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Buchbesprechung: John Corey Whaley „Das zweite Leben des Travis Coates“

whaley_lebenLesealter 14+(Hanser-Verlag 2015, 301 Seiten)

John Corey Whaley ist ein noch recht junger amerikanischer Schriftsteller, dessen Debütroman „Hier könnte das Ende der Welt sein“ letztes Jahr auf Deutsch erschienen ist – ein nicht ganz stromlinienförmiges Buch, das mir gut gefallen hat. Über Whaleys zweiten Jugendroman „Das zweite Leben des Travis Coates“ habe ich schon einiges gehört, und nach ein paar Schlummermonaten in einem meiner Lesestapel habe ich das Buch herausgezogen, um mir selbst ein Bild davon zu machen.

Inhalt:

Travis war unheilbar an Leukämie erkrankt, und als ein Forscher an ihn und seine Familie herangetreten war, um von seinen neuesten medizinischen Fortschritten zu berichten, willigte Travis mit seiner Familie in ein Wagnis ein: Travis‘ Kopf soll eingefroren werden, bis der medizinische Fortschritt so weit sei, dass er einen neuen Körper bekommen kann. Niemand hatte damit gerechnet, dass es schon fünf Jahre später so weit sein sollte … Travis erwacht im Krankenhaus mit neuem Körper, als hätte er fünf Jahre geschlafen.

Eine komische Situation ist das schon: Travis‘ Freunde und auch seine Freundin sind fünf Jahre älter geworden, er nicht – und während sich seine Eltern kaum verändert rührend um ihn kümmern, machen sein bester Freund Kyle und seine Freundin Cate einen Bogen um ihn. Zu Kyle, inzwischen ein junger Mann, stellt Travis bald Kontakt her und im Großen und Ganzen freunden sich beide wieder an. Bei Cate ist es komplizierter: Travis erfährt, dass seine große Liebe inzwischen mit einem anderen Mann verlobt ist. Lange hält sie sich von Travis fern.

Seltsam ist auch, dass Travis wieder in die Schule gehen muss, während seine früheren Freunde alle bereits die Schule verlassen haben – immerhin findet er dort bald einen neuen Freund: Hatton ist ein Junge, der herzerfrischend und unverkrampft auf Travis zugeht. Die sonstigen Menschen um Travis herum dagegen behandeln ihn fast, als wäre er ein Außerirdischer – denn schon bald hat sich herumgesprochen, dass sein Kopf transplantiert wurde. Am wenigsten kommt Travis jedoch damit zurecht, dass Cate verlobt ist. Er will sie unbedingt wieder zurückhaben …

Bewertung:

Einen Science-Fiction-Roman kann man das Buch nicht nennen, denn von der Kopftransplantation abgesehen ist „Das zweite Leben des Travis Coates“ (übersetzung: Andreas Jandl) ein ganz normales Buch, das in der Jetztzeit spielt. Die Transplantation ist eher ein Vehikel, das zwei bizarre, aber interessante Gedankenspiele provoziert: Ist man eigentlich mit einem anderen Körper noch derselbe? Und was passiert, wenn die Zeit bei allen anderen Menschen weiterläuft, man selbst aber für fünf Jahre stehenbleibt?

Die erste Frage wird in John Corey Whaleys Buch eher am Rande behandelt. Travis merkt zwar irgendwann, dass er von Jeremy, dessen Körper er bekommen hat, einige Fähigkeiten übernommen hat (so findet er sich zum Beispiel auf einem Skateboard gut zurecht) – aber ansonsten widmet sich der Jugendroman eher der zweiten Frage. Und für Travis ist es nicht gerade einfach, nach fünf Jahren wieder Fuß zu fassen, während alle anderen gealtert sind und sich weiterentwickelt haben.

Ein interessantes Szenario, über das ich nur staunen konnte, ist das mit der Kopftransplantation ja schon. Die Idee erscheint auf den ersten Blick abstrus, aber sie macht Konflikte und eine Psychodynamik deutlich, die John Corey Whaley dann auch gut auslotet. Es geht um Freundschaften (Kyle, der Freund, der sich weiterentwickelt hat; Hatton, der neue Freund), um Travis‘ Familie und um Cate. Bei Travis Familie scheint sich in den fünf Jahren nicht viel getan zu haben – seine Eltern sind im Wesentlichen so wie früher; erst nach zwei Dritteln des Buchs wird man dann in Bezug auf Travis‘ Eltern von etwas überrascht … Und was Cate angeht, so kann und will Travis sich nicht daran gewöhnen, dass diese nun einen Verlobten hat. Er will sie zurückerobern, verschließt die Augen vor der Realität und verhält sich Cate gegenüber nicht immer geschickt, ja, bisweilen aufdringlich. Da gibt es kleinere Szenen mit Slapstick-Elementen, bei denen man schmunzeln muss, die jedoch eigentlich zeigen, wie verzweifelt Travis ist.

