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Buchbesprechung: Bettina Obrecht "Isoliert"

Cover ObrechtLesealter 13+(Bloomsbury-Verlag 2008, 319 Seiten)

„Big brother is watching you!“ Der bekannte Satz aus George Orwells düsterer Zukunftsvision „1984” hat schon vor einigen Jahren den Weg in unsere Medienlandschaft gefunden. Menschen lassen sich mehrere Wochen lang in einen Container sperren, und die Fernsehzuschauer gucken zu, was dort alles passiert. „Big Brother“ nannte RTL sarkastischer Weise seine Staffel, und in unterschiedlichen Varianten hat das Konzept von „Big Brother“ immer wieder die Zuschauer an den Bildschirm gelockt.

Bettina Obrecht treibt das Ganze in ihrem Buch „Isoliert“ auf die Spitze und garniert die „Big Brother“-Idee noch mit dem Thema Überwachungsstaat. Interessant!

Inhalt:

Rosalia kommt am Flughafen aus dem Urlaub zurück und sieht, wie die Rückkehrer eines anderen Flugzeugs von schwarz Uniformierten abgeführt werden. Schon bald ist überall bekannt, dass in Loco Beach, woher das Flugzeug kam, ein tödlicher Virus sein Unwesen getrieben hat, und die Menschen, die dort im Urlaub waren, werden nun für 40 Tage in ihre Wohnungen ohne Möglichkeit zu Außenkontakten gesperrt.

Für die möglicherweise Infizierten – man befürchtet eine schlimme Epidemie – hat man sich etwas Besonderes ausgedacht, um sie zu überwachen. In den Wohnungen der Rückkehrer werden Videokameras aufgestellt. Und von zu Hause aus kann jedermann mit seinem Fernseher in die Wohnungen gucken und sehen, was dort gemacht wird. Vorfälle sollen von den Zuschauern gemeldet werden.

Auch Rosalia, deren Eltern noch auf einer Forschungsreise sind, schaltet immer wieder den Fernseher an, um zu sehen, was passiert. Noch schlimmer treibt es jedoch ihre Oma Helene, die gar nicht mehr vom Fernsehapparat wegkommt und ihr sonstiges Leben gänzlich vernachlässigt. Und auch Rosalias Freundinnen sind ständig am Fernsehgucken.

Einige der isolierten Menschen werden auf ungewollte Art und Weise langsam zu Fernsehstars – und so wird eine Endabstimmung organisiert, bei der es am Ende einen Gewinner geben soll. Vor allem Benni, ein besonders cooler junger Mann, sowie Sweetie, ein Glamour-Girl, stehen in der Gunst der Zuschauer ganz oben. Die Situation spitzt sich immer mehr zu … – und so langsam fragt sich Rosalia, was denn wirklich hinter all den Gerüchten um die Gefährdung der Menschen steht und ob das alles nicht nur eine große Show ist.

Bewertung:

Die Idee für Bettina Obrechts Buch ist wirklich etwas ganz Besonderes: Wie hier die Kapriolen unserer Medienlandschaft auf die Spitze getrieben werden, wie dargestellt wird, wie ein moderner Überwachungsstaat aussehen könnte … Ja, ich finde, es wird Zeit, dass man anhand solcher Bücher ein wenig wachgerüttelt wird, denn viele Jugendliche gehen heutzutage sehr unkritisch mit Medien und Datenschutz um. Da kommt Bettina Obrechts Buch gerade recht, um Jugendlichen ein wenig etwas über Medienkritik und über den Schutz der Persönlichkeit zu vermitteln.

In „Isoliert“ wird all das recht geschickt umgesetzt. Zum einen wird Rosalias Geschichte erzählt: Wie das Mädchen einerseits von den Videobildern fasziniert ist, andererseits aber zunehmend allem kritisch gegenüber steht. Und wie Rosalia nach und nach auch mit ihren von den Sendungen begeisterten Freundinnen in Streit gerät. Zum anderen werden – wie in einem Drehbuch – immer wieder beklemmende Szenen aus dem Leben der Isolierten, die ganz unterschiedlich mit der Situation umgehen, vorgestellt. Dass die Menschen in Quarantäne dabei allgemein nur noch als „Cases“ (dt. Fälle) bezeichnet werden, ist schlimm genug …

Die Idee für das Buch ist jedenfalls gut. Doch um als richtig packendes Buch zu gelten, braucht es noch etwas anderes: eine spannend erzählte Geschichte. Und das ist eigentlich der einzige kleine Kritikpunkt, den ich an diesem Buch habe: In der Mitte geht Bettina Obrecht ein wenig die Puste aus, es passiert zu wenig. Man ist am Anfang fasziniert von der Idee und der Geschichte, und am Ende wird es wieder spannend – doch zwischendrin ist das Buch ein wenig zu weitschweifig.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. „Isoliert“ ist ein außergewöhnliches Buch. Nach dem Lesen war mir klar, dass es an solchen medien- und gesellschaftskritischen Jugendbüchern fehlt. Bettina Obrecht hat diese Lücke mit ihrem Jugendroman gekonnt gefüllt – es wäre zu wünschen, dass man solch kritische Bücher öfter in die Hand bekommt.

Dass das Buch in der Mitte etwas schwächelt, ist zu verschmerzen – auch wenn ich dem Buch aus diesem Grund nicht die Höchstpunktzahl gegeben habe. Eine dicke Leseempfehlung für Jugendliche ab 13 Jahren hat das Buch trotzdem verdient.

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(Ulf Cronenberg, 10.09.2008)

Lektüretipp für Lehrer!

Wer mit einer Schulklasse über Medien diskutieren möchte, wer Schüler für Persönlichkeitsrechte und Datenschutz sensibilisieren will, der sollte sich Bettina Obrechts Buch anschauen. Für interessante Diskussionen ab Ende der 7. Klasse dürfte damit jedenfalls gesorgt sein. Ein Vorteil ist auch, dass man dieses Buch – trotz weiblicher Hauptperson – mit Jungen wie mit Mädchen lesen kann. Für beide bietet das Buch Anknüpfungspunkte.

In „Isoliert“ kommt auch ein Schulprojekt zum Thema Überwachung zur Sprache, das eine Lehrerin in ihrer Klasse durchführt. Nicht, dass man das nachstellen sollte – aber auch hier können sich Diskussionen ergeben. Und was mir noch einfällt: Ergänzen könnte man die Besprechung von „Isoliert“ durch eine Thematisierung des Milgram- und des Stanford-Prison-Experiments.

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