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Interview mit Eva Kranenburg über ihr Buch „Freunde“ und das Thema „Trauma“

Cover: Eva Kranenburg „Freunde“„Freunde“ von Eva Kranenburg (die Buchbesprechung zu dem Jugendroman findet ihr hier) ist für mich ein Jugendbuch-Highlight der letzten Jahren. Selten wurde ein sehr schwieriges Thema so einfühlsam und zugleich trotzdem erstaunlich leicht erzählt: Vier Jugendliche in einem Kriegsgebiet, ganz auf sich alleine gestellt, ohne Familien, schlagen sich durchs Leben und geben sich gegenseitig Halt. Die erlittenen Traumata lassen sie nicht los, aber sie schaffen es, sich gegenseitig zu helfen.

Eva Kranenburg ist ursprünglich Psychotherapeutin und arbeitet seit vielen Jahren auch mit jungen Erwachsenen, die mit Traumata aus Kriegs- und Krisengebieten kommen. Was liegt also näher, als sich im folgenden Interview gerade auch mit dem Thema Trauma zu beschäftigen …

Jugendbuchtipps.de (JBT): Eva, wir haben vereinbart, dass wir für das Interview ein Schwerpunktthema setzen. Im Zentrum soll neben deinem Jugendroman „Freunde“ das Thema „Trauma“ stehen. Doch vorab habe ich eine andere Frage: Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass du Drehbücher und nun Romane für Jugendliche und Erwachsene schreibst? Von Beruf her bist du ja Psychologin.

Eva Kranenburg: Ich habe schon immer geschrieben und irgendwann dachte ich: Jetzt mach ich ernst. In einer Weiterbildung für Schreibende hatte ich erfahren, dass der Weg in die Veröffentlichung Wettbewerbe und Stipendien sind. So habe ich ein Jahr lang alle möglichen Geschichten bei Kurzgeschichtenwettbewerben u. Ä. eingeschickt. Eines dieser Projekte war auch, dass ich mich für ein Stipendium an der Drehbuchwerkstatt München beworben habe. Dazu hatte ich extra vorher einen Online-Drehbuchkurs an einer New Yorker Schule belegt. Das erste Drehbuch, das ich gelesen hatte (Taxi Driver), war für mich ein Erleuchtungskick. Dieses reduzierte Erzählen und die gleichzeitig starke Visualität! Ich kannte den Film nicht, aber sah ihn beim Lesen. Für das in dem Stipendium entstandene Drehbuch habe ich den Tankred-Dorst-Preis bekommen, und danach habe ich die Anfrage von Constantinfilm erhalten, ob ich eine Serie zu Patrick Süßkinds „Das Parfum“ schreiben möchte, in die Gegenwart verlegt. Ich machte den Vorschlag, nicht noch mal „Das Parfum“ zu erzählen, sondern das Buch in der Serie eine Rolle spielen zu lassen. Und so kam es. Beim Drehbuchschreiben habe ich dann sehr, sehr viel über Dramaturgie und Spannungsaufbau gelernt. Doch eigentlich schlug mein Herz immer am meisten für die Prosa: Man ist beim Schreiben eines Romans Kameramann, Beleuchter, Cutter, Regisseur, Schauspieler, Szenenbildner, Kostümbildner und Filmmusiker in einem.

JBT: Ich finde es beeindruckend, wie zielstrebig und planvoll du das mit dem Schreiben angegangen bist, und du hast ja – davon gehe ich aus – zeitgleich weiterhin auch als Psychotherapeutin gearbeitet. Wie sieht das heute denn aus? Bist du weiterhin als Psychotherapeutin tätig, und welchen Raum – dein nächstes Buch „Falls jemand fragt, wer wir waren“ erscheint am 21. Juli und richtet sich eher an ältere Leser/innen – nimmt dann das Schreiben ein?

