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Buchbesprechung: Pete Smith “So voller Wut”

Cover SmithLesealter 14+(Ueberreuter-Verlag 2009, 159 Seiten)

Der 26. April 2002 war ein schlimmer Tag in der Geschichte Deutschlands, nicht weil da unbedingt etwas passiert ist, was in Geschichtsbüchern stehen wird, sondern weil das der Tag ist, an dem Robert Steinhäuser in Erfurt am Gutenberg-Gymnasium 17 Menschen tötete. Es war der erste große Amoklauf (Wikipedia-Artikel dazu) in Deutschland, der zeigte, dass solche schrecklichen Taten nicht nur in den USA vorkommen.

Der in Frankfurt lebende Autor Pete Smith hat das Thema Amoklauf aufgegriffen und einen Jugendroman dazu geschrieben – kein einfaches Vorhaben, denn über das Thema einfühlsam und ohne Sensationslust zu schreiben, ist gar nicht so leicht.

Inhalt:

Als Jamal eines Morgens zu spät in die Schule kommt, bemerkt er schon auf dem Pausenhof, dass etwas nicht stimmt. Hinter der Eingangstür wird er schon erwartet und vom Hausmeister sowie Polizisten durchsucht. Wie er hinterher erfährt, hat es in einer E-Mail an das Kultusministerium die Androhung eines Attentats an einem Frankfurter Gymnasium gegeben – und deswegen werden auch die Schüler des Heinrich-Böll-Gymnasiums, auf das Jamal geht, gefilzt.

Der Tag vergeht, ohne dass etwas passiert – trotzdem werden die Schüler aus Vorsicht entweder von den Eltern abgeholt oder mit einem gecharterten Bus nach Hause gebracht. Jamal fragt sich, wer so eine Androhung umgesetzt haben könnte. Als die Frankfurter Rundschau die E-Mail an das Kultusministerium veröffentlicht, ist es ein Wort, das ihn hellhörig werden lässt: „Pestbeulen“, womit die Lehrer gemeint sind. Er hat das Wort erst neulich von seiner Freundin Jasmin gehört.

Jasmin ist außerdem seit Tagen seltsam zu ihm, sie wehrt alle seine Kontaktversuche ab, und irgendwann ist sich Jamal sicher, dass das Mädchen etwas mit der Sache zu tun hat. Und tatsächlich: Jasmin und eine Freundin bekennen sich dazu, die Mail an das Kultusministerium geschickt zu haben – ihre Begründung, so etwas aus Langeweile gemacht zu haben, nimmt ihnen niemand ab. Für Jasmin und ihre Freundin beginnt eine schwere Zeit, und es ist klar, dass es zu einer Gerichtsverhandlung mit dem Ergebnis eines möglichen Gefängnisaufenthalts kommen wird. Jamal versucht, so gut es geht, zu seiner Freundin zu halten.

Was beide jedoch nicht wissen, ist, dass da jemand anderer wirklich einen Amoklauf an einem Frankfurter Gymnasium plant …

Bewertung:

Was Pete Smith sich da traut, ist nicht ganz ohne … Einerseits ist das Thema Amoklauf seit einigen Jahren immer wieder präsent, weil es inzwischen mehrere solcher Taten auch in Deutschland gab und die Medien sie – oft sensationslüstern – aufgegriffen haben. Andererseits ist das Thema aus verschiedenen Gründen heikel: Was wirklich in Jugendlichen, die einen Amoklauf planen und durchführen, vorgeht, ist nicht einfach zu beschreiben – auch wenn die Tagebücher der Täter des Columbine-Attentats in den USA erst kürzlich in einem Buch (Joachim Gaertner: „Ich bin voller Hass – und das liebe ich!! Dokumentarischer Roman. Aus den Original-Dokumenten zum Attentat an der Columbine Highschool“; Eichborn-Verlag 2009) erschienen sind.

In das Buch sind fiktive Online-Tagebuch-Einträge des Täters (es kommt am Ende des Buches zu einem Amoklauf) eingestreut, und diese wirken meiner Meinung nach relativ authentisch. Man merkt, dass Pete Smith sich mit dem Thema beschäftigt hat, und dementsprechend vielschichtig wird auch die widersprüchliche Psyche des jungen Täters dargestellt. Auch der Amoklauf an sich wird so beschrieben, dass die Gratwanderung zwischen deutlicher Darstellung, ohne gewaltverherrlichend zu sein, und der Unfassbarkeit der Tat gelingt. Hier hat Pete Smith Besonderes geleistet.

Schwächen sind in „So voller Wut“ dagegen an anderer Stelle auszumachen. Meiner Meinung nach zeigt die Geschichte um Jasmin zu wenig Tiefgang. Warum Jasmin die Mail an das Kultusministerium geschrieben hat, wird nicht so richtig stimmig und ausreichend erklärt. Überhaupt bleibt das Mädchen über das ganze Buch hinweg blass und es bleiben Fragen offen. Es passt einfach nicht zu Jasmin, dass sie ein solches Attentat angekündigt hat. Ähnliches gilt für Jamal. Der Junge hält trotz der unfassbaren Mail von Jasmin zu seiner Freundin – meiner Ansicht nach wird dabei jedoch zu wenig ausgeleuchtet, wie hin- und hergerissen der Junge eigentlich sein müsste. Jamal ist – es flackern nur ab und zu Fragen in ihm auf – zu ausgeglichen, zu nett und verständnisvoll – dabei müsste er, müssten er und Jasmin nach Jasmins Tat viel größere Schwierigkeiten haben.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „So voller Wut“ hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Der Amoklauf und die Begründung der Tat werden größtenteils stimmig dargestellt, die Geschichte außenrum bleibt mir jedoch zu vordergründig und oberflächlich. Es ist seltsam, dass Pete Smith die Geschichte damit in Bezug auf deren schwierigen Teil ganz gut in den Griff bekommt, beim leichteren Part dagegen etwas ins Schleudern kommt.

Nichtsdestotrotz: Wer sich als Jugendlicher mit dem Thema Amoklauf beschäftigen will, sollte „So voller Wut“ lesen – das Buch greift das Thema jugendgerecht auf, während die oben erwähnten Protokolle und Tagebuch-Einträge der Columbine-Täter, die Jochen Gaertner veröffentlicht hat, viele Jugendlichen überfordern dürften und eher etwas für Erwachsene sind.

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(Ulf Cronenberg, 29.10.2009)

Kommentare (0)

  1. Gabriele

    Ich finde dieses Buch sehr spannend, realistisch und packend. Besonders die zweite Geschichte wo es um den Vefasser eines Online-Tagebuch geht, der sich Ronin nennt. Es lohnt sich wirklich, dieses Buch zu lesen.

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  2. Lisa (15)

    Dieses Buch ist wirklich toll, wie alles so genau beschrieben ist, wie sich die Menschen fühlen, was sie denken … Ich finde die verschiedenen Perspektiven am Ende des Buchs am besten, wo mehrere Schicksale persönlich dargestellt werden.
    Klasse Buch!

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  3. Elias

    Tolles Buch!
    Ab dem Zeitpunkt, wo Jasmin den Link zum Online-Tagebuch bekommen hat, wird es so richtig spannend. Nur am Anfang habe ich mich nicht ganz ausgekannt, weil es sofort mit dem Tagebuch losging. Ich dachte, das wären zwei Geschichten in einem Buch …
    Ich finde, Pete Smith hat sich einen Applaus für das tolle Buch verdient!

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