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Buchbesprechung: Christelle Dabos „Die Spur der Vertrauten“

Cover: Christelle Dabos „Die Spur der Vertrauten“Lesealter 15+(Rotfuchs-Verlag 2025, 636 Seiten)

Bei einem Buch mit etwas über 600 Seiten überlege ich schon sehr lange, ob ich es lesen soll. Meine Lesezeit ist einfach doch begrenzt, und Christelle Dabos‘ Roman hat mich fast drei Wochen gebunden. Früher habe ich das öfter mal gemacht: dicke Jugendromane gelesen (wenn ich da z. B. an Stephanie Meyers „Seelen“ mit 865 Seiten denke). Irgendwie haben so Abtauchbücher ja auch was; am besten nimmt man sie sich natürlich im Urlaub vor – aber bis zu den Weihnachtsferien (wo aber auch viel los ist) wollte ich nicht warten.

Inhalt:

Goliath und Claire leben in einer völlig anderen Welt als der unseren und besuchen beide im letzten Jahr ihre speziellen Ausbildungsschulen. Individuen sind in ihrer Gesellschaft nicht erwünscht, es geht alles um das „Wir“, und jeder hat darin seine Aufgabe, die vorgegeben sind. Jedem Menschen ist ein sogenannter Instinkt zugewiesen, eine Aufgabe und Fähigkeit, die man spätestens im 11. Lebensjahr erfährt und die man dann wie aus einem inneren Zwang heraus ausführen muss.

Claire ist eine Vertraute, das heißt, sie muss den Menschen zuhören und kann damit von sich aus nicht aufhören. Deswegen gibt es auch die Regel, dass man ohne Erlaubnis von ihr nicht mehr als 10 Worte auf einmal an sie richten darf. Goliath ist dagegen ein Schützer. Seine Aufgabe ist es, Leben zu retten – bisher ist ihm das zehnmal gelungen, allerdings hat er dabei seine Gliedmaßen verloren und lebt seitdem mit Prothesen. Ansonsten gibt es alle möglichen Instinkte (die übrigens über ein Zeichen im Gesicht für jeden sichtbar sein müssen): Reparierer, Müllsammler, Helfer mit verschiedenen Aufgaben oder Fügsame, die alle Befehle ausführen, die man ihnen gibt (was nur einigen privilegierten Menschen gestattet ist). Ganz selten kommen Erzengel vor, deren Aufgabe es ist, fehlgeleitete Menschen im Auftrag des Wir zu töten.

Claire hat ein großes Geheimnis, das nur ihre Familie und ein Freund kennen: Sie ist eine Person, die keinen Instinkt hat – etwas, was eigentlich nicht vorkommen darf. Den Instinkt der Vertrauten muss sie also vorspielen. Sie spürt allerdings, dass in ihrer Umgebung etwas Schlimmes vorgeht: Mehrere Jugendliche sind verschwunden, niemand geht dem nach; Claire vermutet dass jemand die Verschwundenen gefangengenommen hat und sie töten will. Sie versucht deswegen Goliath zu gewinnen, damit er mit ihr diese Spur verfolgt, und er lässt sich schließlich darauf ein. Es ist allerdings äußerst schwierig, Informationen zu finden, zumal ihr Vorgehen nicht entdeckt werden darf. Beide begeben sich in große Gefahr.

Bewertung:

Was hat man da eigentlich für einen Roman vor sich? Das habe ich mich beim Lesen immer wieder gefragt … Eigenwillig könnte man ihn in jedem Fall nennen. Christelle Dabos‘ „Die Spur der Vertrauten“ (Übersetzung: Amelie Thoma und Nadine Püschel; französischer Originaltitel: „Nous“) wirkt in vielem wie eine Dystopie; aber veraltete technische Geräte wie Walkman, ganz normale Autos, Beeper mit alten Handytastaturen, Minitels (wie es sie in Frankreich gab) und vieles mehr weisen eher nicht auf einen Zukunftsvision hin. Man könnte sich damit behelfen, die Welt im Roman als eine alternative Welt wie ein Paralleluniversum zu verstehen, das viele Ähnlichkeiten zu unserer Welt hat, aber eine völlig andere Gesellschaftskonstruktion aufweist. In der Welt von Claire und Goliath baut jedenfalls alles auf dem Wir auf, Individualität ist nicht nur nicht erlaubt, sondern kommt schlicht und ergreifend nicht vor. Die Menschen leben in Zwängen, das zu tun, wofür sie geboren sind.

Es ist nicht gerade einfach, in die Roman-Welt hineinzufinden. Die Geschichte wird mehrperspektivisch erzählt, wobei Claire und Goliath als zentrale Hauptfiguren am häufigsten im Mittelpunkt stehen. Doch auch andere Personen kommen zu Wort – darunter eine Figur, die lange nur Erzengel genannt wird, und eine Person mit dem Kürzel „X“, deren Identität erst spät enthüllt wird. Man hat im Roman jedenfalls mit zwei Schwierigkeiten zu kämpfen: Zum einen das Geflecht der Figuren zu verstehen; zum anderen damit, das Funktionieren der Gesellschaft und Welt im Buch nachzuvollziehen.