Eva Kranenburg: Ich schreibe jeden Morgen seit zwölf Jahren, auch an Weihnachten, auch wenn ich krank bin. Es ist so wie bei anderen, die vielleicht jeden Morgen meditieren oder joggen. Wenn ich das nicht mache, fehlt es mir. In der psychotherapeutischen Praxis fange ich dann meist erst gegen 11 Uhr an, und ich habe auch nur einen halben Kassensitz.

JBT: Ich finde die Kombination aus Autorin und Psychotherapeutin interessant – das ergänzt sich irgendwie gut, oder? Am Morgen erzählst du schreibend etwas, ab 11 Uhr sind es eher deine Patientinnen und Patienten, die erzählen und berichten. Dein Part ist hier eher das das Fragenstellen, das Zuhören, das Steuern des Gesprächs … Woher kommt bei dir dieser Drang, diese hohe Motivation, täglich zu schreiben? Ich gehe davon aus, dass du spürst, dass es dir gut tut – doch die Frage ist, warum.

Eva Kranenburg | Foto: Franziska Kestel

Eva Kranenburg | Foto: Franziska Kestel

Eva Kranenburg: Ich habe mal über Erich Kästner gelesen, dass er sehr viele Freunde hatte und sich trotzdem für einen einsamen Menschen hielt. Das Gefühl, gute Freunde zu haben und dennoch eine Sehnsucht nach mehr zu spüren, kennen aus meiner Sicht viele Schriftsteller – und ich auch. Dass da etwas ist, was man noch mitteilen muss, etwas, wofür man keinen anderen Weg findet. Ich glaube, Schreiben bedeutet auch eine tiefe Sehnsucht nach Verbindung.

JBT: Nun ist das schreibende Mitteilen in Form eines Buchs zunächst mal eine einseitige Sache, mit der man als Autorin aber viele Menschen erreicht. Um auf dein Jugendbuch „Freunde“ zu kommen: Natürlich hat man während des Lesens und danach das Gefühl, dass du deinen Leser/inne/n etwas mitteilen, etwas mitgeben willst. Das Wort Botschaft geht hier vielleicht zu weit. Aber gehe ich recht in der Annahme, dass das Mitteilen weniger geplant ist, sondern eher ein intuitiver Prozess ist? Da bahnt sich in einer Geschichte etwas, wo dir als Autorin manches auch erst später bewusst wird?

Eva Kranenburg: Ja, ich schreibe gerne, ohne bereits am Anfang zu wissen, worauf es hinausläuft. So ist es spannender. Auch ist es eine riesige Freude, wenn sich dann manchmal Puzzleteile zusammensetzen und Dinge, die ich am Anfang beschrieben habe, einen neuen Sinn ergeben. Das Grab von Mimi Boringa in „Freunde“ beispielsweise, auf dem steht „Du sollst weiterleben“, tauchte bereits in der ersten Szene, die ich geschrieben hatte, auf. Aber die wahre Bedeutung dieser Inschrift enthüllte sich mir erst im letzten Drittel des Buches. Da war ich selbst ganz begeistert.

JBT: Das passt wunderbar zum psychologischen Konzept des Unter- oder Unbewussten, das manchmal bereits Dinge erfasst, die irgendwo in uns schlummern, einem bewusst werden können oder auch nicht. Bloß am Rande: Wie die erste Szene von „Freunde“ unter sehr speziellen Bedingungen (u. a. krank mit Corona, Beginn des Kriegs Russlands gegen die Ukraine) entstanden ist, hast du ja schon einiges in anderen Interviews berichtet (z. B. hier).
Ich will mich mal dem Thema Trauma nähern. Für mich gibt es zwei Szenen im Buch, die mich besonders gepackt haben. Da ist zum einen die Szene, als Ren mit Tarek spricht und seine Ängste äußert, dass Nata sich viel stärker zu Tarek hingezogen fühlen könnte als zu ihm selbst. Für mich ist das ein sehr tiefes Gespräch, weil hier zwei männliche Jugendliche (das Alter von Tarek ist nicht so ganz klar, wenn ich nichts überlesen habe) viel von sich preisgeben. Ich finde das eigentlich sehr ungewöhnlich für zwei stark Traumatisierte – aber es ist eine sehr tröstliche Szene, weil sie beschreibt, wie wichtig Gespräche sind. Hast du als Psychologin erlebt, dass traumatisierte Menschen sich so öffnen können?

