deutlich davon ab, dass heutzutage in vielen Büchern alles immer rasant zugehen muss.
Fazit:
5 von 5 Punkten. Es sind vor allem die Figuren in Will Gmehlings Roman, die sich – um ein wenig pathetisch auszudrücken – beim Lesen in mein Herz geschlichen haben. „Stuxx“ handelt von Menschen, die es nicht leicht haben, die aber dazulernen, die mit den Widrigkeiten des Lebens ringen, manchmal überfordert sind, aber dann doch ihren Weg finden. Die Basis, damit das gelingen kann, ist, dass man Menschen findet, die einen mögen, die einen unterstützten, die zu einem halten. Und neben seinem Vater und Luzie Karsunke, dem Mädchen, in das Stuxx heftigst verliebt ist, ist es vor allem Gong, der Stuxx Halt und damit Entwicklungsmöglichkeiten gibt.
Stuxx weiß, dass er weit entfernt davon ist, perfekt zu sein, aber er beginnt sich auf den Weg zu machen, einiges zu ändern. Will Gmehling hat das alles in eine nachvollziehbare, in eine zugleich anrührende Geschichte gepackt. Und sie mag jugendlichen Leser/inne/n, die sich vielleicht ähnlich wie „Stuxx“ fühlen, Mut machen, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. „Stuxx“ ist eine runde Geschichte, von seinem Autor gekonnt inszeniert; es ist ein Buch, das einfühlsam vom Leben in einer in Teilen zerbrochenen Welt erzählt. Doch auch daraus kann man etwas machen. „Stuxx“ ist ein Mutmachbuch, das aufzeigt, wie man den Schwierigkeiten des Lebens trotzen kann.
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(Ulf Cronenberg, 19.02.2026)
P. S.: Wenn ich noch eine Kleinigkeit anmerken darf: Die typischen Reifen eines Thunderbirds werden Weißwandreifen, nicht wie im Buch Weißrandreifen genannt … 😉
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