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Buchbesprechung: Friedrich Ani „Die unterirdische Sonne“

ani_sonneLesealter 14+(cbt-Verlag 2014, 333 Seiten)

Eigentlich bin ich über dieses Buch schon vor langer Zeit gestolpert: Eine Kollegin meinte, als wir über Kevin Brooks‘ „Bunker Diary“ sprachen, ob ich nicht auch Friedrich Anis „Die unterirdische Sonne“ gelesen hätte, weil die Grundszenarien beider Bücher ziemlich ähnlich seien. Doch dann habe ich „Die unterirdische Sonne“ wieder aus den Augen verloren. Ein halbes Jahr später stand Friedrich Anis Buch auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2015 – und vor ein paar Wochen hatte ich mir vorgenommen, die zwei mir unbekannten der sechs Jugendromane auch noch anzuschauen.

Inhalt:

In einem unterirdischen Kellerraum treffen nach und nach mehrere Jugendliche aufeinander, die dort gefangen gehalten werden. Leon ist von allen am längsten da, die anderen Jugendlichen, die nach und nach hinzukamen, heißen Maren, Sophia, Conrad und Eike. Alle wurden von einem Mann oder zwei Männern überwältigt und dann in den Keller gebracht. Die fünf Jugendlichen vermuten, dass sie sich auf einer Insel befinden, weil sie immer wieder Meerluft riechen.

Mit den notwendigsten Dingen werden sie täglich so einigermaßen versorgt. Das Schlimmste an ihrer Gefangenschaft ist jedoch neben der Ungewissheit, wie es mit ihnen weitergeht, dass täglich ein oder mehrere von ihnen für einige Stunden nach oben geholt werden. Was genau in den Stunden oben im Haus passiert, wissen die Fünf nicht voneinander, denn ihnen wurde gesagt, dass sterben würde, wer davon berichtet. Doch wer von oben zurückkehrt, ist meist verstört und erst einmal nicht ansprechbar.

Eines Tages kommt ein weiterer Gefangener im Kellerverlies hinzu: Noah sieht deutlich jünger aus, als er mit seinen 18 Jahren ist, und läuft wegen eines verkrüppelten Beins am Stock, vor allem ist er aber sperrig und unnahbar, so dass die Konflikte innerhalb der Gruppe zunehmen. Dennoch ändert sich ansonsten nichts: Die nun sechs Jugendlichen wissen nicht, warum sie gefangen gehalten werden, verzweifeln an der Situation, versuchen sich gegenseitig mehr schlecht als recht zu stützen und leben in diesem unerträglichen Trott.

Bewertung:

Ist es Zufall, dass zwei Autoren (Kevin Brooks und Friedrich Ani) relativ zeitnah ein fast ähnliches Szenario zu einem Jugendroman verarbeiten, in dem Jugendliche (bei Brooks auch Erwachsene) ohne Grund in einem Kellerverlies festgehalten und gequält werden? Sagt das etwas über unsere Gesellschaft aus? Der ein bisschen an die beiden Romane erinnernde Entführungsfall der Natascha Kampusch ist jedenfalls schon 2006 zu Ende gegangen und dürfte damit keine direkte Vorlage für beide Jugendromane gewesen sein. Wenn man genau ist, ist Kevin Brooks‘ Roman auf Englisch ein Jahr vor Anis „Die unterirdische Sonne“ erschienen – aber gehen wir mal davon aus, dass sich Friedrich Ani für sein Buch nicht von einem anderen Roman inspirieren hat lassen …

Ich habe mich mit „Bunker Diary“ schwer getan, und so ging es mir auch mit „Die unterirdische Sonne“. Dass Jugendliche ohne Grund überwältigt und in einem Kellerraum ohne Tageslicht gefangen gehalten werden, empfinde ich als ziemliche Zumutung. Ja, ich weiß, in der Realität sind solche und schlimmere Dinge passiert, dennoch setzt mir diese Grundstory zu. Jean-Paul Sartres „Geschlossene Gesellschaft“, an das die beiden Jugendromane erinnern, ist da, weil es ein fiktiveres, zeitloseres Szenario hat, vergleichsweise harmlos. „Die unterirdische Sonne“ geht einem näher, denn das Buch handelt von den heutigen menschlichen Abgründen.

