
(dtv 2026, 189 Seiten)
„24 Sekunden ab jetzt“ ist das siebte Jugendbuch von Jason Reynolds, das ich hier bespreche, und es hat seinen Grund, dass es schon so viele Titel des amerikanischen Autors geworden sind: Seine Bücher sind unterhaltsam, beschreiben meist Probleme, die schwarze Jugendliche in den USA haben, sind aber zugleich hoffnungsvoll. Der neue Jugendroman heißt im Untertitel „Eine ganz normale Liebesgeschichte“ – es soll, so verstehe ich das, also ums ganz normale Leben gehen, nicht um die unsterbliche oder übermäßig tragische Liebe. Die Zahl 24 spielt dabei, werdet ihr sehen, eine besondere Rolle.
Inhalt:
Vor 24 Monaten haben sich Neon und Aria durch Zufall bei der Beerdigung von Neons Großvater auf dem Friedhof kennengelernt. Arias Hund, der ständig rumkläfft, war aus dem Autofenster gesprungen und im Friedhof rumgerannt. Neon, der Angst vor Hunden hat, hat die Beine in die Hand genommen und ist, vom Hund verfolgt, weggerannt. Eine gute Figur hat er dabei nicht gerade gemacht … Doch später begegnet er Aria wieder und einige Monate später sind die beiden, die in die gleiche Jahrgangsstufe der gleichen Schule gehen, zusammen.
Vor 24 Wochen haben sie beschlossen, das erste Mal miteinander zu schlafen, sie wollten nichts überstürzen – und nun ist es soweit. Niemand ist bei Aria zu Hause, und Neon hat sich vorher noch mal kurz ins Bad eingeschlossen. Der Blick in den Spiegel macht ihn jedoch unsicher und lauter Zweifel schießen ihn in den Kopf. Er hat Angst, dass er etwas falsch machen könnte, und da hilft es auch nicht, dass sowohl seine Mutter als auch sein Vater, aber auch seine große Schwester Nat mit ihm vorab gesprochen haben.
Bewertung:
Ziemlich überdreht beginnt Jason Reynolds‘ neuer Jugendroman. Neon befindet sich – wie oben schon beschrieben – im Badezimmer, das erste Mal Miteinanderschlafen steht unmittelbar bevor. Neons Kopf ist voller Zweifel, Bedenken und Ängsten. Sieben Seiten wird das Gedankenkreisen ausgeführt – wie das ganze Buch in der Ich-Form aus der Sicht von Neon; und für meinen Geschmack übertreibt Jason Reynolds es hier ein bisschen mit dem Gefühlskarussell, in dem Neon sich befindet. Das wirkt schon sehr amerikanisch – sofern man es nicht zu Slapstick umdeutet.
Doch gottseidank geht das Buch dann anders weiter, und „24 Sekunden ab jetzt“ (Übersetzung: Anja Hansen-Schmidt; amerikanischer Originaltitel: 24 Seconds From Now“) wird von Seite zu Seite besser. Sehr geschickt ist das Buch sowieso choreografiert: Nach dem ersten Kapitel mit Neon im Badezimmer, das mit „Jetzt“ überschrieben ist, folgen die Kapitel „24 Sekunden davor …“, „24 Minuten davor …“ usw., bis hin zu „24 Monate davor …“. Den Schlusspunkt setzt das Kapitel „Zurück im Jetzt“, das nur zwei Seiten umfasst. Zwei Jahre umspannt das Buch also, und die Geschichte von Neon und Aria wird quasi im Rückwärtsgang durchgegangen. Ein kreatives und gelungenes Konzept.
