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Buchbesprechung: Veronika Rotfuß "Mücke im März"

Cover RotfußLesealter 12+(Carlsen-Verlag 2008, 190 Seiten)

Manchmal spielen einem irgendwelche Vorannahmen Streiche – so ist mir das bei Veronika Rotfuß gegangen.

Ich habe es mir zur Angewohntheit gemacht, den Klappentext eines Buches nicht zu lesen, bevor ich mit dem Lesen nicht schon einigermaßen weit bin – denn mir wird dort oft schon zu viel verraten, was dann dem Lesen die Spannung nimmt. Und was habe ich mir dann selbst bei dem Namen Veronika Rotfuß zusammengereimt? Eine etwas ältere deutsche Schriftstellerin, von der ich nur noch nichts gehört und gelesen hatte … Leider (oder Gott sei Dank!) ziemlich daneben: Die Münchner Autorin von „Mücke im März“ ist noch ziemlich jung, und das bei Carlsen erschienene Buch ist ihr Erstlingswerk.

Inhalt:

Mücke wird bald 16 Jahre alt und ihre Familie hat seit zwei Jahren mit großen Problemen zu kämpfen, denn seitdem leidet Mückes 47-jährige Mutter an Alzheimer (was man übrigens erst in der Mitte des Buches erfährt). Mückes Vater ist zudem viel unterwegs, weil er als eine Art Kommunikationsberater in der ganzen Welt herumreist. Um Mücke, ihren kleinen Bruder Jan sowie Mückes Mutter kümmert sich deswegen unter der Woche Frau Kowalski, die nur an den Wochenende nicht bei ihnen lebt. Und da ist auch immer einiges zu tun: Denn Mückes Mutter braucht Windeln und ist – mal mehr, mal weniger – desorientiert.

Ihre Freizeit verbringt Mücke meist mit ihrer Freundin Nora, und während diese ständig, aber immer nur für kurze Zeit verliebt ist und einen Freund nach dem anderen hat, ist Mücke viel zurückhaltender. Doch schon seit längerer Zeit ist sie in Yurik verliebt – einen Jungen, dessen eines Bein 3 cm kürzer als das andere ist und der deswegen immer ein wenig humpelt. Doch Mücke stört das nicht. Als Yurik ihr an einem Schultag in die Mädchen-Toilette der Turnhalle folgt, ist Mücke ganz mutig, zieht Yurik an sich und küsst ihn. Yurik ist – wie Mücke selbst – etwas perplex, und entsprechend verhalten gehen die beiden in den nächsten Tagen miteinander um.

Zu Hause geht es bei Mücke zunehmend drunter und drüber, denn die Zustände ihrer Mutter werden immer schlimmer. Als ihre Mutter eines Tages auf Jan losgeht, überlegt die Familie, ob Mückes Mutter nicht doch in ein Pflegeheim für Demenzkranke gehen muss. All das macht Mücke mehr zu schaffen, als sie sich selbst eingesteht …

Bewertung:

Seltsam war für mich der Einstieg in dieses Buch im Nachhinein. Es hat sehr lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass „Mücke im März“ eigentlich kein Kinder-, sondern ein Jugendbuch ist. Und selbst als ich wusste, dass Mücke fast 16 Jahre alt ist, tat ich mich schwer, das zu akzeptieren. Ich habe mich lange gefragt, warum das so war, und bin zu dem Schluss gekommen, dass es an Veronika Rotfuß‘ unbekümmertem, manchmal etwas naivem Schreibstil liegt. Mückes Denken und Fühlen, aber auch ihr Verliebtsein in Yurik wird ein wenig wie das Verhalten eines trotzigen Kindes beschrieben. Es wirkte nicht wie das Verhalten eines 15-jährigen Mädchens.

Erst nach der Hälfte des Buches hat sich dieser Eindruck verflüchtigt – Mücke wird von da ab etwas reifer beschrieben. Und mit dieser Entwicklung hat mir „Mücke im März“ auch immer besser gefallen. Zu Beginn bin ich nicht so richtig in die Geschichte reingekommen, immer ein bisschen außen vor geblieben, bis mich die Geschichte über einen Monat in Mückes Leben doch noch gefangen genommen hat.

