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Buchbesprechung: Marina Keegan „Das Gegenteil von Einsamkeit“

keegan_einsamkeitLesealter 16+(Fischer-Verlag 2015, 281 Seiten)

Das Buch von Marina Keegan umweht etwas Bitteres, denn es wird das einzige und letzte Buch der Autorin bleiben. Mit 22 Jahren kam die Studentin, die unbedingt Schriftstellerin werden wollte, bei einem Autounfall ums Leben. Ihr Freund war am Steuer eingeschlafen – er überlebte den Unfall, sie nicht. Marinas Eltern verzichteten auf eine Klage gegen Marinas Freund, weil diese das sicher nicht gewollt hätte. Erschienen ist „Das Gegenteil von Einsamkeit“ posthum – eine Professorin der Yale University, an der Marina studierte, kümmerte sich darum, dass die besten Texte, die das Mädchen bis dahin geschrieben hatte, in einem Buch veröffentlicht wurden.

Eröffnet wird das Buch von einem längeren Vorwort der amerikanischen Autorin Anne Fadiman,
die Marinas Professorin, man könnte auch Mentorin sagen, war. Man erfährt so vorab einiges über die Person Marina Keegans, die beschlossen hatte, mit „Haut und Haar“ eine richtige Schriftstellerin zu werden: eine jungen Studentin, die – das ist natürlich nicht anders zu erwarten – eigensinnig-genial dargestellt wird. Erklärt wird außerdem der Aufbau des Buches: Die größere Hälfte nehmen Kurzgeschichten Marina Keegans ein, der zweite Teil besteht dann aus Essays zu ganz verschiedenen Themen.

Eigentlich – das sei offen gesagt – wollte ich nur mal in das Buch hineinschauen und hatte eher damit gerechnet, dass ich es bald wieder zur Seite legen würde. Aber gleich die erste Kurzgeschichte „Kalte Idylle“ hat mich extrem gefesselt – es ist allerdings auch die beste in dem Buch: Brian, der Freund der Erzählerin Claire, ist gestorben, und die frühere Freundin von Brian, Lauren, bittet Claire, dessen Tagebücher an sich zu nehmen: weil Brian bestimmt nicht gewollt hätte, dass seine Eltern sie lesen. Claire ist hin- und hergerissen, entwendet die Tagebücher dann aber doch und beginnt schließlich irgendwann selbst darin zu lesen … Und das setzt einiges bei Claire in Gang.

Mehr sei über die Geschichte nicht verraten – aber das Szenario von „Kalte Idylle“ ist raffiniert, auf psychologischer, aber auch auf erzählerischer Ebene. Claire muss immer wieder über ihre Beziehung zu Brian, dem gegenüber sie ambivalente Gefühle hatte, nachdenken, und erfährt auch so einiges über Lauren – Dinge, die sie gar nicht wissen wollte. Das ist jedenfalls eine Kurzgeschichte, die man gelesen haben sollte …

Und die anderen Kurzgeschichten? Sie haben vielleicht nicht die Perfektion von „Kalte Idylle“, aber sind durchaus ebenfalls lesenswert. Bizarre Themen findet man darunter: Die Geschichte einer alten, von der eigenen Ehe desillusionierten Frau, die einem jungen Blinden Geschichten vorliest und sich dabei immer auszieht; die Geschichte einer Frau, die nach einer verlorenen Liebe keine neue mehr findet, schließlich nach fast 20 Jahren aber ein Kind adoptiert und ihren alten Freund wiedertrifft; die Mails eines in Afghanistan eingesetzten Soldaten, der an seine Freundin, die immer seltener antwortet, schreibt, der sich zunehmend in Afghanistan und seinen Wirren verliert.

Man muss schon sagen: Für eine Studentin, die mit 22-einhalb Jahren gestorben ist, sind das beeindruckende Kurzgeschichten, vor allem auch, weil die Figuren nicht nur Jugendliche aus der eigenen Erlebniswelt, sondern immer wieder auch Erwachsene in ganz anderen Lebensphasen sind. Irgendwann stellte sich bei mir ein James-Dean-Gefühl ein: Welche Tragik, dass eine so talentierte Schriftstellerin so früh gestorben ist.

Die an die Kurzgeschichten anschließenden Essays habe ich auch alle gelesen – sie sind meist persönlich gehalten, aber immer mit dem Bemühen um eine gewisse Distanz. Es geht u. a. um Marina Keegans Mutter und deren Reaktion auf die Zöliakie Marinas oder um einen Kammerjäger, der seinen Job mit Herzblut erledigt. Am besten gefallen hat mir „Sogar Artischocken haben Zweifel“ – ein Essay über die Frage, warum 25 % der Yale-Absolventen nach dem Studium im Consulting- und Finanzsektor zu arbeiten beginnen. Marina Keegan beschreibt, wie raffiniert McKinsey Absolventen ködert – mit der Aussicht auf angeblich unvergleichliche Berufserfahrungen –, wie wenig davon allerdings später in Erfüllung geht. Und indem sie für ihren Essay Studenten interviewt, zeigt sie, dass viele während des Studiums idealistisch die Welt verbessern oder kreativ tätig sein wollen, am Ende aber doch oft durch das große Geld angezogen werden – angeblich nur erst einmal für ein paar Jahre …

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Ja, was soll ich sagen: Marina Keegans „Das Gegenteil von Einsamkeit“ hat mich überrascht. Das Buch, in das ich einfach mal reinlesen wollte, hat mich fast durchgängig überzeugt – obwohl ich anfangs mehr als skeptisch war, was die eigenwillige Mischung aus Kurzgeschichten und Essays angeht. Die Kurzgeschichten zeigen, dass ein großes Talent durch einen Autounfall ums Leben gekommen ist – „Kalte Idylle“, Marina Keegans beste Kurzgeschichte, hat mich wirklich staunen lassen. Die Essays sind hier und da vielleicht etwas oberflächlich und ein Tick zu persönlich, auch sind sie in manchem sehr aus einem amerikanischen Blickwinkel heraus geschrieben. Aber immer wieder werden auch Dinge demontiert: das Treiben von Consulting- und Finanzfirmen oder der amerikanische Traum, in Afghanistan für eine bessere Welt sorgen zu können.

Mutig ist es vom Fischer-Verlag in jedem Fall, das Buch einer Autorin herauszugeben, die nicht mehr lebt und von der es nichts Weiteres mehr zu veröffentlichen geben wird. „Das Gegenteil von Einsamkeit“ ist aber in vielem erfrischend, insbesondere auch in seiner Mischung aus ausführlichem Vorwort über Marina Keegan, literarischen Versuchen der Autorin sowie deren Essays.

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(Ulf Cronenberg, 14.06.2015)

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Kommentar (1)

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