Was mir an „24 Sekunden ab jetzt“ so gut gefällt, ist, dass Jason Reynolds ein herausragender Erzähler ist, der auf eine sehr gekonnte Art Episoden aus Neons Leben an die Leser/innen bringt. An vielen Stellen geht es im Buch um die Themen Beziehung und Sexualität. Da taucht zum Beispiel Neons Freund Dodie auf, ein Angeber vor dem Herrn, der seinen Worten nach ständig Frauen zu bezirzen weiß, sie ins Bett bekommt und nun Neon heiße Tipps gibt. Alle wissen, dass nichts von Dodies Geschichten wahr ist. Aber ganz nebenbei wird hier von einer besonderen Freundschaft erzählt.
Was nicht fehlen darf, sind die ernsten Gespräche, die Neons Eltern mit ihrem Sohn über das Thema Sex führen. So sitzt Neon mit seiner Mutter in einem Café, und sie kann es nicht lassen mit lauter Stimme das Thema anzuschneiden. Die für Neon peinliche Situation hat man wie eine Filmszene vor Augen. Auch Neons Vater will Neon etwas mitgeben – vor allem, weil er selbst, nachdem er Vater geworden ist, erst mal gemeint hat, er müsse sich „die Hörner abstoßen“ und ein wildes Leben führen. Seine Frau hatte er damals sitzen lassen (auch wenn sie später wieder zusammengekommen sind), Neon will er davor bewahren. Mir gefallen diese Gespräche. Man kann sich vorstellen, dass sie für Neon einerseits unangenehm sind, andererseits aber eben doch Wirkung bei ihm zeigen und ihn in eine positive Richtung lenken. Und bei Leser/innen dürfte der zweite Gesichtspunkt besonders ankommen.
Sehr gut gefällt mir auch, dass Neon und Aria eine gute Beziehung führen und behutsam miteinander umgehen – es ist zudem sympathisch, wie die beiden zusammengekommen sind. Jason Reynolds erzählt überhaupt sehr authentisch, man nimmt ihm den 17-jährigen Ich-Erzähler ab und folgt Neon gerne. So gut die Beziehung zwischen Neon und Aria ist, nicht alles ist im Buch heile Welt. Dass es durchaus auch kompliziertere Beziehungsmuster gibt, wird durchaus auch thematisiert – unter anderem am Beispiel von Neons Schwester Nat.
Fazit:
5 von 5 Punkten. Vom recht amerikanischen Einstieg abgesehen, der mir zu klischeehaft war, hat mir „24 Sekunden ab jetzt“ extrem gut gefallen. Das Buch liest sich so leicht, obwohl es ja um ein Thema geht, das gerade empfindsamere Jugendliche durchaus beschäftigt und von Zweifeln über Ängste bis hin zu Befürchtungen einiges bereithält. Das Thema Sexualität, und hier vor allem im Bezug auf das erste Miteinanderschlafen, wird einfühlsam behandelt, das Buch ist weder voyeristisch, noch ist es in irgendeiner Weise pornografisch. Und damit bildet der Jugendroman einen angenehmen Kontrapunkt zu dem, was Jugendlichen meist digital in pornografischen Bildern, Videos und Filmen so oft begegnet. Dort werden letztendlich unpassende Einstellungen vermittelt, und es ist wichtig, dem wie Jason Reynolds etwas entgegenzusetzen.
Mal abgesehen von dem Hauptthema geht es aber noch um viel mehr: um Freundschaft und um Familie vor allem. Jason Reynolds beschreibt keine heile Welt, aber doch eine, in der es Neon gut geht und in der er sich entfalten kann. Einmal mehr zeigt Jason Reynolds, dass er ein Glücksfall für die amerikanische Jugendliteratur ist. Seine Bücher sind Mutmachbücher, die Jugendlichen dabei helfen wollen, ihren eigenen Weg zu gehen. Und immer geht es dabei um Mitmenschlichkeit und Respekt für andere Menschen. Da bleibt nur zu sagen: Es lohnt sich eindeutig, „24 Sekunden ab jetzt“ (und andere Bücher von Jason Reynolds) zu lesen.
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(Ulf Cronenberg, 20.05.2026)
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