Ich habe mich auch lange gefragt, ob vielleicht diese Entwicklung Mückes vom Kind zur Jugendlichen sowie die Veränderung des naiven Schreibstils hin zu mehr Tiefe dem Entwicklungsprozess der Autorin während des Schreibens ihres ersten Buches entspricht – ob also Veronika Rotfuß das Buch mit ganz anderen Vorstellungen begonnen hat, als sie es dann abgeschlossen hat. Vielleicht ist das wirklich so – sicher bin ich mir jedoch nicht. Dass das eine absichtlich im Buch beschriebene Entwicklung ist, schien mir jedenfalls eher unwahrscheinlich, denn dafür ist sie zu ausgeprägt.

Wie urteilt man über ein Buch, bei dem man während des Lesens über eine solche Entwicklung gestolpert ist? Alles in allem ist „Mücke im März“ jedenfalls ein bezauberndes Buch. Es handelt von einem Mädchen, das noch nicht sein Ziel vor Augen hat, das mit der schwierigen Situation zu Hause umgehen lernen muss und dabei sehr sympathisch ist. Letztendlich ist die Naivität, die im Schreibstil des Buches durchschimmert, genau auch die Stärke dieses Buches. Es kommt vom Herzen, es wirkt nicht konstruiert und ist einfach erfrischend.

Fazit:

4-einhalb von 5 Punkten. Veronika Rotfuß‘ erstes Buch ist ein Roman, an dem vor allem Mädchen Gefallen finden dürften – dass Jungen dieses Buch begeistert aus der Hand legen, kann ich mir nicht so recht vorstellen. Das liegt daran, dass die äußere Handlung im Buch nicht die zentrale Rolle spielt, sondern das innere Geschehen in Mücke Hauptthema ist. Und Mückes Fühlen und Erleben ist eben doch recht typisch für Mädchen.

„Mücke im März“ ist ein willkommen erfrischendes Buch, wie man es selten in der Hand hält. Es ist gut, dass es solche Bücher gibt. Für meinen Geschmack trifft Veronika Rotfuß am Anfang ihres Buches zwar leider nicht so ganz den Ton, der zur Geschichte einer 15-Jährigen passt (ich bin gespannt, ob das nur mir so geht, oder andere einen ähnlichen Eindruck haben. Ich weiß auch schon, wen ich fragen kann …), aber ansonsten hat mir „Mücke im März“ wirklich gut gefallen.

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(Ulf Cronenberg, 14.09.2008)

Weitere Informationen über Veronika Rotfuß, die übrigens auch als Schauspielerin arbeitet, findet ihr auf ihrer Homepage. Und da ist auch zu sehen, dass die Autorin noch ziemlich jung ist … 😉

Kommentare (0)

  1. Mechthild Gornik

    Der Rezension, aufmerksam geworden über das Stichwort „Alzheimer“, möchte ich eingie Gedanken hinzufügen:
    Meine Mutter erkrankte im gleichen Alter wie dem der Protagonistin an Alzheimer. Sie lebte mit dieser unheilbaren Krankheit weitere 25 Jahre. Fakt ist: Zuerst ist die Großhirnrinde betroffen – bis zu Windeln ist ein Weg von mehr zwanzig Jahren zu erleiden! Man sollte solche Prozesse nicht in Zeitraffermanier abhandeln, weil der Weg für die Betroffenen und die Familien ein langer … ist.

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  2. Carolina N.

    Ich kann deinen Eindruck überhaupt nicht bestätigen. Ich bin jetzt zwar über ein Jahrzehnt von meinen 15 / 16 Jahren entfernt … 🙂 – aber als ich das Buch las, fühlte ich mich wieder eine Teenie. Jeder von uns hat sich mit 15 / 16 mit Sicherheit sehr unterschiedlich verhalten. Vor allem wenn es um (Liebes)beziehungen ging. Da waren manche bestimmt reifer als andere usw. …

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