Meiner Meinung nach hat Christelle Dabos es jedenfalls in Bezug auf die Komplexität etwas übertrieben und ihren Jugendroman zu geheimnisvoll angelegt. Das Gefühl zu haben, in der Geschichte drin zu sein, zu verstehen, wie die Welt im Roman funktioniert, die Rollen der Figuren zu umreißen – das hat alles lange gedauert, und ich befand mich da bereits in der zweiten Hälfte des Romans. Eigentlich müsste man den Roman nach dem Auslesen noch mal von vorne beginnen, weil man dann von Anfang die Zusammenhänge versteht; aber das ist dann doch zu viel des Guten. Übrigens hätte man „Die Spur der Vertrauten“ durchaus auch in zwei Bänden veröffentlichen können. Denn die ersten Hälfte enthält einen Plot mit vielen Krimielementen, wenn Claire und Goliath zusammen das Geheimnis verschwundener Jugendlicher zu lüften versuchen, während in der zweiten Hälfte eine andere Geschichte, aber mit den gleichen Hauptfiguren erzählt wird.

Auch wenn ich „Die Spur der Vertrauten“ oft schwer zu verstehen fand, so hatte die Geschichte, insbesondere wenn Claire und Goliath im Zentrum standen, immer auch eine Sogwirkung auf mich. Das hat letztendlich auch dazu geführt, dass ich bis zum Ende drangeblieben bin. Claire ist eine interessante Figur, die ihr gut gehütetes Geheimnis lange Zeit verborgen hält, aber immer Gefahr läuft, als instinktlos erkannt zu werden. Später im Roman fliegen ihr als erfolgreicher Retterin von mehreren Leben die Sympathien aller Menschen zu. Goliath steht ihr als außergewöhnliche Figur in keiner Weise nach. Es ist schrullig, aber sympathisch, wie er mit seinen Prothesen struggelt, die ihn mangels Gefühl in den Fingern immer zu fest zupacken lassen, wie er außerdem permanent mit viel zu lauter Stimme spricht.

Wenn Christelle Dabos bei den beiden als Erzählern verharrt, kommt man nicht umhin, ihr erzählerische Geschick zu bemerken. Die Geschichte enthält eine gut austarierte Mischung aus Innehalten mit Schilderung von Situationen einerseits und einem wohltemperierten Vorantreiben der Story andererseits. Leider wird der Erzählfluss durch zu viele Perspektiven- und Erzählerwechsel für meinen Geschmack zu oft unterbrochen. Da hilft auch nicht, dass die Autorin ihren verschiedenen Erzählern geschickt unterschiedliche Stimmen zu geben weiß.

Fazit:

3-einhalb von 5 Punkten. „Die Spur der Vertrauten“ war für mich eine zwiespältige Erfahrung. Von vielen erzählerischen Passagen war ich angetan und wollte das Buch nicht aus der Hand legen; zwischendrin habe ich aber auch ans Aufgeben gedacht, weil ich die Gesellschaftskonstruktion im Roman lange nicht so ganz verstanden habe. Die Idee einer Gesellschaft, in der jeder Mensch seinem vorgegebenen Instinkt folgen muss, gefällt mir zweifellos – sie ist etwas Besonderes. Aber ich habe bis zum Ende nicht verstanden, was die Autorin letztendlich damit sagen will. Wird hier ein deterministisches Weltbild auf die Spitze getrieben, um zu zeigen, dass eine solche Gesellschaft nicht wünschenswert wäre? Liest man da ein Plädoyer für den Individualismus? Und welchen aktuellen Bezug zu unserer Welt hat der Roman? Was soll damit ausgesagt werden? Meine Hoffnung, dass das Buchende in Bezug auf diese Fragen mehr Eindeutigkeit bringt, wurde leider nicht erfüllt. Eher im Gegenteil. Der Roman endet recht abrupt.

Ich hätte mir für „Die Spur der Vertrauten“ einen etwas weniger komplexen und verschachtelten Aufbau gewünscht; dem Buch hätte das gut getan. Wenn ich mich schon als Erwachsener damit schwertue, wird es Jugendlichen nicht anders gehen. Und dennoch: Mir hat zugleich gefallen, dass man in eine ungewöhnliche Geschichte eintauchen kann, die so ganz anders ist als alles, was ich bisher gelesen habe. Und so bleibt unterm Strich festzustellen: Seien wir froh, dass wir als Leser/innen nicht gänzlich von Instinkten geleitet sind, sondern Bücher lesen und bewerten dürfen, wie wir wollen … „Die Spur der Vertrauten“ ist jedenfalls ein höchst individueller Jugendroman.

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(Ulf Cronenberg, 05.12.2025)


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