Erst mal eher technisch betrachtet, ist Friedrich Anis Jugendroman ziemlich raffiniert gemacht. Das betrifft vor allem die selbst innerhalb von Kapiteln wechselnde personale Erzählperspektive, die so nahtlos von einer zur anderen Person übergeht, dass man es kaum mitbekommt. Mit Bedacht wird hier in das Innere der Figuren geschaut – das von den Entführern auferlegte Redeverbot kann durch die personale Sicht auch vor dem Leser aufrecht erhalten werden. Nur andeutungsweise erfährt man, was die Erwachsenen, wenn sie die Jugendlichen nach oben holen, mit diesen tun. Details bleiben dem Leser verborgen und somit erspart.

Die Dramaturgie des Buches kennt – vor allem in der ersten Hälfte – keine wirklichen Höhepunkte, was aber ja dem Geschehen im Kellerverlies entspricht. Es sind vor allem zwei Momente, in denen das Buch drängender wird: als Noah in die Gruppe kommt und als er wieder „geht“. Die Gleichförmigkeit der Tage, das tägliche Bangen, die Hoffnungslosigkeit, die Versuche der Jugendlichen, sich gegenseitig Kraft zu geben, bestimmen ansonsten den Roman. Und ich musste mich – das sei ehrlich zugegeben – lange Zeit sehr bewusst aufraffen, das Buch weiterzulesen.

Der Wendepunkt kam für mich, als die Jugendlichen beschließen, sich gegenseitig Märchen zu erzählen – da hat man schon gut die Hälfte des Buchs hinter sich. Die vier Märchen gehören für mich neben dem Ende zu den besten Stellen des Buchs. Ihre eigene Geschichte, ihre Hoffnungen und Sehnsüchte packen die Jugendlichen hier in metaphorische Geschichten, die mehr sagen, als das Tatsachenberichte tun würden. Von da an bleibt der Roman bis zum Ende wirklich packend, bis das unerwartete und eigenwillige Ende ihn abrundet.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Die unterirdische Sonne“ ist ein, finde ich, extrem sperriges Buch, ein Buch, das dem Leser einiges abverlangt, ein Buch, das vom Leser erwartet, einiges auszuhalten. Wie auch Kevin Brooks‘ Romanpendant „Bunker Diary“ bekommt man keine auch nur irgendwie ausreichende Erklärung dafür, warum die Jugendlichen festgehalten werden; man schaut – leider, könnte man sagen, denn interessant wäre das auch … – nicht in das verquere und gewaltbereite Seelenleben der Entführer, sondern nur in das der gefangenen Jugendlichen.

Literarisch hat mich Friedrich Anis Jugendroman beeindruckt – das betrifft vor allem dessen Erzählweise und -stil. Auch die Figuren bekommt Ani gut zu fassen – jeder mit seiner eigenen Vorgeschichte und Vergangenheit. Und dennoch: Die erste Hälfte des Romans musste ich mich immer wieder durch das Buch schleppen. Das nicht gerade angenehme Szenario sowie die Gleichförmigkeit der Story haben mich nicht wirklich gepackt. Erst mit dem Eintreten von Noah und der sich dadurch veränderten Gruppendynamik hat der Roman mich nicht mehr losgelassen.

„Bunker Diary“ oder „Die unterirdische Sonne“? Am besten liest man beide Jugendromane … Friedrich Ani hat für mich das literarischere Buch geschrieben, Kevin Brooks das noch etwas nihilistischere und gnadenlosere, das zudem von der Dramaturgie her packender ist.

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(Ulf Cronenberg, 01.06.2015)

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Kommentar (1)

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