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Buchbesprechung: Gina Mayer „Morgen wirst du sterben“

mayer_sterbenLesealter 14+(Ravensburger-Verlag 2013, 346 Seiten)

Von Gina Mayer habe ich in den letzten Jahren alle Jugendromane gelesen – mal war ich nicht ganz so überzeugt von den Büchern, dann aber auch wieder recht begeistert (z. B. von „Die verlorenen Schuhe„). „Morgen wirst du sterben“, der neue Jugendroman der Autorin aus Düsseldorf, ist ein Thriller, und das wirft natürlich die Frage auf, ob das Buch das Prädikat verdient – das ist nicht immer selbstverständlich. Grundsätzlich – das vorab – funktioniert das Buch eher auf psychologischer Ebene, richtige Gewalt taucht darin nicht auf.

Inhalt:

Moritz und Sophia leben in Düsseldorf, ihr Vater ist Frauenarzt, die Mutter jobbt in einem Bioladen. Die Geschwister – aber darüber tauschen sie sich erst später aus – bekommen beide seltsame drohende SMS bzw. Mails. Zunächst fassen die beiden die Nachrichten als Scherz auf, haben Vermutungen, wer sie verfasst haben könnte, aber einen richtigen Reim können sie sich nicht darauf machen. Sophia glaubt z. B., dass hinter den Botschaften eine frühere Klassenkameradin stehen könnte, der sie übel mitgespielt hat, und das obwohl sie selbst wegen ihres Übergewichts immer wieder Opfer von Beleidigungen und Mobbingattacken ist. In den Nachrichten ist mehrmals vom 2. Juli die Rede, einem Tag, an dem etwas passieren soll.

Doch nicht nur Moritz und Sophia bekommen die geheimnisvollen Nachrichten. In München rätselt Philipp, ein 23-jähriger IT-Jungunternehmer, wer hinter den Botschaften stehen können. Und Julie in Hamburg, die sie ebenfalls empfängt, tappt auch im Dunkeln, wer ihr die Nachrichten gesendet haben könnte.

Je näher der 2. Juli rückt, umso nervöser werden alle Vier. Moritz‘ und Sophias Eltern überlegen, als sie von den Drohbotschaften erfahren, ob sie die Polizei einschalten sollen, lassen es dann aber sein. Doch dann verschwindet plötzlich der Vater der beiden, und das ist der Zeitpunkt, wo die Polizei schließlich hinzugezogen wird. Moritz und Sophia stellen, weil die Polizeiermittlungen keine Erfolge zeigen, selbst Nachforschungen an und erfahren beim Durchstöbern des Arbeitszimmers ihres Vaters, dass dieser ein Geheimnis hatte …

Bewertung:

Gleich vorweg: Als Thriller kann „Morgen wirst du sterben“ durchaus gelten, und alles in allem handelt es sich dabei um einen gelungenen Jugendroman. Die Spannung steigert sich deutlich zum Ende hin, und sie lebt davon, dass man auch als Leser bis zum Ende im Dunkeln tappt, wer denn nun der Verfasser der Drohnachrichten sein könnte. Man stellt Vermutungen an, aber auf den richtigen Pfad gelangt mal nicht – der Plot ist sorgsam aufgebaut und im Großen und Ganzen durchdacht.

„Morgen wirst du sterben“ wird von Anfang an mehrperspektivisch erzählt. In serifenlosen kurzen Abschnitten, die immer wieder eingestreut werden, lässt der „Täter“ den Leser an seiner schwierigen Lebensgeschichte teilhaben – seinen Namen erfährt man natürlich nicht. Der Großteils des Romans in Serifenschrift wird jedoch personal abwechselnd aus der Sicht von Sophia, Julie und Philipp erzählt. Das ist gut gemacht, auch wenn dabei die Chronologie manchmal durchbrochen wird.

Wie die drei personalen Erzähler ausgestaltet sind, hat mir grundsätzlich gefallen, auch wenn sie vielleicht etwas überpointiert und klischeehaft dargestellt werden: Sophia als übergewichtiges Mobbingopfer, Julie als selbstsichere, bald an der Schauspielerschule studierende Schönheit, Philipp als erfolgreicher Jungunternehmer. Diese überspitzte Figurenzeichnung macht einerseits den Reiz des Buches aus, weil sie unterhaltsam ist, ist andererseits aber manchmal zu viel des Guten. Ein bisschen fremd bleiben einem die Hauptfiguren deswegen, sie wirken eher wie Schablonen als wie reale Figuren – abgesehen vielleicht von Sophia.

Dass die Geschichte Moritz, Sophia, Julie und Philipp irgendwann zusammenführen wird, liegt auf der Hand … Was danach passiert, ahnt man jedoch nicht. Ist der Schluss mit der Auflösung stimmig? Ist er plausibel? Ja, im Großen und Ganzen schon, auch wenn ich kleine Bedenken habe, die ich hier aber nicht ausführen kann, ohne zu viel zu verraten und möglichen Lesern des Buchs damit den Lesespaß zu nehmen. Die Figur des Täters ist es jedenfalls, die ich am schlechtesten konturiert fand, weil sie ein paar Klischees zu viel bedient und in sich nicht so richtig stimmig ist.

Fazit:

4 von 5 Punkten. „Morgen wirst du sterben“ ist ein unterhaltsames und spannendes Buch, das gut geschrieben und aufgebaut ist und das das Prädikat „Thriller“ (vielleicht eher „Psychothriller“) zu recht trägt. Es ist eher feinsinniger Nervenkitzel, der auf den Leser wartet – aber das gefällt mir so besser, als wenn man es hier mit einem überbordenden Spannungsbogen zu tun hätte.

Wenn man länger über die Geschichte nachdenkt, bleiben doch ein paar Fragen zur Logik des Plots offen: Warum spielt das Buch z. B. an so weit auseinanderliegenden Orten? Vermag ein Täter, der auf der Verliererseite des Lebens steht, wirklich so subtil und raffiniert vier Opfern übel mitzuspielen? Da schießt das Buch für meinen Geschmack ein wenig über das Ziel hinaus …

Jugendliche Leser dürfte das jedoch nicht wirklich stören. „Morgen wirst du sterben“ lässt Fragen offen, wirkt nicht in allem plausibel, ist für Jugendliche aber dennoch ein unterhaltsamer Thriller. Und das ist ja immerhin schon mal was …

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(Ulf Cronenberg, 03.03.2013)

P. S.: Irgendwie passt der Titel des Buchs nicht so ganz zu der Geschichte. Das finde ich seltsam; ich kann mir jedenfalls keinen Reim darauf machen … Oder habe ich da etwas verpasst?

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Kommentare (0)

  1. serafin

    Mir persönlich sind ein paar mehr Fragen offen geblieben:
    Warum heißt das Buch „Morgen wirst du sterben“, wenn der eigentliche Termin in ferner Zeit liegt? Ich weiß nicht, inwieweit der Verlag hier eine Rolle gespielt hat, aber ich werde daraus nicht schlau …
    Und ist das Geheimnis, von dem die Rede ist wirklich so dunkel?
    Auch hat mir die Verhaltensweise der Charaktere am Ende nicht überzeugt, da sie offensichtlich Fehler gemacht haben.
    Alles in allem: Man kann das Buch lesen, aber ich würde es niemandem empfehlen.

    Antworten

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