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Buchbesprechung: Ludovic Lecomte „Hundertsiebenundachtzig Tage“

Cover: Ludovic Lecomte „Hundertsiebenundachtzig Tage“Lesealter 14+(mixtvision-Verlag 2026, 107 Seiten)

Ein schmales Bändchen hält man da in der Hand, auch noch großzügig gesetzt … Aber es sind dann doch knapp über 100 Seiten, die man liest und auf denen man in ein eher unbekanntes Thema geführt wird: Das Jugendbuch des Franzosen Ludovic Lemcomte handelt vom so genannten Höhlensyndrom (auch Cave-Syndrom genannt), und die Hauptfigur, der namenlose Ich-Erzähler, hat sich ein gutes halbes Jahr nicht mehr aus dem Haus getraut und im Haus verschanzt. Das Buch erzählt davon, wie er daran arbeitet, sich wieder nach draußen zu wagen.

Von einem Tag auf den anderen kann er nicht mehr aus dem Haus gehen, eine Junge, 16 Jahre alt; und niemand weiß, auch er selbst nicht, wie es dazu gekommen ist. Eines Tages schafft er es einfach nicht mehr, die Haustürschwelle zu überschreiten, die Gliedmaßen zittern, die Atmung ist beschleunigt, Schweiß bildet sich auf den Schläfen und im Körper ist ein großes Druckgefühl zu spüren. Seine Eltern denken anfangs an eine Pubertätskrise, als es länger dauert, nimmt die Mutter zwei Wochen Urlaub, kümmert sich um ihren Sohn. Aber es hilft alles nichts.

Der beste Freund kommt eine Zeitlang nach der Schule vorbei, sie sprechen: der Freund im Garten, der Ich-Erzähler im Haus, übers Handy verbunden und in Sichtweite. Doch diese Treffen werden seltener, hören irgendwann ganz auf. Und so ist es auch mit allen anderen Kontakten. Irgendwann sehen die Eltern, dass es so nicht weitergeht, suchen eine Therapeutin, und es ist Frau Arnaud, die telefonisch mit dem Erzähler arbeitet, ihn darauf vorbereitet, irgendwann wieder das Haus zu verlassen. Der Tag dafür ist auf lange Sicht geplant …

Das Buch ist – das ahnt man bald – auf diesen Tag als Schlusspunkt hingeschrieben. Die Kapitelnummer sind nämlich nicht aufsteigend, sondern zählen von 17 runter. Eine schöne Idee. In den Kapiteln wird nur zum Teil chronologisch berichtet, ansonsten oft episodisch. Erzählt wird, wie es mit dem Daheimbleiben losgegangen ist, wie der weitere Rückzug verlaufen ist, wie die Eltern des Ich-Erzählers sich verhalten haben, wie der Erzähler sich mit Manon, einer ebenfalls Betroffenen, die das Einigeln aber inzwischen überwunden hat, über Briefe austauscht; und natürlich geht es auch um die Gespräche mit der Therapeutin.

Ja, Frau Arnaud, die Therapeutin. Sie hat Geduld und Verständnis, sie ermutigt den Erzähler, sie erklärt ihm, dass es in kleinen Schritten vorwärtsgeht, dass Rückschritte normal sind – wie man das von einer Therapeutin eben so erwartet … Was allerdings – und das hat mich gestört – nur am Rande gestreift wird, ist die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass der Erzähler nicht mehr aus dem Haus gehen kann. Verhaltenstherapeutisch ist es – das ist mir bewusst – nicht ganz so wichtig, was genau die Ursachen für die Problematik sind; trotzdem ist es einfach verwunderlich, warum ein Junge so von einem Moment auf den anderen nicht mehr das Haus verlassen kann. Als Leser/in möchte man eine Erklärung.

Den Ansatz einer Erklärung, die man am Ende eines späteren Kapitels (ich will hier nicht verraten, was da genannt wird) präsentiert bekommt, bleibt für meinen Geschmack sehr blass und erläutert meiner Meinung nach nicht ausreichend, warum der Erzähler sich nur noch zu Hause aufhalten kann. Und eigentlich wird das Cave-Syndrom, das keine offizielle medizinische Diagnose darstellt, grundsätzlich eher als schleichender Prozess, der z. B. durch die Kontaktbeschränkungen der Covid-19-Pandemie ausgelöst werden kann, beschrieben – hier ist das anders. Psychologisch plausibel ist das meiner Ansicht nach nur begrenzt.

Der Schreibstil des Buchs gefällt mir dagegen. Vieles wird rückblickend, immer wieder auch assoziativ unter Aussetzung von Zeichensetzung und Groß-/Kleinschreibung erzählt; damit trifft Ludovic Lecomte recht gut den Ton eines 16-Jährigen, so dass man sich recht gut in die Situation des Erzählers hineinversetzen kann.

Fazit:

4 von 5 Punkten. Die Stärken von „Hundertsiebenundachtzig Tage“ (Übersetzung: Nadine Püschel; französischer Originaltitel: „La cabane“) liegen in der Beschreibung der Not eines 16-Jährigen, der es nicht mehr schafft, aus dem Haus zu gehen. Die Gefühlslage des namenlosen Ich-Erzählers wird gut ausgelotet; man kann allem sehr gut nachspüren und versteht die Lage des Erzählers, soweit das für Nichtbetroffene möglich ist. Wie hilflos sich die Eltern fühlen, wird ebenso nachvollziehbar dargestellt wie auch die schrittweisen Erfolge (inklusive Rückschritten), die durch die Therapeutin erzielt werden.

Für mich liegt die Schwäche des Büchleins darin, dass man als Leser/in gerne genauer wüsste, was hinter dem Höhlensyndrom des Ich-Erzählers steht, und hier gibt es keine plausible Erklärung. Somit bleibt man am Ende irgendwie unbefriedigt zurück … Das ist einerseits schade, andererseits ist es unverständlich, warum Ludovic Lecomte diesen Punkt offen lässt.

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(Ulf Cronenberg, 09.05.2026)


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