Eva Kranenburg: Auf jeden Fall. Ein Trauma erlebt zu haben, bedeutet ja nicht zwangsläufig, dass man eine psychische Störung davontragen muss. Es gibt Menschen, die sehr viel bewältigen können. Und Erzählen, was passiert ist, hilft. Oft sind es die Ereignisse, die wir innerlich mit Schuld oder Scham verbinden, die wir verschweigen. So ist es bei Ren bezüglich des traumatischen Erlebnisses und da er mit niemandem darüber redet, kann sich nichts lösen, kann er nicht im Blick der Augen der anderen sehen, dass niemand ihn verachtet für das, was passiert ist, nur er selbst.

JBT: Die andere Szene, die mich besonders beeindruckt hat, war die Stelle, als Ren Nata von seinen traumatischen Erlebnissen im Gefängnis erzählt. Nata erzählt die Geschichte dann in der Ich-Form, als wäre sie Ren, während Ren zuhört; und so geht es hin und her. Zigmal durchlebt Ren so seine schlimmen Erlebnisse – selbst und fremderzählt – und erfährt, dass sich ihre traumatisierende Wirkung dadurch abschwächt. Ist das eine Technik, die du auch als Psychotherapeutin anwendest?

Eva Kranenburg: In der Psychotherapie läuft es etwas anders. Es ist schon so, dass die Geschichte des traumatischen Ereignisses wieder und wieder durch den Patienten erzählt wird, bis sie ihre extreme Wucht verliert (schmerzen wird sie dennoch immer). Aber was davor ganz wichtig ist, ist, sekundäre Gefühle/Bewertungen wie Scham- und Schuldgededanken zu besprechen und zu bearbeiten. Das Paradoxe ist ja, dass viele Menschen Schuldgefühle entwickeln, obwohl doch eigentlich ihnen etwas Schlimmes zugefügt wurde. Das Volk, zu dem Nata gehört, hat so viel Erfahrungen mit Traumatisierungen, dass es über die Jahrhunderte eine eigene Methode entwickelt haben, damit umzugehen. Durch die Methode des „Kreiserzählens“, dadurch, dass ich jemand anderem zuhöre, der meine Geschichte erzählt, als habe er sie erlebt – dadurch bewerte ich sie neu und anders. Wo ich mich selbst vielleicht für schuldig halte, würde ich niemals einen anderen Menschen derartig streng beurteilen. Und dadurch, so dachte ich mir, lösen sich diese Scham- und Schuldgefühle. Die Methode des Kreiserzählens habe ich mir ausgedacht.

JBT: Mir hat diese Idee, wie Nata Ren hilft, von Anfang an gefallen. Allerdings fürchte ich, dass so etwas in der Realität wohl leider extrem selten bis nie stattfindet.

Eva Kranenburg: Nata ist übermenschlich! 🙂 Ich habe mit Schülern darüber geredet, ob sie es ansprechen würden, wenn jemand etwas Schlimmes erlebt hat. Die meisten sagten, dass sie es nicht tun würden, zu groß ist die Angst, zu verletzen. Und das ist ja auch nachvollziehbar. Gleichzeitig ändert es nichts an der Situation, dass der andere mit seiner schlimmen Geschichte alleine bleibt.