Wenn man sich fragt, was die Stärken von „Das zweite Leben des Travis Coates“ sind, so lassen sich neben der Grundidee meiner Meinung nach vor allem zwei Dinge nennen: John Corey Whaley gelingt es, wie in seinem Debütroman, zum einen eigenwillige, aber plausible Charaktere zu zeichnen. Zum anderen hat Whaley ein gutes dramaturgisches Gespür und weiß, wann eine Geschichte eine neue Wendung braucht. Es gab ein paar Momente, an denen das Buch vor der Gefahr stand, etwas eintönig zu werden, und immer dann platzierte Whaley etwas, was wieder Schwung in das Buch brachte. Zu dem Buch gehören viele Rückblenden, in denen Travis auf die Jahre vor seinem „ersten“ Tod schaut und vergleicht, was sich seit damals verändert hat, und auch das ist geschickt gemacht.

Aber noch mal zurück zu den Figuren: Travis ist ein sympathischer Ich-Erzähler, den man schnell ins Herz geschlossen hat. Doch damit das Buch funktioniert, benötigt es mehr: Und hier kommen vor allem Hatton und Kyle ins Spiel, der alte und der neue Freund; die Dialoge zwischen den beiden einerseits und Travis andererseits, gefallen mir besonders gut. Typische Jungenfreundschaften werden hier beschrieben. Cate steht dem in nichts nach, auch sie wird als eigensinnige Figur gezeichnet: ein Mädchen mit Ecken und Kanten, das aber weiß, was es will, das mit Travis vor seinem Leukämie-Tod nicht eine rührselige Abschiedsliebe geführt hat, sondern das sich auf seine Art sehr einfühlsam mit Travis und dessen Tod auseinandergesetzt hat.

Fazit:

5 von 5 Punkten. Dass John Corey Whaleys zweiter Roman – wenn auch vielleicht ein bisschen weniger als „Hier könnte das Ende der Welt sein“ – gut dosierte Ecken und Kanten hat, gerade bei den Figuren, hat mich gefreut. Das ist für mich das, was die bisherigen zwei Bücher des amerikanischen Autors ausmacht. „Das zweite Leben des Travis Coates“ besticht mit seinem Gedankenspiel einer Kopftransplantation und deren Folgen, setzt eine gut platzierte Geschichte gekonnt in Szene, die man einerseits gerne liest, die andererseits aber auch zum Nachdenken anregt. Es macht gute Jugendromane aus, dass sie etwas andere Wege gehen, und John Corey Whaley ist das mit seiner ungewöhnlichen Idee, ohne Zweifel geglückt.

„Das zweite Leben des Travis Coates“ ist ein Buch, dem man viele neugierige Leser wünscht, und auch wenn Travis als Ich-Erzähler ein Junge ist, auch Mädchen werden sich – auch wegen Cate – mit diesem Buch anfreunden können. Ja, lest dieses Buch – es rentiert sich!

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(Ulf Cronenberg, 22.06.2015)

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Lektüretipp für Lehrer!

„Das zweite Leben des Travis Coates“ ist vielleicht keine ganz typische Lektüre für den Deutsch- oder Ethikunterricht, aber es ist ein Buch, das sich meiner Meinung nach dennoch für die Schule eignet – vor allem, weil die Idee, dass Travis fünf Jahre später wieder aufwacht, interessante Diskussionen anregen dürfte. John Corey Whaleys Jugendroman bietet außerdem sowohl für Jungen wie für Mädchen (ab Klasse 9) Figuren mit Identifikationspotenzial. Benötigt wird allerdings, das muss man auch sagen, sicher eine eher offene und interessierte Klasse, denn eine packend-spannende Handlung mit Action-Elementen hat dieses Buch nicht zu bieten.

Kommentar (1)

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