JBT: Von daher hat „Freunde“ ja fast schon etwas von einer Utopie – trotz der schlimmen Dinge, die Ren, Nata, Tarek und Tuk erleben, schaffen sie es, zusammenzuhalten, sich gegenseitig zu stützen, sich aufeinander einzulassen. Die Botschaft, die darin unter anderem steckt, könnte man so formulieren: „Wir müssen lernen, mehr miteinander reden – gerade auch über die Dinge, die uns belasten.“ Ist dir das ein Anliegen?

Eva Kranenburg: Ja, ich finde auch, dass dieser Zusammenhalt in der Freundesgruppe paradiesisch ist. Aber ich glaube, es ist nicht unrealistisch, dass es so etwas gibt. Die Freunde selbst haben keine Familie mehr und müssen sich deshalb Familie sein. Aber auch Jugendliche, die innerhalb ihrer Familie nicht das Gefühl haben, gesehen zu werden oder Unterstützung zu bekommen, können in einer Freundesgruppe finden, was ihnen zu Hause fehlt. Man muss nur wagen, sich zu öffnen, und das Wagnis eingehen, dem anderen zu zeigen, dass man ihn mag und braucht. „Nur“ ist also eigentlich das falsche Wort. In dem Alter, in dem viele so voller Unsicherheit und Selbstzweifel sind, ist es ein Riesenschritt.

JBT: Um noch mal auf deine Arbeit an Traumata als Psychotherapeutin zurückzukommen: Wie sehr belastet es dich, wenn du diese schlimmen Erlebnisse in Details geschildert bekommst? Wenn man das in einem Jugendroman liest, kann man das als „fiktiv“ meist ganz gut von sich fernhalten; aber das geht bei der Arbeit mit Betroffenen ja nicht.

Eva Kranenburg: Ich fühle mich dann belastet, wenn Patienten suizidal sind (was sehr selten vorkommt) und ich deshalb Angst um sie habe – oder wenn ich mir nicht sicher bin, wie ich mit einem Problem umgehe. Die Berichte über die Erlebnisse belasten mich nicht, denn wir kommen ja zusammen, um sie zu bewältigen.

JBT: Letzte Frage. Am 21.Juli erscheint – wie oben bereits erwähnt – dein neues Buch „Falls jemand fragt, wer wir waren“, das zur Zeit des DDR-Arbeiteraufstands vom 17. Juni 1953 spielt. Geht es darin auch um Traumata? Ich bin beim Lesen des Inhalts auf der Verlagsseite auch darüber gestolpert, dass eine der Hauptfiguren Rena heißt. Es kann doch kein Zufall sein, dass auf Ren in „Freunde“ Rena folgt …

Eva Kranenburg: Lustigerweise heißt in dem Buch, an dem ich gerade schreibe, die Hauptfigur Derin, also auch so ähnlich. Es ist wirklich ein Zufall oder irgendetwas, was sich ohne mein bewusstes Zutun in meinem Hirn zusammengebraut hat. 🙂 Es geht in dem Buch über den Volksaufstand vom 17. Juni nur peripher um Traumata, da der Vater der Hauptfigur im KZ war und sie sich nicht traut, mit ihm darüber zu reden. Es geht vielleicht genau darum: um das Schweigen, die Sprachlosigkeit und die Angst, Fragen zu stellen. Und damit sind wir ja doch auch wieder beim Thema der FREUNDE, die es miteinander schaffen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

JBT: Eva, hab ganz herzlichen Dank für das Interview, für das du dich sofort bereit erklärt hast. Ich habe noch mal einiges über „Freunde“, aber auch über das Thema Trauma gelernt. Ich wünsche „Freunde“, das ich sehr schätze und für ein sehr wichtiges Buch halte, aber auch deinen kommenden Büchern viele Leser/innen!

(Ulf Cronenberg, 25.06.2026)

Die Bildrechte des Fotos liegen bei der Fotografin Franziska Kestel und Eva Kranenburg – vielen Dank an Eva Kranenburg, die das Foto zur Verfügung gestellt hat.


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